The Invisible Woman

The Invisible Woman





Das Lieben und Leiden von Charles Dickens

Auf dem Probenplan steht ein Stück namens "Die gefrorene Tiefe". Der Autor und Regisseur gibt auf der Bühne Anweisungen. Er tut das so witzig, dass er, erst recht in seiner Rolle als Sterbender, enormes Gelächter auslöst. Die Kamera wird von dem vielfach ausgezeichneten Rob Hardy so leichthändig bewegt, dass man sie für die eigenen Augen hält, restlos ins Jahr 1857 versetzt und gefesselt ist von Charles Dickens (Ralph Fiennes), der großartige Romane wie "Oliver Twist" und "David Copperfield" geschrieben hat und nun fürs Theater inszeniert. Es geht einem wie der 18-jährigen Schauspielerin Nelly Ternan (Felicity Jones) - fast jedenfalls. Denn sie liebt ihn sogar und wird als "The Invisible Woman", so der Titel dieses atmosphärisch geradezu aufsaugenden Biopics, jahrelang an seiner Seite leben und leiden. Ralph Fiennes nahm hier, wie schon 2011 beim Historiendrama "Coriolanus", erneut auf dem Regiestuhl Platz.

"Sie hat etwas", raunt Dickens nach der Probe seinem Coautor Wilkie Collins (Tom Hollander) zu. Die Aufführung wird ein rauschender Erfolg. Bei der Premierenfeier lernt Dickens auch Nellys Schwestern und ihre Mutter (Kristin Scott Thomas) kennen. Mit Nelly diskutiert er bis in die frühen Morgenstunden über Literatur und die Unergründlichkeit der menschlichen Seele. Um Nelly auf der Bühne zu sehen, begibt er sich zu Fuß von seinem Landsitz auf lange Märsche nach London. Mit still glühender Leidenschaft lauscht Nell seiner wohltönenden und mächtigen Stimme, wenn er aus seinen Werken liest.

"Mein Geheimnis ist Nelly Ternan", sagt er leise zu dem jungen Mädchen nach einer Wohltätigkeitsveranstaltung, und Nell fühlt nicht viel anders. Aber Dickens ist verheiratet, hat mit seiner Frau (Joanna Scanlan), die er zunehmend verabscheut, zehn Kinder. Scheidung ist undenkbar. Das viktorianische London wispert über den Bestsellerautor und die kleine Schauspielerin. Je mehr Dickens unternimmt, um gegenüber der Öffentlichkeit die Tugendhaftigkeit Nellys herauszustellen, umso schneidender und kälter fühlt Nell sich von den Winden umweht, die entstehen, wenn man im freien gesellschaftlichen Fall begriffen ist, ohne Netz und doppelten Boden.

Diese absolute Unsicherheit wird um keinen Deut dadurch geringer, dass die Affäre im Rückblick erzählt wird. Die verzweifelte Energie, mit der sich viele Jahre später die inzwischen verheiratete Nelly in lange Spaziergänge am Strand stürzt, lässt genauso um sie fürchten wie in der Zeit, als sie von einem "Gentleman" abhängig wurde. Licht und Klarheit haben einen schweren Stand. Dickens' erster Versuch einer körperlichen Berührung Nellys findet im Zwielicht statt, unscharfe Aufnahmen in herrlicher französischer Sommerlandschaft sind mit der ganzen Ungläubigkeit Nellys aufgeladen, ob sich jetzt vielleicht doch das Glück unbeschwerter Zweisamkeit erfüllen könnte. Ralph Fiennes als melancholischer Optimist Dickens und Felicity Jones als zunehmend seelisch verwundete, innerlich korrumpierte Partnerin sorgen unerbittlich für emotionale Spannung, die in ein Zeitalter und ein Leben hineinziehen, als wären sie das eigene.

Der Film beruht auf einer gleichnamigen Biografie von Claire Tomalin, deren Entlarvungsgestus - Charles Dickens war im Privatleben moralisch nicht besser als andere Männer seiner Zeit - inzwischen überholt sein mag. Aber es bleibt für die Heutigen der Effekt eines ironischen Spiegels. War es vor 150 Jahren der Bruch mit den Konventionen, die Unsicherheit erzeugte, ist es heute mitunter deren Verschwinden oder Abwesenheit.

Quelle: teleschau - der mediendienst