Francis Fulton-Smith

Francis Fulton-Smith





Mein Körper, ein Gefäß

Schmonzetten-Liebling Francis Fulton-Smith ("Familie Dr. Kleist") gibt einen überragenden Franz Josef Strauß im spannenden Geschichtsdrama "Die Spiegel-Affäre" (Freitag, 02.05., 20.15 Uhr, bei ARTE und Mittwoch, 07.05., 20.15 Uhr, im Ersten). Fulton-Smith, 1966 als Sohn eines Engländers und einer Deutschen in München geboren, nahm für die Rolle 20 Kilo zu und studierte "seinen" Strauß so intensiv, wie man es früher Method-Acting König Robert De Niro bei seiner Rollenvorbereitung nachsagte. Fulton-Smith' Strauß der Jahre 1957 bis 1962 ist beängstigend, kraftvoll, ein Wüterich. Gleichzeitig darf er traurig sein und sogar einmal weinen. Alles in allem verschwindet Fulton-Smith, dem eines der schauspielerischen Glanzlichter dieses TV-Jahres gelungen sein dürfte, derart so hinter seiner Maske, dass man ihn kaum erkennt. Ein Charakterdarsteller ist geboren!

teleschau: Sie sind 1966 in München geboren. Zwölf Jahre später wurde Franz Josef Strauß Bayerischer Ministerpräsident. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie ihn irgendwann spielen würden?

Francis Fulton-Smith: Nein, das hätte ich bis vor kurz vor Beginn dieses Filmprojekts vermutlich für eine ziemlich absurde Idee gehalten (lacht). Umso spannender war es für mich, diese Herausforderung anzunehmen. Ich bin in Bayern aufgewachsen - zu einer Zeit, als Franz Josef Strauß Ministerpräsident war. Als normaler Gymnasialschüler hat man ja Tausend andere Sachen im Kopf als permanent den Ministerpräsidenten zu reflektieren (lacht).

teleschau: An welche politischen Kämpfe in puncto Strauß erinnern Sie sich aus Ihrer Jugend?

Fulton-Smith: An außergewöhnliche Wortgefechte mit Wehner, Schmidt und Brandt in politischen Debatten. Ich kann mich gut an 1980 erinnern, als Strauß Kanzlerkandidat war und die "Stoppt Strauß" Plakette heiß diskutiert wurde - vor allem in Bayern natürlich. Da gab es auch Schulverweise und dergleichen. Insofern gibt es schon die ein oder andere Strauß-Erinnerung aus meiner Jugend, die stark in mir verankert ist. Umso größer war dann meine Freude, nicht nur Franz Josef Strauß in der "Spiegel-Affäre" zu spielen, sondern meines Wissens sogar der Erste zu sein, der Strauß überhaupt in einem fiktionalen Film spielt.

teleschau: Warum ist Strauß im Film bisher so selten aufgetaucht, obwohl er doch eine der schillerndsten Figuren in der Geschichte der Bundesrepublik ist?

Fulton-Smith: Gute Frage! Ich vermute, zum einen ist die Zeit, in der Strauß aktiv war, noch nicht oft fiktional erzählt worden. Und dann weckt Strauß natürlich große Ressentiments bei vielen Menschen. Er war für viele andere aber auch eine übergroße Leit- Figur, politisch sehr polarisierend, schillernd, umstritten, brillant - aber auch knallhart. Da sagt man nicht einfach: Hey, jetzt machen wir mal einen Franz Josef Strauß-Film! Das sollte man sich schon sehr genau überlegen, finde ich.

teleschau: Warum nähert man sich dieser schwierigen Figur Franz Josef Strauß nun also zuerst über die Spiegel-Affäre und nicht etwa über ein klassisches Biopic?

