Und ewig lockt die Unabhängigkeit

Und ewig lockt die Unabhängigkeit





Francis Ford Coppola feiert seinen 75. Geburtstag (7.4.)

Ende der 60er-Jahre befand sich Hollywood in einer künstlerischen Sackgasse. Von den großen Altmeistern des Films - wie etwa Alfred Hitchcock oder John Huston - kamen keine nennenswerten Impulse mehr. Die goldene Ära der Traumfabrik drohte an ihren, seit der Stummfilmzeit bestehenden, Strukturen zugrunde zu gehen. Aber die kriselnden Studios waren ein idealer Nährboden für eine neue Generation junger und dynamischer Regisseure, die auf das konventionelle Denken der Filmbosse pfiffen und frisches Blut an die Westküste der USA brachten. An der Spitze der Bewegung, die als "New Hollywood" in die Geschichtsbüchereinging, stand Francis Ford Coppola, der am 7. April seinen 75. Geburtstag feiert.

Nachdem der 1939 in Detroit geborene Coppola Anfang der 1960er-Jahre bei B-Movie-Legende Roger Corman eine Art praktische Lehre als Regisseur, Drehbuchautor, Cutter, Dialogschreiber etc. absolvierte, sorgte der Italo-Amerikaner für einen Umbruch im klassischen Hollywood-Apparat, der für eine kurze Zeit die kreative Kontrolle den Regisseuren und nicht den Geldgebern überließ. Dass sich dieses System nicht auf ewig selbst tragen würde, musste Coppola am eigenen Leibe erfahren. Mehrmals stand der Visionär vor dem finanziellen Ruin - doch aufgeben wollte er nie. Sein letzter Film "Twixt" erschien 2011, im vergangenen Jahr produzierte er das Sozialdrama "The Bling Ring".

"Man muss sich von der Illusion verabschieden, dass man von der Arbeit als Regisseur leben könnte: Die Zeiten, in denen sich mit Kunst Geld verdienen lässt, sind vorbei", blickte Francis Ford Coppola 2011 in einem Interview mit der "FAZ" auf sein Schaffen zurück. Er muss es wissen, schließlich durchzieht seine Arbeit ein ständiges Gerangel mit potenziellen Finanziers. Dazu kamen kreative Krisen und die Unfähigkeit, auch mal "Nein" zu sagen.

Die künstlerische Veranlagung wurde ihm in die Wiege gelegt: Sein Vater Carmine war Flötist im Symphonieorchester seiner Geburtsstadt Detroit, Opa Francesco Pennino war ein bekannter italienischer Komponist. Während der kleine Francis Ford - der zweite Name ist eine Verneigung vor dem berühmten Autobauer Henry Ford - durch Kinderlähmung für neun Monate ans Krankenbett gefesselt war, brachte sich der zukünftige Starregisseur selbstständig das Filmeschneiden bei. Nach Highschool und Studium erlernte er das Filmhandwerk bei Roger Corman, der Coppolas Ideenreichtum erkannte und förderte. Die Zusammenarbeit mit seinem Mentor war der Startschuss für eine turbulente Karriere.

Am Set seines ersten abendfüllenden Spielfilms "Dementia 13" lernte Coppola 1963 Eleanor Neil kennen, die er noch im gleichen Jahr heiratete und mit der er seit Jahrzehnten in der Nähe von San Francisco wohnt. Das Paar bekam drei Kinder: Sohn Gian-Carlo, der 1986 bei einem Speedboot-Unfall starb, die Regisseurin Sofia ("Lost In Translation") und Roman, der als Musikvideoregisseur (The Strokes), Drehbuchautor ("Moonrise Kingdom") und Regisseur ("Charlies Welt") arbeitet.

Finanziell hatte der Onkel von Schauspieler Nicolas Cage kein so gutes Händchen wie in der Liebe: Er investierte sein erstes selbst verdientes Geld in einer kleinen Firma für Video-Jukeboxen. Scopitone, so hieß das Unternehmen, war kurz darauf pleite - und Coppola ebenso. Mit den Auftragsarbeiten "Big Boy, jetzt wirst Du ein Mann!", "Brennt Paris?" (beide 1966) und "Der goldene Regenbogen" (1968) hielt er sich aber nicht nur über Wasser, sondern überzeugte auch Kritiker. Vom finanziellen Erfolg seiner Filme beflügelt und mit einem Oscar für das beste Drehbuch für "Patton" (1970) in der Hand, gründete er sein eigenes Studio American Zoetrope. Allerdings musste er sich dafür auch Geld von Warner Bros. leihen.

