Transcendence

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Schöne neue Depp-Welt

Welcher Kino-Stoff ist ihm noch angemessen? Als Captain Jack Sparrow im "Pirates of the Caribbean"-Zyklus spielte Johnny Depp Milliarden ein, kassierte gigantische Gagen und eroberte sich Narrenfreiheit in Hollywood. Nach dem "Lone Ranger"-Desaster konnte die Devise allerdings nur lauten: Zurückschrumpfen - oder noch höher hinaus. Der Beginn der Science-Fiction-Thriller-Romanze "Transcendence" sieht nach der ersten Option aus, folgt dann aber, ohne Rücksicht auf überschwellendes Pathos und unfreiwillige Komik, verbissen der zweiten. Johnny Depps Figur wird als künstliche Intelligenzbestie wiedergeboren, erlangt Allmacht, um Gutes zu tun, und hat alle gegen sich, einschließlich seiner Frau. Ist das die nächste Evolutionsstufe eines Megastars? Oder die Allegorie eines entzweiten Paares?

Bescheidenheit herrscht nur am Anfang. Der von Johnny Depp verkörperte Will Caster, Erforscher künstlicher Intelligenz, mag ein Genie sein. Aber im privaten Leben mit seiner über alles geliebten Ehefrau Evelyn (Rebecca Hall) vergisst er, dass man nicht unbedingt Kupferdraht über die Terrasse spannen muss, sondern auch das Handy ausschalten kann, wenn man nicht erreichbar sein will. Zurückhaltend in Duktus und Gebärde fügt sich Depp harmonisch in die Riege der illustren Stars des Films ein. Bis das Drehbuch des noch recht unerfahrenen Autors Jack Paglen es will, dass Caster vom Angehörigen einer Terrorgruppe niedergeschossen wird, die die Menschheit nicht der künstlichen Intelligenz überlassen mag.

Eigentlich ist es nur ein Streifschuss. Doch die Kugel ist mit Radium verseucht. Will Caster hat nur noch wenige Wochen zu leben. Damit er dennoch immer bei ihr sein kann, lädt Gattin Evelyn eine lebensgetreue digitale Kopie ihres Mannes mit Hilfe des Kybernetikers Max Waters (Paul Bettany) auf den Supercomputer "Pinn" hoch. Will stirbt - aber als "transzendenter" Geist im Rechner überlebt er.

Evelyn ist so glücklich und begeistert, dass sie Will nicht nur gemäß seinem Wunsch weltweite Internetkontrolle verschafft, sondern für ihn auch in einem öden Wüstenkaff das Laboratorium für eine bessere, schönere Welt erschafft. Doch Wills ehemaliger Weggefährte Joseph (Morgan Freeman) und FBI-Agent Anderson Buchanan (Cillian Murphy) wittern Gefahr und wollen Will stoppen. Und Evelyn fragt sich, ob sie noch von ihm geliebt oder nur von ihm überwacht wird.

Vom Monitor hoch oben herab erklärt Will der sprachlosen Evelyn, wie er die Menschheit retten wird. Tote und Schwerkranke regenerieren sich unter von ihm dirigierten Roboterarmen. In der Gestalt eines Vorarbeiters sucht er auch körperliche Nähe zu Evelyn. Die Grenze zur Lächerlichkeit wird mehr als nur gestreift. In erster Linie sind das Missgeschicke ebenso des Drehbuchautors wie des Regisseurs Wally Pfister, beide Debütanten. Aber man macht sich schon ein bisschen Sorgen um den Superstar.

Der eigentlich ungezogene Johnny Depp lässt sich zum digitalen Gott ohne Fehl und Tadel stilisieren, der bloß nicht richtig verstanden wird, erst recht nicht von seiner Partnerin. So schwankt man, ob man in "Transcendence" die gigantomanische Projektion eines überbordenen Egos sehen soll - oder die Verarbeitung einer verkorksten Beziehung. Denn Depp möchte als Will Caster die Welt in einen Garten Eden verwandeln: Tricktechnisch gehen dabei so viele Blumen auf und zu, so viel Grün breitet sich in Zeitraffer aus, dass man gar nicht anders kann als an den Namen Vanessa Paradis zu denken.

Quelle: teleschau - der mediendienst