Christina Hecke

Christina Hecke





Wann ist ein Mann ein Mann?

Ja, sagt Christina Hecke, Angebote auch mal abzusagen, gehört aus ihrer Sicht zu den Notwendigkeiten ihres Berufs. Die braunäugige Schauspielerin ("Kasimir und Karoline", "Hopfensommer", "Die Frau, die sich traut") hat bislang ein exzellentes Händchen bewiesen beim Ausleben ihres Hangs zu "Figuren, die nicht eindimensional daherkommen, Frauen, bei denen etwas quer läuft". Aber natürlich darf auch eine gefragte Charakterdarstellerin hochfliegende Träume haben. Auf Knien würde sie zum Set rutschen, lacht die sportliche Frau mit der braunen Hingucker-Mähne, wenn man ihr eine Rolle anböte, wie Claire Danes sie in der US-Serie "Homeland" spielt. In eine der unumstritten besten deutschen Serien hat sie es immerhin schon geschafft: Die 35-jährige Wahl-Berlinerin mischt ab Montag, 28. April, 20.15 Uhr, in den neuen Folgen des SAT.1-Kultkrimis "Der letzte Bulle" mit - als taffe Motorradfahrerin Astrid, die Mick Brisgau (Henning Baum) derart den Kopf verdreht, dass er Hals über Kopf mit ihr durchbrennt ...

teleschau: Mussten Sie lange überlegen, als Ihnen eine Hauptrolle in der SAT.1-Serie "Der letzte Bulle" angeboten wurde?

Christina Hecke: Nein. Die Figur der Astrid hat mich sofort angesprungen, als ich das Buch las. Da konnte nicht Nein sagen.

teleschau: Was gab den Ausschlag?

Hecke: Der Charakter dieser Frau. Astrid, in die sich der "letzte Bulle" Mick Brisgau Hals über Kopf verliebt, ist eine total autarke Persönlichkeit. Sie ist so erwachsen, klar und lebendig. Sie geht ihren Weg, brennt für die Dinge, an die sie glaubt. Und sie ist sozial engagiert - sie kümmert sich um straffällig gewordene Jugendliche. Also, wäre ich ein Mann, würde ich mich auch sofort in sie verknallen (lacht).

teleschau: Dass viele Frauen für den von Henning Baum gespielten Mick Brisgau schwärmen, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Was hat er, was andere Männer nicht haben?

Hecke: So was kann nur ein Mann fragen. Was glauben Sie?

teleschau: Mick schnappt sich Astrid einfach und brennt mit ihr durch ... Das ist gut, oder?

Hecke: (lacht) Ja, ein fantastischer Moment! Genau das ist es, was ihn ausmacht. Er fackelt nicht lange, ist ein ganzer Kerl, der weiß, was er will.

teleschau: Also ist es wahr, dass Frauen immer nur die Machos wollen?

Hecke: Nein! Mick ist ein Mann, aber kein Macho. Er hat das richtige Gespür für Distanz und Nähe, ist keiner, der aufgesetzt rüberkommt und Frauen mit blöden Sprüchen rumkriegen will. Mit irgendeinem Aufriss-Versuch in der Kneipe hätte er bei Astrid nicht die Spur einer Chance gehabt. Zwischen diesen beiden konnte es nur als spontane Hauruckaktion mit jeder Menge Freiheit im Rücken funktionieren. Kurzum: Frauen müssen Mick einfach lieben - Astrid ist da keine Ausnahme.

teleschau: Aber warum kommt gerade so ein gegen die Zeit gebürsteter Charakter so gut an?

Hecke: Das liegt doch auf der Hand: Dieses Zeitlose, das ihn umgibt, macht ihn zu einem Typ Mann, wie er in unserer schnelllebigen Zeit leider out geworden ist. Er nimmt sich Zeit, hört zu, hat breite Schultern, an die man sich anlehnen kann, und strahlt Zuverlässigkeit und Loyalität aus. Das ist das, was wir Frauen mit "männlichem Charme" meinen, danach sehnen wir uns. Und ganz wichtig finde ich, dass er ein Mann ist, der nicht versucht, eine Frau zu verändern.

teleschau: Gibt es zu wenige Mick Brisgaus unter den deutschen Männern?

