"Ich will gut und heiter leben"

"Ich will gut und heiter leben"





Milan Peschel spielt eine der Hauptrollen in der Komödie "Irre sind männlich" (Start: 24.04.)

Mittlerweile ist sein Name auf dem Kinoplakat nach oben gerückt. Milan Peschel, Berliner Urgestein mit ebensolchem Dialekt, hat die Theaterklamotten an den Nagel gehängt. Durch die mehrfache Zusammenarbeit mit Matthias Schweighöfer kennt ihn ein großes Publikum. Jetzt darf er mit 46 flügge werden, selbst Verantwortung über Wohl und Wehe eines Films übernehmen. Peschel spricht im Interview über den Druck und die Schubladen der Filmbranche, in die er sehr spät kam. Zu spät, um sich darüber Illusionen zu machen, wie er sagt. Er wirkt grundentspannt, ganz anders als seine Rolle in "Irre sind männlich" (Kinostart: 24.04.). Wie wird man so? Drei Dinge scheinen wichtig: Familie, Freunde, die man überraschenderweise auch beim Film findet und vor allem - Entscheidungen!

teleschau: "Irre sind männlich" und zwei davon greifen bei Familienaufstellungen Frauen ab. Eine verrückte, aber naheliegende Idee. Haben Sie ein bisschen ein schlechtes Gewissen ob des Themas?

Milan Peschel: Das würde ich nicht so eng sehen. Es ist eine Komödie, die mit dem Thema spielt, die aber nicht denunziert, wie ich finde. Gut, bei meiner Geschichte mit Marie Bäumer wird es ein bisschen krachledern, aber dafür ist es sehr lustig. Ein guter Freund von mir macht gerade eine Therapie und kann darüber lachen. Das ist dann okay, oder?

teleschau: Ein lieber Kerl und ein Schwerenöter in den Hauptrollen. Letzterer sollte mit einem "auffallend attraktiven" Mann besetzt werden, so Produzent Ilja Haller. Dann empfand man das als langweilig und entschied sich für Sie - ist das nicht frech?

Peschel: Wegen dem "attraktiv"? Ach, Gott, ich bin 46, diese ganzen Kategorien sind mir so egal, wirklich. Ich bin der, der die Rolle bekommen hat, und der sie, glaub ich, ganz okay spielt. So what ...

teleschau: Wäre das denn mit 32 anders gewesen?

Peschel: Hm, da hätte es mich vermutlich mehr aufgeregt. Aber in der heutigen Situation stört es mich nicht. Eigentlich ... war ich immer schon Realist.

teleschau: Sie spielen diese Rolle mit unglaublicher Lust und großartigen Details. Eine obszöne Geste beim Abschied aus dem Therapiezentrum, liebevoll gedacht für Marie Bäumer, wirkt beispielsweise sehr spontan. War Sie das?

Peschel: Die optische Ergänzung zu "Wir telefonieren" ist mir beim Drehen eingefallen (grinst). Die beiden hatten ja den Hammersex ...

teleschau: So was machen Sie gern, oder?

Peschel: Klar, ich bin ein Spieler und reichere die Szene mit mehr als dem gesprochenen Wort an. Um Sachen weiterzuspinnen, ist man ja, meiner Meinung nach, Schauspieler.

teleschau: Die Chemie stimmt, sowohl mit Therapie-Crasher-Kumpel Fahri Yardim als auch mit Marie Bäumer, mit der Sie schon in Sebastian Schippers "Mitte Ende August" ein Liebespaar spielten. Sie beide nehmen gewaltig Fahrt auf.

Peschel: Ja, zwischen Marie und mir passte das so gut, dass die am Set schon vermuteten, wir hätten ein Verhältnis (lacht). Und mit Fahri war das auch toll. Beim Drehen lerne ich immer neue Menschen kennen, muss mich einstellen, was seinen Reiz hat. Fahri und ich wurden nicht mal gecastet. Die Produzenten sagten, das sind die Richtigen, ohne zu testen, ob es wirklich klappt. Und wenn das dann funktioniert, freut einen das.

teleschau: Herauskommt eine wirklich lustige, deutsche Komödie.

Peschel: ... die wesentlich besser ist als der Titel. Sie ist leicht, aber nicht seicht. Ich war unsicher, ob es klappen würde, aber als ich den Film das erste Mal gesehen habe, wusste ich: Der ist gut, der ist erwachsen und hat einen ganz eigenen Ton.

teleschau: Als Nächstes steht wieder eine Produktion mit Matthias Schweighöfer an, an dessen Seite Sie schon öfter drehten. Wie wertvoll ist Ihnen die Zusammenarbeit mit vertrauten Menschen?

Peschel: Das ist ein absolutes Pfund. Matthias hat mir die Möglichkeit geschaffen, im kommerziellen Bereich durchzustarten. Das war gar nicht so einfach durchzusetzen. Für "What A Man" (2011) musste ich zweimal zum Casting antanzen, obwohl er mich als Regisseur ausdrücklich wollte. Dafür bin ich ihm dankbar. Er ist für mich großes Glück. Zum Film konkret kann ich noch gar nichts sagen, aber ich habe es auch läuten gehört.

teleschau: Mancher würde durch den Karriereschub, wie Sie Ihn erlebt haben, sogar eher Stress spüren, weil er nun mehr will - reicher, schöner, berühmter werden.

