Dom Hemingway

Dom Hemingway





Ex-Knacki sucht Anschluss

Mut zur Hässlichkeit ist vielleicht einer der ältesten Tricks des Schauspielberufes - und ganz sicher einer der verlässlichsten. Was ein Schauspieler an gutem Aussehen verliert, gewinnt er oft an Respekt dazu. Erst kürzlich opferte Matthew McConaughey seinen einstmals stählernen Beach-Body mittels Radikalität für einen Oscar. Ganz so weit ging Jude Law für seinen "Dom Hemingway" zwar nicht, aber auch er spielt erfolgreich gegen sein Image als Hollywoodschönling an: Mit Boxernase im aufgeschwemmten Gesicht und mit Geheimratsecken bis fast zum Nacken verkörpert er einen britischen Gangster. Sein deutlich spürbarer Enthusiasmus wird der überlebensgroßen Figur auch gerecht - der Rest des Films von US-Drehbuchautor und Regisseur Richard Shepard leider nicht.

Was für ein Kerl Dom Hemingway ist, daraus macht Shepard von Anfang an kein Geheimnis. Schon in der ersten Minute zeigt er seinen Titelhelden noch im Gefängnis dabei, wie er sich von einem Mitinsassen befriedigen lässt, während er einen Shakespeare-würdigen Monolog über sein bestes Stück in die Welt hinausbrüllt - gleichermaßen vulgär wie eloquent. Das Einzige, das noch größer ist als Doms Ego, ist seine Klappe. Sehr gering ausgeprägt ist dagegen seine Selbstbeherrschung. So genießt er einerseits die kleinen Freuden des Lebens - Bier, Nutten und Koks - in vollen Zügen, bis ihm der Schädel brummt, andererseits hat er aber auch kein Problem damit, einem gefürchteten Gangsterboss so richtig die Meinung zu geigen.

Doms Hunger nach Leben ist nur verständlich, nach zwölf Jahren Knast. So lange saß er nach einem verpatzten Job ein, weil er seinen Boss Mr. Fontaine (Demian Bichir) nicht verraten wollte. Ein solcher Opfermut muss belohnt werden unter Ehrenmännern! Nach seiner Freilassung schnappt Dom sich also seinen alten Kumpanen Dickie (Richard E. Grant) und erscheint auf Fontaines Anwesen in Südfrankreich, um seinen Anteil an der Beute einzufordern. Doch es dauert nicht lange, bis er mit der ihm eigenen Unbeherrschtheit und einer gewaltigen Portion Pech alles vermasselt.

Dom muss wieder bei Null anfangen. Schwer genug, nach zwölf Jahren Zwangspause irgendwie an einen ehrenwerten Job als Safeknacker zu kommen. Noch schwerer allerdings ist die Aufgabe, die ihm in Sachen Familie bevorsteht: Dom möchte sich gerne mit seiner Tochter Evelyn (Emilia Clarke, "Game of Thrones") versöhnen. Die aber kann ihm nicht verzeihen, dass ihm seine Gangsterehre wichtiger war als seine Familie.

Die verschiedenen Handlungsstränge könnten für sich genommen durchaus interessant sein, doch sie bleiben oft nur skizzenhaft ausgestaltet. Auch darauf, sie zu einem stimmigen Ganzen zu verweben, legt Shepard offenbar keinen Wert. Für ihn ist die Story nur Kulisse für seinen Titelhelden - zwar sehr stilsicher ausgestattet, aber eben nur Kulisse.

Auch das restliche Personal des Films scheint vor allem dafür da zu sein, um Hemingway hervorzuheben. Das ist nicht immer ein Problem - Richard E. Grant etwa gibt den leidgeprüften besten Freund mit exzentrischer Garderobe und so trockener Treue, dass es ihm gelegentlich fast gelingt, Law die Schau zu stehlen. Doch dadurch, dass Shepard seinem Hemingway keine echte, ausgestaltete Spielwiese zur Verfügung stellt, wirkt der ganze Film zu eng für die Figur - fast so eng wie die Anzüge, in die Hemingway seine Plauze zwingt. So irrt der Film ähnlich ziellos umher wie sein Titelheld. Dass man mit ihm trotzdem Spaß haben kann, liegt nur an Grant und Law - und dessen Mut zur Hässlichkeit.

Quelle: teleschau - der mediendienst