Konstantin Wecker

Konstantin Wecker





Ein Double für einen Zeh

Vorsicht Wecker-Fans! Jetzt bitte nicht den Alt-Rocker mit Späthippie-Einschlag aus der ARD-Komödie "Die Hochzeit meiner Schwester" (Freitag, 02.05., 20.15 Uhr) mit dem wahren Konstantin Wecker verwechseln. Es ist "nur eine Rolle", wie Wecker im Gespräch betont - eine, wie er sie sich immer wieder mal erlaubt in Filmen, die eher Spaß und Freizeit vom Tourstress für den Musiker, Komponisten und Songwriter bedeuten als große Botschaft oder anarchische Bürgerkritik. Wecker spielt hier einen Rockmusiker, der vor vielen, vielen Jahren die Familie verlassen hat, um mit dem Bus durch die Welt zu touren. Doch mittlerweile hat ihn das schlechte Gewissen gepackt - gerade rechtzeitig zur Hochzeit seiner jüngeren Tochter nähert er sich seiner alten Heimat Oberbayern an. Wecker selbst komponierte auch die Musik zum Film und singt zwei schmalzige Songs - "endlich mal auf Englisch!", wie er sagt.

teleschau: Herr Wecker, Sie sind gerade "on tour", wie man so schön sagt. Wo erreichen wir Sie?

Konstantin Wecker: Ich bin gerade dabei, den Bus zu packen. Wir sind in Thun in der Schweiz. Es ist die letzte Station der "Duo-Tour" mit Jo Barnickel. Ich habe mir ja vor vier Wochen die Schulter gebrochen und kann zurzeit nicht mehr Klavier spielen. Jo Barnickel leiht mir seine Hände am Klavier, ich bin ihm dankbar dafür.

teleschau: Im ARD-Film "Die Hochzeit meiner Schwester" spielen Sie einen Altrocker mit keckem Pferdeschwänzchen, der vor Jahrzehnten die Familie verließ und nun bereut, Frau und Töchter verlassen zu haben. Gerade rechtzeitig zur Hochzeit der Jüngeren kehrt er in heimatliche Gefilde zurück. Wie viel Wecker steckt in der Figur?

Wecker: Eher wenig. Es ist natürlich ein augenzwinkernder Spaß. Ich habe schon aufgepasst, dass da nicht zu viel Wecker drin ist und meine Fans mich womöglich noch mit der Figur verwechseln. Es gibt da keinerlei Verbindung zu meiner Musik. Aber es gibt zwei englische Songs, die ich - wie auch die Filmmusik - selbst geschrieben habe. Es hat Spaß gemacht, Englisch zu singen, das habe ich noch nie gemacht. Ansonsten: Dieser Valentin, die Figur im Film, ist ein eher schlichter Typ. Der legt keinen Wert auf gehobene Texte.

teleschau: Sie sind Musiker, Komponist, schrieben die Filmmusiken zu "Kir Royal" und "Schtonk!" Aber immer wieder treten Sie auch in Filmen auf. Welchen Stellenwert hat das für Sie - die Palette reicht vom Vampir in "Wer früher stirbt..." bis zum SS-Standartenführer im Film "Wunderkinder", 2011.

Wecker: Ja, es gibt richtige Herausforderungen, wie diesen SS-Mann. Aber meistens ist es für mich doch Spaß und eine Nebenbeibetätigung. Ich bin ja Autodidakt, und meistens lerne ich viel von den Kollegen, oft alte Bekannte wie jetzt die wunderbare Olivia Pascal, die im Film die Mutter meiner Töchter spielt. Film ist für mich zwischen dem vielen Schreiben und den 140 Konzerten im Jahr so etwas wie Ausgleich für mich - wie Ferien.

teleschau: Diesmal haben Sie wieder die Musik zum Film gemacht. Versuchen Sie das mit dem Spielen zu verbinden?

Wecker: Ja, ich versuche das, wann immer es geht. Filmmusiken zu komponieren, ist für mich immer wieder eine neue Herausforderung. Ich mache im Jahr drei Filme und lerne immer wieder dazu. Was die Schauspielerei betrifft: Auf der Bühne bin ich als Konstantin Wecker ja immer noch ich selbst, im Film schlüpfe ich in eine Rolle. Es ist ein großer Unterschied.

teleschau: 140 Konzerte im Jahr, bald haben Sie 40-jähriges Bühnenjubiläum, sind immerhin 66 Jahre alt. Kennen Sie keine Altersmüdigkeit?

Wecker: Gar nicht. Ich halte es da mit meinem großen Vorbild Dieter Hildebrandt, der vor kurzem verstarb. Bis vor drei Jahren haben wir viel zusammen gemacht. Der stand bis zuletzt, bis zum vergangenen Sommer, noch auf der Bühne und war fit wie ein junger Mann. Auf der Bühne fühlt man sich ja sowieso nicht alt. Es ist wie ein großes Geheimnis: Man ist da für zwei, drei Stunden völlig alterslos.

teleschau: Aber Sie spüren sicher den Wandel der Zeit. Was hat sich da für Sie geändert?

Wecker: Es gibt nicht mehr diese Unsicherheit, wie man sie früher hatte, man sieht jetzt größere Zusammenhänge und hat eine gewisse Ausgeglichenheit und Ruhe gegenüber der Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit. Andererseits bin ich heute aufgewühlter und rebellischer als ich es vor 20 Jahren war - eben, weil die Zustände so hanebüchen sind. Meinem neuen Buch "Mönch und Krieger", das in zwei Monaten erscheint, habe ich nicht umsonst einen "Aufruf zur Revolte" angehängt.

teleschau: Aufruf zur Revolte - ist das ein eher künstlerischer Akt, oder gilt das im Alltag für jeden?

Wecker: Es ist ganz wichtig, dass jeder einzelne weiß: Wir können etwas gegen ungerechte Zustände unternehmen. Jeder, der ein Unwohlsein am gesellschaftlichen Zustand verspürt, kann sich engagieren und sich etwa mit Hilfe des Internets vernetzen. Das ist etwas, das nicht nur für Künstler gilt, das ist auch für jede Krankenschwester möglich. Dazu braucht man noch nicht mal einen Verein oder eine Friedensgruppe.

teleschau: Sie haben zwei bald erwachsene Söhne, leben in Schwabing und zuweilen in der Toskana. Ist dieser Zustand aktuell?

Wecker: Sie wissen ja, dass ich über mein Privatleben nicht so gerne rede. Was die Toskana betrifft: Dort bin ich immer noch sehr gern. Im Sommer, auch jetzt an Pfingsten, fahre ich immer wieder hin. Es ist ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens. Es ist der Ort, an dem ich bei Weitem am meisten schreibe und komponiere, weil ich dort am meisten Ruhe habe.

teleschau: Gute Besserung mit der Schulter, Herr Wecker. Im Film haben Sie ja auch noch einen fehlenden Zeh und berichten fantastische Geschichten darüber, wie es dazu kam. Ist das alles etwa echt?

Wecker: Auch das wird nicht verraten! Nein: Der Zeh ist noch dran. Ich, oder wenigstens ein Teil von mir, wurde erstmals gedoubelt. Ich hatte ein Zeh-Double.

teleschau: Aber der Zeh fehlt Ihnen ja im Film!

Wecker: Ja, das ist es ja: Ein Double für einen Zeh, den es gar nicht gibt!

Quelle: teleschau - der mediendienst