Iris Berben

Iris Berben





Keine Lust aufzuhören

Zwangsrente? Eine Horrorvorstellung für Iris Berben! In ihrer neuen Komödie "Miss Sixty" passiert ihr zwar genau das. Im echten Leben aber ist die 63-Jährige noch lange nicht so weit. Von Ermüdungserscheinungen keine Spur - nicht einmal im letzten Interview des Tages. Im Gegenteil: Beim Gespräch über Frauenrechte gerät sie sogar richtig in Fahrt. Das politische Engagement der Schauspielerin, die sich im Laufe ihrer langen Karriere schon für "Playboy" oder "Penthouse" auszog, ist nach wie vor ungebrochen. Anders als ihre Filmfigur ist Berben nämlich eine bekennende "Miss Sixty-Eight".

teleschau: Ein Blick auf Ihre Homepage verrät: Sie sind gut durchgetaktet. Dort sind schon wieder Termine bis Juni vermerkt. Worauf würden Sie Ihre Energie verwenden, wenn man Sie - wie Ihre Filmfigur - in Zwangsrente stecken würde?

Iris Berben: Darauf, eine Möglichkeit zu finden, irgendwie weiterzumachen. Die Vorstellung ist mir so fremd. Mein Beruf hat immer ganz viel Platz in meinem Leben eingenommen. Ich weiß, was das für ein Privileg ist, einen Beruf zu haben, den man gerne macht. Wenn ich da rausgerissen würde - das wäre eine Qual. Aber ich schwöre, ich würde auch die anderen quälen.

teleschau: Auch Ihre Filmfigur Luise trifft das ziemlich hart.

Berben: Ja, sie hat ihr Leben lang ihren ganzen Fokus nur auf die Wissenschaft gelegt. Sie hat alles andere - und sich selbst - einfach ausgeblendet. Und mit 60 erst festzustellen, dass einem das Leben irgendwie abhanden gekommen ist ... das ist ein hohes Alter. Ich weiß das, ich werde jetzt 64. Ich bin im letzten Drittel meines Lebens angekommen.

teleschau: Wie fühlt sich das an?

Berben: Ich habe einen großen Batzen Leben gelebt und absolut keine Lust, damit aufzuhören. Meine Neugierde und meine Leidenschaft sind groß. Ich hoffe darauf, dass auch die Kräfte bleiben. Eigentlich wird man nie älter als 18, so heißt es im Film. Und dem nähere ich mich jetzt auch wieder. Die 18 ist ja ein Synonym für Wagnisse und für Neugierde. Die kann ich jetzt alle eingehen, denn ich habe schon viel geleistet: Ich habe gesät, ich habe geerntet. Jetzt bin ich frei. Ich habe die Sehnsucht, immer wieder neues Terrain zu betreten, immer wieder etwas Neues zu wagen.

teleschau: Wie etwa, den Titelsong für den Film einzusingen?

Berben: (lacht) Das würde ich eher mit Nötigung umschreiben. Meine Regisseurin hat mich genötigt. Man muss ja immer mal wieder in irgendwelchen Rollen singen, ich musste schon Brecht singen. Aber das ist ja kein wirklicher Gesang. Und ich weiß, ich kann nicht singen. Da habe ich Nein gesagt. Aber dann kam sie mit Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten. Das ist meine Zeit, meine Musik. Ich habe gefragt: "Der würde das mit mir machen?" Auch, als wir's dann probiert haben, fand ich, das ist kein Gesang. Aber es gibt ein bisschen das Gefühl des Films wieder, so leicht und mit Augenzwinkern. Also habe ich zugestimmt - ein Wagnis eben.

teleschau: Mut ist jetzt aber keine Neuentdeckung für Sie, oder? Wegen Ihres gesellschaftlichen Engagements gelten Sie vielen sogar als Vorbild ...

