Gabrielle - (K)eine ganz normale Liebe

Gabrielle - (K)eine ganz normale Liebe





Eine von euch

Das Herausragende an Louise Archambaults sorgfältig recherchiertem Film "Gabrielle - (K)eine ganz normale Liebe" ist, dass er in allererster Linie eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt. Eine zutiefst berührende Geschichte über das Ringen einer jungen Frau nach mehr Selbstständigkeit. Und diese junge Frau hat eben eine Behinderung, die Louise Archambault nicht dramatisiert, sondern einfach als gegeben hinnimmt. 2013 gewann "Gabrielle" bereits den Publikumspreis in Locarno, eröffnete außerdem das Filmfest in Hamburg und wurde in diesem Jahr von Kanada für den Oscar eingereicht.

Überdeutlich hört der Zuschauer gleich zu Beginn die glucksenden Geräusche in einem halbleeren Schwimmbad - eben so, wie die Protagonistin Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) sie wahrnimmt. Denn die Heldin hat ebenso wie die hinreißende Schauspielerin, die sie verkörpert, einen seltenen genetischen Defekt, das sogenannte Williams-Beuren-Syndrom. Diese Menschen haben in der Regel krause Haare, aufgeworfene Lippen und kleine Zähne, sie neigen zu Diabetes, ihre Intelligenz ist vermindert, und häufig sind sie motorisch eingeschränkt. Auf der anderen Seite sind sie aber auch beeindruckend sozial und ehrlich, sowie sehr sensibel gegenüber Geräuschen. Wie Gabrielle, die in ihrer Behinderten-Gesangsgruppe "Les Muses de Montréal" voller Enthusiasmus singt, lieben sie Musik und haben nicht selten das absolute Gehör.

Sorgsam wacht Archambault darüber, dass der Zuschauer die ungewohnte Nähe zu der behinderten Gabrielle nicht verliert, sei es durch die Tonspur, die uns immer wieder ihre auditive Wahrnehmungswelt eröffnet, sei es durch die herausragende, dokumentarisch anmutende Kameraarbeit von Mathieu Laverdière. Respektvoll beobachtet Laverdière mit seiner geschmeidigen Handkamera Gabrielle im Badezimmer der betreuten Wohngruppe, wenn sie ihrem Betreuer klar zu machen versucht, dass sie sich durchaus allein Insulin spritzen kann. Ganz nah sind wir ihrem hübschen Gesicht und können dank Archambaults geschickter Regie selbst Gabrielles kindliche Freude über die hübsch klimpernden Armreifen teilen, die ihr der Freund ihrer Schwester aus Indien geschickt hat.

Ebenso wie Gabrielle ist man aber auch zutiefst beschämt darüber, dass sich die "normalen" Menschen aus ihrem Umfeld in die aufkeimende Liebe zwischen ihr und dem ebenfalls mit dem Williams-Beuren-Syndrom geborenen Martin einmischen, den der nicht-behinderte Schauspieler Alexandre Landry großartig verkörpert. In der entwürdigendsten Szene des Films streiten Martins übervorsorgliche Mutter (Marie Gignac), Gabrielles Schwester Sophie (Mélissa Désormeaux-Poulin) und die Wohngruppenbetreuer darüber, ob Gabrielle und Martin Sex miteinander haben dürfen - während die beiden jungen Erwachsenen anwesend sind.

Doch nicht zuletzt durch den ergreifenden Gesang des Behinderten-Chores, der sehr vielsagend auch die Zeilen "Ich bin Einer von euch" schmettert, gelingt es der Regisseurin in ihrem zweiten, überaus unterhaltsamen Langfilm, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie bereichernd Behinderte für unsere menschliche Gemeinschaft sind. Niemand hat das Recht, sie pausenlos zu kontrollieren oder ihnen gar wichtige Lebensbereiche, zu denen auch die körperliche Liebe zählt, zu verwehren. Und so trifft "Gabrielle" gleichzeitig mitten ins Herz als auch in die Achillesferse der heutigen Gesellschaft - was ihren Umgang mit behinderten Menschen angeht.

Quelle: teleschau - der mediendienst