Peschel: Stimmt. Wie halte ich mich da jetzt, wäre die Frage. Aber ich verkrampf da überhaupt nicht. Matthias kann mich besetzen. Wenn nicht, bleiben wir auch Freunde. Wir sind ja nicht Freunde geworden, weil wir uns was voneinander versprechen. So lange es läuft, ist doch schön und wenn nicht, dann werde ich es mir auch schön machen ...

teleschau: In welche Richtung geht Plan B?

Peschel: Ach, den mach ich, wenn ich ihn brauche. Mir ist bisher immer irgendwas eingefallen.

teleschau: Ihre Freundschaft muss schon eine Weile bestehen, Sie sind ja auch Pate von Matthias' Tochter.

Peschel: Matthias kannte mich aus dem Theater, hat mich in der Volksbühne gesehen und mochte mich. Kennengelernt haben wir uns bei "Das wilde Leben" (2007), dem Film über Uschi Obermaier. Wir hatten sofort eine Verbindung. Es war, als würden wir uns ewig kennen, wie zwei Brüder, die sich lange nicht gesehen haben. Vielleicht weil wir aus dem gleichen Stall kommen. Es scheint der gleiche Urschleim zu sein - auch wenn er wesentlich jünger ist. Wir haben Osterfahrung und eine ähnliche Biografie. Ich stand auch schon mit seinem Vater Michael zusammen auf der Bühne.

teleschau: Sie sind auch stets am Theater präsent, bis Mai noch in Hannover mit "Das Mädchen Rosemarie".

Peschel: Meistens habe ich zwei Inszenierungen im Jahr, nächstes Jahr wird es sogar nur eine. Ich halte mir gerne die Zeit fürs Drehen frei und freue mich auf jede Arbeit, will nicht routiniert werden. Es verleiht mir ein großes Gefühl von Freiheit, Regie führen zu können, wenn ich vom Film die Schnauze voll habe. Von keiner der beiden Komponenten wirklich abhängig zu sein, ist Luxus. Und auch wenn es an die Erschöpfung geht, macht es Spaß. Aber ich arbeite mich nicht tot.

teleschau: Ihnen wohnt eine zufriedene Gelassenheit inne ...

Peschel: Ich wäre auch blöd, wenn ich mich jetzt heiß mache. Dann wäre ich komplett unentspannt. Und ich habe kein Bock auf Stress, ich will gut und heiter leben. Ich mache genau das, was ich machen will und kann meine Familie damit ernähren. Die Zufriedenheit, die man ausstrahlt, ist auch ein gutes Zeichen an die Kinder, gerade, wenn man oft nicht da ist und sie einen mal schmerzlich vermissen. Aber wenn sie sehen, dass man glücklich damit ist, dann entwickeln sie Verständnis.

teleschau: Sie haben Ihr Familienleben mal beschrieben als Glück, das zu ihnen gekommen ist. Mancher geht dran vorbei. Sie haben es gesehen.

Peschel: Das gilt auch heute noch. Jeden Tag, an der gleichen Stelle. Es ist generell eine Lebenseinstellung, ob man bereit ist, das Glück zu erkennen - oder ob man immer noch auf die nächste, bessere Party hofft, nicht nur privat, auch beruflich.

teleschau: Wie macht man's gut?

Peschel: Ich glaube, dass es gut ist, Entscheidungen zu treffen. Selbst wenn man zwei Minuten später denkt: ach, hätte ich doch. Ich muss ja nicht alles auf die Goldwaage legen. Sich für oder gegen etwas entscheiden, ist total wichtig, das muss gar nichts Großes sein. Entscheidungen fällen wird leichter, wenn man Erfahrung hat. Aber richtig schwer gefallen ist mir das nie, nur im Restaurant kann ich das nicht, da muss ich immer erst gucken, was die anderen bestellen.

teleschau: So lange sie dann nicht sagen: Das hätte ich auch nehmen sollen.

Peschel: Das sag ich immer (lacht).

teleschau: Diesmal steht Ihr Name groß auf dem Plakat. Das bedeutet Verantwortung. Ist es spannend zu sehen, ob es reicht, die Leute ins Kino zu locken?

Peschel: Wenn man davor Angst hätte, dürfte man den Job gar nicht machen. Wenn der Film nicht gut läuft, geht die Welt nicht unter, aber es wäre schade.

teleschau: Gibt es beruflich überhaupt etwas wovor sie Angst haben?

Peschel: Nein, die einzige Angst, die es gibt, wäre, mit schlechten Partnern arbeiten zu müssen oder mich in einer schlechten Vorabendserie zu langweilen. Deshalb habe ich am Theater gekündigt, obwohl ich am besten Deutschlands war. Aber ich wusste, ich will noch andere Sachen ausprobieren. Die Möglichkeit bot sich, ich nahm sie wahr, sonst wäre ich irgendwann meckerndes Kantineninventar geworden. Solche Vorstellungen machen mir dann Angst. Aber es liegt an einem selber, Entscheidungen zu treffen und Dinge zu verändern.

teleschau: Und seither, seit Ihrem Engagement an der Volksbühne bis 2008, gab es auch kein festes Engagement mehr.

Peschel: Nein. Ich denke, das wird es auch nicht mehr geben. Nicht weil ein festes Engagement schlecht ist, aber ich finde die Freiheit schon toll.

Quelle: teleschau - der mediendienst