Labor Day

Labor Day





Backe, backe Kuchen

Die Idee ist perfekt. Zwei Außenseiter, zwei emotional Gebeutelte finden zueinander. Leben ein paar gestohlene Momente lang in einem Paradies. Doch es ist eine Frage der Zeit, bis sie diesen geschützten Raum verlassen müssen. Mehr Drama kann ein Film nicht haben. Was für Voraussetzungen für einen großen, zeitlosen Liebesfilm. "Labor Day" (2013) könnte "Titanic" ablösen. Doch außer Kate Winslet in der Hauptrolle sind keine Parallelen zu finden, und der Vergleich verbietet sich, kaum ausgesprochen, von selbst.

Just hat Teenager Henry (Gattlin Griffith) die Zeitschriften mit den hübschen Frauen auf dem Cover heimlich belinst, steht er vor ihm: ein riesengroßer Mann (Josh Brolin) mit schmerzverzerrtem Gesicht, der ihm befiehlt, ihm zu helfen. Eigentlich ist der Einkauf im Supermarkt schon Aufregung genug: Für Henry wegen der Illustrierten, für seine Mutter Adele (Kate Winslet), weil sie sich seit der Trennung von ihrem Mann kaum mehr aus dem Haus traut. Was sollen sie jetzt tun, da der offenbar verletzte Unbekannte darauf besteht, dass sie ihn mitnehmen? Sie bezahlen an der Kasse, verhalten sich unauffällig und fahren zu dritt nach Hause. Der Tag vor dem Labor-Day-Wochenende wird ihr Leben prägen.

Frank Chambers ist auf der Flucht vor der Polizei, wie auch die Nachrichten und bald alle Nachbarn wissen, und er will sich bei Adele und Henry verstecken. Ziemlich schnell harmonieren die drei miteinander und funktionieren sehr gut im Team. Frank repariert kaputte Dinge in Haus und Garten, dabei sieht er sehr männlich aus. Und wenn es dann in die Küche geht, hat er ein erstaunliches Feingefühl für Backzutaten. Hände finden sich in der Backschüssel. Hände finden sich in der Backschüssel? Oh ja. Und später tanzen Adele und Frank in der Küche. Sie barfuß, er nicht.

Jason Reitman hat sich nur die kitschigsten Momente herausgesucht, um Joyce Maynards Bestseller "Der Duft des Sommers" zu bebildern. Großaufnahme Backzutaten, naive Idylle. Im Grunde sind die Biografien der Hauptfiguren, die Reitman in den Leerräumen entrollt, durchaus interessant. Am Inhalt soll es also nicht liegen - problematischer ist die weichgespülte Inszenierung, die selbst Romantikfans zu schaffen machen könnte. Blümchenkleid, Blümchen im Haar und Pfirsiche reichen nicht für eine Liebesgeschichte, wenn das allzu reduzierte Spiel der Beteiligten die Entwicklung nicht greifbar macht.

Kate Winslet hat sich ein sehr enges Korsett auferlegt bei ihrer Interpretation der Rolle und lässt die Lippen zusammengepresst, egal was gerade passiert. Noch schlimmer Brolin, der den Unterschied zwischen "stoisch" und "leblos" nicht verstanden zu haben scheint. Er wechselt bis zum bitteren Ende nicht einmal den Gesichtsausdruck. Die Schauspielarbeit macht allein Gattlin Griffith. Grandioser Junge, bereits gesehen in "Green Lantern" (2011).

Wie ist es möglich, dass man den Unterschied zu Rosamunde Pilcher in "Labor Day" mit der Lupe sucht? Dabei leistete sich Jason Reitman als Regisseur bisher keinen einzigen Ausfall: "Thank You For Smoking" und "Juno" waren seine ersten Filme, dann folgten der brillante "Up In The Air" mit George Clooney und die Komödie "Young Adult". Wie konnte ihm "Labor Day" passieren, ein Film, der die Handschrift von Lasse Hallström zu seiner schlechtesten Zeit, nämlich heute, trägt? Früher mochte man besagten Schweden für "Schiffsmeldungen" oder "Chocolat", doch in den letzten Jahren schwamm er sich im Zuckerguss fest. Und der 36-jährige Kanadier Reitman gesellt sich mit diesem Liebsdrama dazu.

Immerhin ist das Ende nicht so vorhersehbar wie mancher befürchtet. Doch auch wenn die Realität in die Idylle einbricht, wird noch mal mit einem massiven Zeitsprung eine Menge erzählt. Ja, es ist damals viel passiert in diesem heißen Sommer 1987 in New Hampshire. Da sollte nicht nur Kuchenbacken in Erinnerung bleiben.

Quelle: teleschau - der mediendienst