Nun war es an Coppola, junge, kreative Autorenfilmer zu fördern. Unter ihnen George Lucas, dessen Erstlingswerk "THX 1138" er 1971 produzierte. Doch das Debüt des Regisseurs, der nur wenige Jahre später die "Star Wars"-Saga schuf und milliardenschwer wurde, ging an den Kinokassen baden. Francis Ford Coppola stand auf einmal bei Warner mit 300.000 US-Dollar in der Kreide und musste wieder Auftragsarbeiten annehmen, um seine Schulden zu begleichen.

"Aufträge für Studios sind wie Prostitution", erinnerte er sich in der "Vanity Fair". Seine finanzielle Unabhängigkeit hatte er von heute auf morgen verloren. Lange Zeit haderte er mit sich selbst, ob er einen Job für Paramount annehmen sollte - eine Romanverfilmung des Autoren Mario Puzo, die das Studio schnell abgedreht haben wollte. Sein Vater überzeugte seinen zweifelnden Sohn und riet ihm, das Geld und den Auftrag anzunehmen. "Der Pate" (1972) wurde einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, und Francis Ford Coppola gewann einen weiteren Oscar für das beste Drehbuch. Für den zweiten Teil der Mafia-Saga (1974) heimste er drei weitere Academy Awards - für Regie, Drehbuch sowie für den besten Film - ein. Coppola war wieder da.

Sein Konto war prall gefüllt, seine Reputation überstrahlte an ihm geäußerte Kritik um ein Vielfaches. Und dennoch fehlte dem Mann etwas, dass er sich nun erbittert erkämpfen wollte: ein komplett eigener Film, ohne Vorgaben außenstehender Produzenten und ohne erdrückende Einflussnahme eines übermächtigen Studios. "Mein größtes Problem im Leben war bis jetzt immer, dass ich zu viel wollte. Ich wusste einfach nicht, wann ich aufhören sollte", fasste er sein persönliches Dilemma zusammen. Die Dreharbeiten im philippinischen Dschungel zu seinem Opus Magnum "Apocalypse Now" (1979) sollten ihn fast in den Wahnsinn treiben.

Ein Orkan zerstörte die Kulissen, seine Hauptdarsteller kamen entweder betrunken oder notorisch zu spät ans Set (Marlon Brando). Sie erlitten Herzattacken oder betäubten sich mit Drogen (Martin Sheen). In 13 Wochen sollte der in Vietnam angesiedelte Antikriegsfilm abgedreht sein - am Ende dauerte es dreimal so lang. Das veranschlagte Budget von zwölf Millionen US-Dollar wuchs auf 31 Millionen US-Dollar an, und Coppola musste sein Haus beleihen, um den Film überhaupt fertigstellen zu können.

Wider Erwarten spielte "Apocalypse Now" sein Geld wieder ein, ließ seinen Schöpfer aber mit Selbstzweifeln zurück. Der nächste Streifen "One From The Heart" (1982) sollte die komplette Antithese zu seinem Urwaldtrauma werden: Coppola kaufte sich für knapp sechs Millionen US-Dollar in Hollywood ein eigenes Studiogelände, nahm bei mehreren Banken Kredit auf und überzog wieder einmal die geplante Drehzeit um ein Vielfaches. Dieses Mal konnten die Einspielergebnisse den finanziellen GAU nicht abfedern, die Auftragsarbeiten wurden erneut sein täglich Brot.

Dazu gehörten auch der dritte Teil des "Paten" (1990) und die Buchverfilmung von "Bram Stoker's Dracula" (1992), die aber beide so erfolgreich wurden, dass er langsam wieder schwarze Zahlen schrieb. Nach einem weiteren Job - "Der Regenmacher" (1997) - leistete sich Coppola einen lang gehegten Wunsch, der ihm wirkliche finanzielle Unabhängigkeit sichern sollte: Er kaufte sich in Napa Valley, Kalifornien, ein Weingut und wurde Winzer.

Nachdem er 2011 mit dem übernatürlichen Thriller "Twixt" seinen bislang letzten Film drehte, wurde es ruhiger um Francis Ford Coppola. Als Produzent unterstützt er vor allem seine Tochter Sofia, der er erst im vergangenen Jahr das kontrovers diskutierte Sozialdrama "The Bling Ring" finanzierte.

"Ich bin nicht mehr vom Filmgeschäft abhängig", freute sich Coppola 2007. Er hatte das Hollywood-System einst aufgebrochen, sich aber auch fast davon zerstören lassen. "Aber wenn ich heute einen Film machen möchte, so wie andere Leute zum Golfen gehen, kann ich es machen", witzelt der fünffache Oscar-Gewinner.

Quelle: teleschau - der mediendienst