Berben: Die Vorbildfunktion ist eine, die mich zurückschrecken lässt. Ich höre das natürlich oft. Aber ich sehe mich selbst nicht so. Eine Vorbildfunktion lenkt immer von dem ab, was man auch ist: Ich bin oft verunsichert, dünnhäutig oder peinlich. Ich weiß oft nicht weiter. Das sind nicht die Momente, die gesehen werden. Aber die machen mich auch aus. Als ich mit 21 mein Kind bekam, habe ich mir keinen Kopf darüber gemacht, dass ich damit eine Vorbildfunktion einnehme. In der Zeit hat man eher mit moralischen Angriffen gerechnet. Und die gab es auch. Schauspielerin zu sein, war fast unmoralisch. Dann habe ich das Kind selbst erzogen, ohne Vater an der Seite. Da musste ich mich eher gegen Vorurteile wehren.

teleschau: Woher nehmen Sie Ihren Kampfgeist?

Berben: Es hat mich sicher geprägt, mit den 68-ern groß zu werden. Es hat mich geprägt, zwei Jahre lang auf Demos mitzulaufen, die ich politisch gar nicht ganz durchblickt habe zu der Zeit. Aber ich war vorher zehn Jahre auf dem Internat. Das war damals noch ganz anders als heute, es war wie aus der Welt geholt. Die Zeit der 68-er war also umso reizvoller. Alles, was den Geruch von Widerstand und Ungehorsam hatte, war meine Welt. Widerstand zu leisten und zu hinterfragen, das habe ich da gelernt. Man darf ja auch nicht vergessen, wo die 68-er herkamen. Heute wird reflexartig von Terror geredet, sobald das Thema darauf kommt. Aber man muss der Sache auf den Grund gehen.

teleschau: Und was findet man da?

Berben: Die 68-er waren gegen die Verkrustung und Obrigkeiten. Unsere heutige Demokratie ist ein Teil der 68-er, wir profitieren immer noch davon. Man muss fragen, warum Dinge sind, wie sie sind. Nicht einfach nahtlos von einer Zeit in die nächste übergehen.

teleschau: Bei all dem Protest - haben Sie eigentlich auch gegen Ihre Mutter aufbegehrt? Die hat Sie ja in dieses Internat erst gesteckt.

Berben: Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter ist ein Freigeist, der selbstbestimmteste Mensch, den ich kenne. Sie hat in einer so ungewöhnlichen Zeit ein so ungewöhnliches Leben gelebt - wenn es überhaupt ein Vorbild für mich gibt, ist sie das. Ich habe Alice Schwarzer nicht gebraucht, um Emanzipation zu begreifen, die habe ich bei ihr gelernt. Meine Mutter hat damals einfach nur versucht, mir eine Form von Ordnung zu geben, die sie mir durch ihre zwei gescheiterten Ehen nicht geben konnte. Das habe ich nie als Verrat angesehen. Deshalb musste ich mich auch nie von ihr entfernen.

teleschau: Aber so symbiotisch wie bei Ihrer Filmfigur Luise ist die Beziehung nicht, oder?

Berben: Nein. (lacht) Das lag schon daran, dass sie in Portugal lebte und ich in Deutschland. Vielleicht waren wir uns auch durch diese Distanz unendlich nah.

teleschau: Sind Sie beide heute beste Freundinnen?

Berben: Ja, sicherlich sind wir ... aber nein. Freundin klammert das Muttersein irgendwie aus. Und das merke ich ja bei meinem Sohn. Es ist wunderbar, mit ihm auf Augenhöhe arbeiten zu können. Vor allem, dass er sich so vollständig abgenabelt hat und seinen eigenen Weg geht. Aber man bleibt natürlich die Mutter. Auch wenn ich ihn bei der Arbeit als Partner sehe.

teleschau: Das ist schon eine sehr spezielle Form der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie haben sich an anderer Stelle aber auch schon darüber geärgert, dass das bis heute nicht so selbstverständlich ist ...

