20 Feet From Stardom

20 Feet From Stardom





Der lange Weg nach vorn

Als Merry Clayton ihr Solo im Rolling-Stones-Hit "Gimme Shelter" vorgespielt wird, steht der Sängerin der Stolz ins Gesicht geschrieben. Sie hört es in genau dem Studio, in dem sie ihre Zeilen 1969 einsang: damals hochschwanger, im Seidenpyjama und mit Lockenwicklern. "Wo bleibt der Applaus?", fragt die mittlerweile 65-Jährige nun lächelnd, während das Kinopublikum noch immer Gänsehaut hat. Wie kann es sein, dass man den Namen dieser Frau noch nie gehört hat, obwohl ihre kraftvolle Stimme so viele Welthits veredelte? Warum wurde sie mit diesem Talent kein Star? Mit seiner Musik-Dokumentation "20 Feet From Stardom" will Filmemacher Morgan Neville Fragen wie diese beantworten - und BackgroundsängerInnen endlich die Anerkennung verschaffen, die sie verdienen.

Es habe nichts mit Talent oder Gesangstechnik zu tun. Vielmehr sei es wohl eine mentale Hürde, die Backgroundsänger daran hindere, selbst zum Star zu werden, vermutet Bruce Springsteen, einer der vielen Superstars, die in der Dokumentation zu Wort kommen. Es habe überhaupt kein Problem dargestellt, Musikgrößen wie ihn, Mick Jagger, David Bowie, Sting und Stevie Wonder für ihr Projekt zu gewinnen, verrieten Filmemacher Morgan Neville und Produzentin Caitrin Rogers den Journalisten, die sie nach ihrem Oscargewinn für die beste Dokumentation interviewten: "Sie waren mehr als bereit", erklärte Rogers. "Ich denke, sie wissen ganz genau, was ihre Backgroundsänger für sie leisten und welches Talent sie besitzen."

Frauen wie Merry Clayton, Darlene Love und Lisa Fischer sind es, die für sie die Refrains singen, die Passagen, die bei den Hörern hängen bleiben. Backgroundsänger, so wird im Film formuliert und untermauert, schaffen die menschliche Verbindung - und das gibt ihnen Macht. Doch dass am längeren Hebel letztlich andere sitzen, davon kann vor allem Darlene Love, eine der ersten schwarzen Backgroundsängerinnen überhaupt, buchstäblich ein Lied singen. Überproduzent Phil Spector liebte ihre Stimme, ließ sie die Back-Up-Vocals für viele seiner Künstler singen. Doch als die beiden Aufnahmen für Loves erste eigene Platte machten, veröffentlichte Spector die Songs als Singles der etablierten Girl-Group The Crystals.

Über die Höhen und Tiefen ihrer Karrieren lässt Morgan Neville ein gutes Dutzend Back-Up-Sänger und -Sängerinnen berichten, und zeigt dem Zuschauer dabei das Musikbusiness und die Geschichte der Popmusik aus einem völlig neuen, spannenden Blickwinkel. Ein gewisses Grundinteresse an Musik wird dabei natürlich vorausgesetzt, Vor- oder Fachwissen hingegen nicht. Man kann sich einfach überwältigen lassen von wunderbaren Stimmen und faszinierenden Persönlichkeiten - und wird viele Hits künftig anders hören als bisher.

Quelle: teleschau - der mediendienst