Hecke: Nein, das darf ich so nicht sagen. Es gibt viele großartige Männer! Aber mein Eindruck ist: Die meisten Männer stehen nicht dazu, dass sie Männer sind.

teleschau: Touché! Was genau meinen Sie?

Hecke: Dass den meisten Männern der Mut zur Weichheit fehlt. Sie verschanzen sich hinter einem Pseudo-Macho-Gehabe - und das ist für Frauen komplett unattraktiv.

teleschau: Also: Wann ist ein Mann ein Mann?

Hecke: Ein Mann ist ein Mann, wenn er sich mitteilen kann. Wenn er ehrlich ist und zu seiner weichen Seite steht, wenn er in der Lage ist, mir zu sagen, wie es ihm geht - ohne weinerlich zu werden natürlich.

teleschau: Sind die Frauen nicht am neuen Männerbild mitschuld?

Hecke: Die Frage ist gemein. Aber ich weiß, was sie meinen. Die Frauen sind überall dort, wo sie in der Gesellschaft nach vorne gekommen sind, ein Stück härter geworden. Man sagt nicht umsonst, dass die Frau heute ihren Mann stehen muss - das ist nötig, um sich durchzusetzen, schließlich steht die Frau in vielerlei Hinsicht in Konkurrenz zum Mann. Und wie reagieren Männer auf die Veränderung? - Die einen setzen sich die Macho-Maske auf, und die anderen kriegen es mit der Angst. Ja, es ist schwieriger geworden zwischen Mann und Frau. Die klare Rollenverteilung, die alles kalkulierbar machte, gibt es immer seltener. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

teleschau: Um das Thema abzuschließen: Ein Typ wie Mick Brisgau wäre schon einer für Sie?

Hecke: Ja, durchaus ... Aber Einspruch! Das ist eine Fangfrage. Darauf werde ich nicht weiter antworten (lacht).

teleschau: Suchen wir nach anderen Parallelen. Astrid ist leidenschaftliche Motorradfahrerin - genau wie Sie.

Hecke: Stimmt. Aber meine Leidenschaft ist nicht ungeteilt. In der Stadt ist es für mich die Hölle - aber draußen auf der Landstraße, da geht mir das Herz auf.

teleschau: Geht es um Geschwindigkeit?

Hecke: Nee, es geht um Freiheit. Um frische Luft, die Nähe zur Natur - ich bin eine klassische Schönwetterfahrerin und eher gemütlich unterwegs.

teleschau: Seit wann fahren Sie?

Hecke: Seit ich 16 bin. Ich wurde auf einem Dorf groß. Mir ging es immer darum, den Radius zu erweitern und meine Freiheit zu spüren.

teleschau: Geht es für Sie auch bei der Schauspielerei um Freiheit?

Hecke: Wahrscheinlich schon. Aber es war mehr der Drang, über den Tellerrand hinauszublicken, als ich in jungen Jahren beschloss, die Provinz hinter mir zu lassen.

eleschau: Mädchen vom Lande träumen von Pferden - aber auch von einer Karriere als Schauspielerin?

Hecke: Nein, ich dachte immer, ich muss etwas Anständiges machen. Also habe ich erst mal acht Semester Jura studiert ...

teleschau: Wie kommt man denn vom Paragraphen-Büffeln zum Schauspielen?

Hecke: Es gibt ein elementares Gemeinsames: die Sprache. Hier wie dort braucht es gute Argumente.

teleschau: Also wollten Sie ursprünglich Juristin werden?

Hecke: Nein, ich wusste lange nicht, wo mich mein Lebensweg hinführen würde... Eigentlich wollte ich Medizin studieren, arbeitete schon nebenbei in einer Tierklinik, dann bin ich lieber erst durch die Welt gereist. Dann Jura. Die Entscheidung, doch zu spielen, traf ich relativ spät - als mir klar wurde, dass man nur noch bis 23 eine Chance an den Schauspielschulen hat. Ich erinnere mich gut an diese Weichenstellung: Das war 2003, ich saß im Zug auf dem Weg zur Examensvorbereitung in Frankfurt. Als ich spontan ausstieg, war die Sache klar: Mit der Juristerei werde ich nicht glücklich. Ich ging nie wieder an die Uni zurück, der Zug war abgefahren, und ich begann eine Ausbildung an der Schauspielschule Mainz.

teleschau: Gab es bei allem einen roten Faden?

