Nächster Halt: Fruitvale Station

Nächster Halt: Fruitvale Station





Macht der Gewohnheit

Mit weniger Kohlenhydraten will Sophina (Melonie Diaz) ihre Figur halten. 30 Tage muss sie durchhalten. So lange dauert es angeblich, bis ein neues Verhalten zur Gewohnheit wird. Sophinas Freund Oscar (Michael B. Jordan) hat ganz andere Vorsätze fürs neue Jahr: Kein Stoff mehr verticken, keine anderen Frauen. Doch zum Einlösen der Versprechen bleibt ihm kaum Zeit. "Nächster Halt: Fruitvale Station" erzählt auf Fakten beruhend die letzten 24 Stunden des Oscar Grant. Nach dem Gespräch mit der Freundin werden authentische Handyaufnahmen eingeblendet, die zeigen, wie der 22-jährige Afroamerikaner am Neujahrsmorgen 2009 von einem Sicherheitsbeamten an einer U-Bahn-Station in San Francisco erschossen wurde. Das traurige Ende zu kennen, mindert nicht die Wucht des Films - es erhöht sie.

Der 31. Dezember 2008 könnte für Oscar ein schöner Tag sein. Am Morgen scheint er Sophina davon überzeugt zu haben, dass er ihr in Zukunft die Treue halten wird. Am Abend wollen sie nicht nur Silvester feiern, sondern auch den Geburtstag seiner Mutter (Octavia Spencer). Oscar freut sich darauf. Doch nachdem er die gemeinsame Tochter Tatiana (Ariana Neal) zum Kindergarten und Sophina zur Arbeit gefahren hat, ist er allein mit seiner Verzweiflung - und seinen Lügen.

Heute ist nicht sein freier Tag, wie er behauptet. Der Supermarkt, bei dem er beschäftigt war, hat ihn bereits vor zwei Wochen gefeuert, weil er ständig zu spät kam. Ein streunender Hund, der vor seinen Augen überfahren wird, seine Schwester, die Geld braucht, das Datum für die fällige Miete im Kalender vor Augen ... Würde er sich nicht besser fühlen, wenn er das Päckchen Gras verkaufen würde, das er im Schrank versteckt?

"Nächster Halt: Fruitvale Station" macht es sich keineswegs einfach mit der Umkehr im Lebensweg, die Oscar versucht. Hauptdarsteller Michael B. Jordan zieht tief in die Anfechtungen des vorbestraften Oscar Grant hinein. Für die Rolle erscheint er eigentlich zu reif. Doch Drehbuch und Regie von Newcomer Ryan Coogler gleichen das mit einer unerbittlich differenzierten Schilderung von Oscars' Dilemma aus.

Eine Lüge ergibt die nächste, Fehltritt folgt auf Fehltritt. Oscar steckt in einem Labyrinth der Unehrlichkeit und Verfehlung, aus dem er kaum noch herausfindet. Seine Umgebung ist ihm dabei keine wirkliche Unterstützung mehr. Seine Mutter kann ihre grenzenlose Enttäuschung über ihn kaum verbergen. "Du musst ihn lieben, denn er ist wirklich kein großer Fang", sagt sie zu Sophina. Die scheint es Oscar übel zu nehmen, dass er, wenn er schon seinen Job verloren hat, nicht wenigstens den Stoff verhökert hat.

Alle sind daran gewöhnt, dass Oscar die Realität flieht, kindisch oder aufbrausend ist, und handeln danach: abweisend, misstrauisch oder mitleidig. Dass Oscar sich ändern will, irritiert fast. Der Macht der Gewohnheit zu unterliegen, beschreibt "Nächster Halt: Fruitvale Station" unerbittlich als Quelle der Tragik für alle Menschen. In Oscars Fall wird sie durch eine Vorstrafe, Arbeitslosigkeit und Rassismus noch potenziert, ohne dass sich vereinfachend sagen ließe, was letztlich für Oscars dramatisches Ende nach einem Streit in der U-Bahn verantwortlich ist. Schon das ist eindrucksvoll gezeigt. Grandios aber ist, dass die irrationale Hoffnung des Zuschauers, Oscar möge doch irgendwie überleben, letztlich zum universellen Wunsch hinleitet, jeder Mensch möge aus seinen Teufelskreisen ausbrechen können - und dass man ihm dabei helfen kann.

Quelle: teleschau - der mediendienst