Fulton-Smith: Weil die Spiegel-Affäre zwischen 1957 und 1962 eines der prägendsten Ereignisse in der jungen Bundesrepublik war. Ohne Spiegel-Affäre hätte es möglicherweise gar keine 68er-Revolte gegeben. Bis zum Nato-Doppelbeschluss können sie immer wieder Hinweise, Spuren und Argumente finden, die auf die Spiegel-Affäre oder das zurückgehen, was Strauß in seiner politischen Utopie gefordert hat. Außerdem ist die Spiegel-Affäre ein Stoff voller aktueller Bezüge: Im Kern steht für mich die Frage, wie weit dürfen Medien und Menschen gehen? Wie radikal soll man Pressefreiheit definieren? Mit welchen Mitteln wird diese Freiheit er- und bekämpft? Heiligt der Zweck die Mittel? Wie weit darf Politik gehen?

teleschau: Ein Film über Pressefreiheit Ende der 50-er, Anfang der 60-er hätte auch ein ziemlich dröges Stück Fernsehen werden können...

Fulton-Smith: Vielleicht, aber nicht auf die Art, wie wir das einzufangen versucht haben. Johannes Betz ist ein exzellenter Drehbuchautor. Augstein und Strauß - das sind zwei Alpha-Rüden, im shakespeareschen Sinne zweier Könige. Der eine wusste die Allmacht der Politik hinter sich, der andere die der Presse. Beide hatten eine starke Utopie davon, wie die Zukunft Deutschlands aussehen muss. Dafür haben sie mit aller Macht gekämpft. Dies alles von der heutigen Zeit aus noch einmal zu reflektieren ist meiner Meinung sehr spannend. Wichtig war für uns vor allem, keinen dieser beiden Menschen zu bewerten, sondern sie ganz pur gegenüberzustellen. Die Zuschauer sollen sich ihr eigenes Bild machen.

teleschau: Wie schwer oder leicht war es, Franz Josef zu spielen?

Fulton-Smith: Für mich war es bisher die vielleicht wichtigste künstlerischen Herausforderung in meinem Leben. Ich hatte das Glück, über den Bayerischen Rundfunk und den Spiegel an Original-Quellenmaterial heranzukommen. Ich konnte Hunderte von Stunden Film- und Tonmaterial studieren: Reden, Gespräche, Interviews, auch einige Privataufzeichnungen und private Dokumentationen. Ich habe alles gelesen, was über ihn geschrieben wurde. Ich habe mich wirklich sehr stark mit dem Menschen und Politiker Franz Josef Strauß befasst. Ich glaube, das muss man auch, wenn sie so eine streitbare Figur spielen. Da muss man sehr genau aufpassen, dass man den richtigen Ton trifft. Es ist ein Geschenk, solche Herausforderungen zu bekommen.

teleschau: Wie war ihr Ansatz für die Rolle? Wollten Sie Strauß kopieren?

Fulton-Smith: Zunächst ging es mal darum, den jungen Strauß zu studieren. Vor allem, weil der auch noch ganz anders war als der spätere Strauß. Ich glaubte von Anfang an zu wissen - und das habe ich mit dem Regisseur besprochen -, dass der Machtmensch Strauß gleichzeitig enorm verletzlich sein konnte. Er war Vater von drei Kindern und betonte sein ganzes Leben, wie wichtig seine Frau für ihn war - auch als Ratgeberin und Kritikerin. Strauß war sicher ein sensibler Mensch. Und wenn man dann diese Spiegel-Artikel liest, sich die Formulierungen betrachtet, die Augstein benutzte, war das teilweise ganz schön unter der Gürtellinie. Da fallen Sätze wie: Der Mann, der das Gesicht eines Maßkruges hat - und so weiter. Wenn man sich vorstellt, das würde über einen selbst geschrieben - man wäre doch enorm verletzt, oder?

teleschau: Mussten Sie selbst komplett zu Strauß werden, um diese Verletzung spüren und spielen zu können?

Fulton-Smith: Nein! Ich bin Schauspieler und kann mich der Figur, die ich spiele nur stets versuchen anzunähern, basierend auf der Vorlage des Drehbuchs. Wenn man die verbalen Angriffe Augsteins liest und sich vorstellt, wie emotional die Wucht dieser Worte die Seele getroffen hat, ist das schon enorm. Da hat Sie jemand auserkoren, das ultimativ Böse im eigenen Land zu sein! Für mich als Schauspieler ist es enorm wichtig, ein Stück weit den "schützenden Brudermantel" um die Figur zu legen. Und eben einen Weg zu finden, eine gewisse Verletzbarkeit mitschwingen zu lassen, ohne in die Karikatur abzurutschen. Diese Fallhöhe interessiert mich.

teleschau: Sie haben sich auch äußerlich verändert und deutlich zugenommen für die Rolle.