Hecke: In meinem Herzen ja. Der war immer da, ich fühlte immer, dass ich mehr will, und dieses Gefühl führte mich wohl unweigerlich zur Schauspielerei.

teleschau: Die Schauspielerei erfordert ein besonderes Selbstbewusstsein, eine gewisse Lust daran, sich zu zeigen - ob auf der Bühne oder vor der Kamera. War Lampenfieber nie ein Problem?

Hecke: Nein. Darüber nachzudenken habe ich nicht zugelassen. Weil mir bewusst ist, dass es bei meinem Beruf nicht um mich geht. Ich trete zurück hinter die Rolle oder den Inhalt - dann gibt es keine Zweifel, sondern nur den Weg nach vorne. Wenn ich beim Spielen anfangen würde, als Christina Hecke zu denken oder zu agieren, würden Ängste und Unfähigkeiten zutage gefördert, die nur dem Charakter schaden würden. Mein Ansatz ist, dass ich ohne mich auskommen muss - ohne jetzt allzu theoretisch zu werden (lacht).

teleschau: Strengt das nicht unheimlich an?

Hecke: Anstrengend wird es dann, wenn ich nicht mehr klar trennen kann, wenn ich nicht mehr genau weiß, wo ich selbst stehe. Es ist immens wichtig, dass ich eine Rolle jederzeit privat ablegen und zu mir zurückkehren kann. Wenn ich das nicht mehr schaffe, würde ich wahrscheinlich entweder Alkoholikerin oder wahnsinnig. Ich las kürzlich ein Interview mit Claire Danes, die in ihrer "Homeland"-Rolle weiß Gott durch tiefe menschliche Sümpfe waten muss. Sie sagte auch, dass es für sie das Allerwichtigste sei, am Abend wieder zu sich zu kommen.

teleschau: Würde Ihnen jemand eine Rolle wie Carrie Mathison aus "Homeland" präsentieren ...

Hecke: Dann würde ich auf den Knien zum Set rutschen. Auf so etwas wartet man als Schauspielerin!

teleschau: Aber in Deutschland wird es beim Traum bleiben, oder?

Hecke: Ach, ich stimme nicht in den Quängel-Kanon ein, dass die Deutschen kein gutes Fernsehen können... Ich schaue gerne deutsches Fernsehen. Aber die Angst, dieses oder jenes dem Zuschauer nicht zumuten zu können, ist hierzulande leider weit verbreitet. Wir Deutsche sind schon kleine Sicherheitsfanatiker. Andererseits: Ist das wirklich so schlecht? Immerhin haben wir so die Eurokrise relativ schadlos überstanden.

teleschau: Sie hatten 2007 einen schweren Autounfall, rangen danach mit dem Tod. Wurden Sie die Ängste jener Zeit je wieder los?

Hecke: Tatsächlich setze ich mich mit dem Thema Angst nicht auseinander. In mir überwiegt vielmehr die Dankbarkeit, dass mir das Leben Einhalt gebot. Vorher war ich gerne und viel auf der Überholspur unterwegs. Der Unfall gab mir die Chance, mich neu zu konfigurieren. Es klingt so banal, aber ich bin dankbar, dass ich lebe.

teleschau: Mit welchen Folgen?

Hecke: Ich schätze den Moment und die Gesellschaft von Mitmenschen mehr als früher. Mein Bewusstsein hat sich verschärft - in jeder Hinsicht. Und mir geht es mehr um Ehrlichkeit und Wahrheit, ich will 100 Prozent! Aber ich ecke damit auch häufiger an. Denn zu sagen, was man denkt, und nach dem zu handeln, was man fühlt, macht es einem nicht leichter - im Beruf und im Privatleben.

teleschau: Wann haben Sie das letzte Mal ganz entschieden Nein gesagt?

Hecke: (lacht) Als ich heute Mittag im Auto saß, völlig im Zeitdruck, gerade eingeparkt und zum 25. Mal ein Autofahrer hupte und fragte: "Fahren sie da weg?" Ich glaub, den hab ich erschreckt!

Quelle: teleschau - der mediendienst