Berben: Ja. Dass das überhaupt immer mal wieder diskutiert wird! Frauen, die Karriere machen wollen, sind böse Karrierehexen. Und Frauen, die sich darauf konzentrieren, ihre Kinder großzuziehen, sind doofe Hausmütterchen.

teleschau: Man kann es eigentlich nur noch falsch machen.

Berben: Eben. Das ist auch das eigentliche Thema des Films, finde ich. Es geht nicht um die Frau mit 60, die ein Kind will. Das wird es geben, weil es biologisch möglich ist. Aber die Frage ist: Warum? Und das ist die Frage, die gesellschaftlich gelöst werden muss. Frauen, die ihre Karriere, ihre Vorstellungen und Träume leben wollen und dann eben kein Kind bekommen, weil sie sagen: Das bringt mich jetzt nur raus. Social Freezing, also das Einfrieren von Eizellen, ist eine tolle Möglichkeit, selbst über den Zeitpunkt der Schwangerschaft zu bestimmen. Aber da muss man ganz, ganz vorsichtig sein.

teleschau: Inwiefern?

Berben: Es darf nicht passieren, dass das zum Lifestyle wird und man darüber vernachlässigt, dass man den Frauen sagen muss: Du kannst das Kind bekommen und deinen Beruf machen. Daran müssen wir arbeiten! Wir müssen Frauen die Möglichkeit geben, die Männer auch haben. Ein Mann fällt nicht aus dem Berufsleben heraus, wenn er ein Kind bekommt. Ein, zwei, drei Jahre. Eine Frau schon. Sie kann nicht nahtlos anknüpfen. Und wir reden immer noch über Kitas, über Versorgung, über Möglichkeiten und immer wieder über Karrierefrauen! Wer führt denn noch solche Diskussionen! Ich bin wütend über so etwas. Auch über die Diskussion, ob wir eine Frauenquote brauchen. Ich war eigentlich gegen die Quote. Aber inzwischen bin ich für die Quote, weil sie offenbar nötig ist. Ich kenne das Thema noch aus den 70-ern! Und wir sind immer noch an dem Punkt! Darüber müssen wir reden! Nicht darüber, ob eine Frau mit 60 Mutter werden kann. Ja, kann sie. Kriegt man hin. Ist, glaube ich, nicht sehr günstig für ein Kind. Aber wer fragt eigentlich Väter, die mit über 60 noch Kinder zeugen, nach ihrer Verantwortung? Müssen die etwa nicht für Ihre Kinder da sein?

teleschau: Hat sich denn gar nichts in der öffentlichen Wahrnehmung gewandelt seit den 70-ern?

Berben: Doch, schon. Aber wir müssen eben weiter an dieser Stelle schrauben.

teleschau: Ist Ihr feministisches Engagement eigentlich auch ein Grund, aus dem Sie die Rolle als Grundgesetz-Schrauberin Elisabeth Selbert im ARD-Film "Sternstunde ihres Lebens" angenommen haben?

Berben: Ich bin keine Feministin. Ich bin emanzipiert, aber keine Feministin. Dazu liebe ich meine feminine Seite zu sehr.

teleschau: Müssen Feministinnen denn verbohrte Mannsweiber sein?

Berben: Das nicht. Aber manches schließt sich eben aus bei mir. Diese Rolle habe ich aber sehr gerne angenommen. Zum einen, weil ich Elisabeth Selbert nicht kannte. Ich wusste nicht, dass sie für diesen Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" gekämpft hat. Auch in meinem Umfeld kannte sie keiner. Und gerade zurzeit gibt es vielfach wieder so eine konservative Haltung bei vielen jungen Menschen, da dachte ich, das ist der richtige Film zur richtigen Zeit. Es war trotzdem nicht leicht, die Produktion durchzusetzen. Aber es gehört ja schließlich zu den Aufgaben eines öffentlich-rechtlichen Senders Wissenslücken zu schließen!

Quelle: teleschau - der mediendienst