Fulton-Smith: Ich habe tatsächlich mit Ärzten und Ernährungsberatern fast 20 Kilogramm zugenommen. Und die mussten dann natürlich im Anschluss auch wieder weg. Dazu diese Hunderte von Stunden, die man mit einem anderen Menschen im stillen Kämmerchen verbringt. Mir ist das gar nicht so bewusst aufgefallen, aber meine Frau sagte irgendwann: Hör mal, du sprichst wie Strauß! (lacht) Aber - es war wichtig, mich selbst so zurückzunehmen als Mensch. Im besten Fall, wenn die Zuschauer den Film sehen und vergessen, dass ich es bin, der das spielt.

teleschau: Was erfährt der Zuschauer aus dem Film über die Zeit der Spiegel-Affäre?

Fulton-Smith: Dass unsere demokratischen Werte, die wir heute als selbstverständlich erachten, es 1957 oder 1962 noch nicht waren. Diese Werte wurden hart erkämpft und erstritten. Im Jahre zwölf nach Hitler, da beginnt unser Film, gab es ein paar mutige, wilde und besessene Reporterjungs. Journalisten, die den Krieg überlebt hatten und die Feuer und Flamme waren, etwas Neues zu wagen. Mehr Demokratie zu wagen. Man wusste zwar auch nicht immer genau, wie funktioniert das, aber man wusste: Da wollen wir hin! Und dann gab es Betonköpfe, die das überhaupt nicht wollten, und daraus entstand diese unglaubliche gesellschaftliche Spannung. Sie hat sich in der Spiegel-Affäre erstmals für alle sichtbar entladen - in Form des Kampfes dieser beiden sehr spannenden Menschen.

teleschau: Mussten sich Strauß und Augstein zwangsläufig hassen?

Fulton-Smith: Ich glaube, hätten sie sich unter anderen Umständen kennengelernt, sie wären möglicherweise beste Freunde geworden - absurderweise. In vielen Dingen waren sie sich nämlich sehr ähnlich. Sie respektierten sich später sogar - bis ins hohe Alter. Zu jener Zeit, die wir beschreiben, waren sie jedoch erbitterte Feinde.

teleschau: Sie gehören zu jenen Schauspielern, die gut im Geschäft sind - das jedoch mit einer gänzlich anderen Art von Filmen. Mussten Sie Hürden überwinden, um eine solche Charakterrolle zu ergattern?

Fulton-Smith: Es ist richtig, was sie sagen. Viele hatten mich möglicherweise bis jetzt nicht auf dem Schirm, wenn es um die Besetzung solcher Filme oder Figuren geht. Daher bin ich dankbar, dass es Menschen gibt, die mir das sehr wohl zutrauten. Natürlich weiß ich auch, dass viele Leute getuschelt haben: "Wieso denn der, das ist doch der Dr. Kleist?" Solche Dinge. Ich weiß, dass diese Entscheidung mutig war. Aber natürlich könnte man auch wissen, dass Dr. Kleist und Co. nur Rollen sind, die ich spiele. Sogar gerne spiele. Ursprünglich komme ich vom Theater. Dort habe ich jahrzehntelang extrem gegensätzliche Figuren gespielt. Selbst als Filmschauspieler habe ich mit Literaturverfilmungen angefangen. Ich bin Schauspieler mit Leib und Seele.

teleschau: Ist dieser Film das größte Glück Ihrer Karriere?

Fulton-Smith: Ja, vielleicht. Bei aller Härte und Arbeit, die Franz Josef Strauß mit sich brachte, weiß ich, dass es ein absoluter Glücksfall für mich war. Es war auch persönlich ein großes Abenteuer und eine gewaltige Reise. Ich wünsche mir, dass die Menschen Lust haben, mit uns auf diese außergewöhnliche Reise zu gehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst