Lisa Wagner

Lisa Wagner





"Die Arschbombe war meine Idee"

"Unter den neuen Krimi-Teams des ZDF sind wir die totalen Außenseiter", glaubt Lisa Wagner: "Sowohl mein Kollege Hans-Jochen Wagner als auch ich sind ja noch nicht so sehr bekannt." Das mag stimmen - und doch könnte es sich im Handumdrehen ändern, wenn der Debütfall "Kommissarin Heller: Tod am Weiher" am Samstag, 12. April, 20.15 Uhr, ausgestrahlt wird. Die Wiesbadener Mordermittlerin Winnie Heller ist nämlich nicht nur die jüngste Kommissarin des ZDF, wie der Sender stolz notiert, sondern auch eine der seltsamsten und spanndendsten. Für Lisa Wagner, Jahrgang 1979, könnte es also bald vorbei sein mit der Semi-Popularität. Nach zehn Jahren als festes Ensemblemitglied am Bayerischen Staatsschauspiel machte die Wahl-Münchnerin in der Rolle einer eiskalten Strafverteidigerin im BR-"Tatort: Nie wieder frei sein" spektakulär von sich reden. Nach Grimme-Preis und Bayerischem Fernsehpreis stehen der zierlichen, aber eindrucksvollen Schauspielerin nun viele Türen offen. Und das völlig zu Recht.

teleschau: Frau Wagner, das hat man auch noch nicht so oft gesehen: dass eine deutsche Fernsehkommissarin einfach mal splitterfasernackt in den Weiher hüpft!

Lisa Wagner: Was eigentlich ein Unding ist, weil der Weiher ein Tatort ist! Aber schön, dass Ihnen die Szene aufgefallen ist. Da bricht ein anarchisches Potenzial aus der Figur heraus, auch eine Lebensfreude. Ehrlich gesagt, war die Sache mit der Arschbombe meine Idee.

teleschau: Ach ja?

Wagner: Im Drehbuch war vorgesehen, dass die Kommissarin in Unterhöschen und BH ganz langsam ins Wasser steigt. Ich sagte zur Regisseurin Christiane Balthasar: Wenn sie schon so dreist ist, am Tatort schwimmen zu gehen, dann nicht so brav und züchtig, dann kann das auch die dickere Nummer sein. Es ist nicht so, dass ich ständig anbiete, nackt zu spielen. Aber für die Einführung der Figur ist das ein wertvoller und aussagekräftiger Moment. Es ist ein Ausdruck von Freiheit, deshalb macht es Sinn.

teleschau: Sind Sie als langjährige Theaterschauspielerin abgebrüht, was Schamgefühle angeht?

Wagner: Auf der Bühne nackt zu spielen, ist fast noch krasser als am Filmset, das stimmt. Im Theater schaut ein großes Saalpublikum zu, bei Dreharbeiten nur ein kleines Team. Andererseits habe ich von mehreren Kollegen gehört, dass Nacktheit im Fernsehen schwierig ist, weil heutzutage alle auf die Bilder Zugriff haben. Die geistern dann womöglich durchs Internet. Sollten sich die Medien tatsächlich wie wild darauf stürzen, dass ich meinen nackten Hintern in die Kamera gehängt habe, fände ich das natürlich enttäuschend, total unter Niveau.

teleschau: Als Hauptdarstellerin bei einer Samstagskrimireihe des ZDF ist Ihnen viel Aufmerksamkeit gewiss. "Helen Dorn" mit Anna Loos schalteten auf demselben Sendeplatz unlängst acht Millionen Menschen ein.

Wagner: Gratulation an Anna Loos, unbekannterweise! Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass wir mit "Kommissarin Heller" dieselben Zuschauerzahlen haben werden. Sowohl mein Kollege Hans-Jochen Wagner als auch ich sind ja noch nicht so sehr bekannt. Unter den neuen Krimi-Teams des ZDF sind wir die totalen Außenseiter, bei denen sich alle fragen: "Wer sind die, was machen die da überhaupt?" Es ist ein bisschen wie bei Olympia - wir sind die, die vor dem Wettkampf keiner einschätzen kann. Ich finde, das ist eine schöne Grundlage. Wir können nur gewinnen!

teleschau: Und im Handumdrehen sind Sie ein TV-Star, für den sich auch die Boulevardmedien interessieren ...

Wagner: Das kann ich ja bis zu einem gewissen Grad steuern. Ich muss keine Homestory machen. Meine Wohnung ist auch nicht so präsentabel, dass das für irgendjemanden ein Vergnügen wäre. Bei dieser Art Berichterstattung habe ich Berührungsängste, weil ich aus einer anderen Ecke komme. Ich komme vom Theater, mich interessieren die Arbeit, die Figuren, die Geschichten. Der ganze Klimibim, der mit der neuen Rolle einhergeht, wird für mich total aufregend, weil ich mit Prominenz überhaupt keine Erfahrung habe.

teleschau: Was interessiert Sie an der Figur der Kommissarin Heller?

Wagner: Ich mag diese Mischung aus emotionaler Zerbrechlichkeit einerseits und einer überraschenden Härte gegenüber Vorgesetzten und Kollegen anderseits. Man fragt sich: "Was ist mit der?" - Die ist seltsam, eckig, weil sie oft in einer Weise reagiert, wie man es nicht erwartet. Die Figur ist in einem inneren Stress, mit Erwachsenen kommt sie nicht so gut klar. Aber mit Kindern, mit Tieren, mit allem, was einen direkten Zugang bietet, kann sie total gut. Da kennt sie auch keine Unsicherheiten. Ich finde, das ist ein liebenswerter Zug.

teleschau: Wie die Kommissarin Heller kommen auch Sie aus der südwestdeutschen Provinz ...

Wagner: Ich bin in Kaiserslautern geboren, wuchs aber eine halbe Stunde entfernt auf dem Land auf. In einem kleinen Dorf mit rund 100 Einwohnern.

teleschau: Haben Sie das Milieu aus dem Film wiedererkannt? Die engen Gassen, die rustikalen Gaststätten ...

Wagner: Ja klar. Das Milieu kenne ich gut. Es fühlt sich vertraut an, es hat eine Anmutung von "zu Hause". Wir drehten in Wiesbaden und Umgebung, im Hessischen. Ich mag den Dialekt, ich mag den Menschenschlag. Ich weiß, wie ich mit den Leuten reden muss. Anders als in Berlin oder München, wo ich manchmal unsicher bin, wie die Menschen da eigentlich ticken. Auf der anderen Seite: Auf dem Dorf kennt jeder jeden. Dazu die Fachwerkhäuser mit den niedrigen Decken ... Das ist schon speziell.

teleschau: Im Sinne von "beklemmend"?

Wagner: Es hat beides: einerseits das Heimelige, Nicht-Anonyme, das ich schätze. Auf der anderen Seite eine gewisse Enge. Tatsächlich stand für mich nie zur Debatte, dass ich in meinem Heimatdorf wohnen bleibe oder in die Nähe ziehe. Auf die Idee bin ich nie gekommen.

teleschau: Stimmt es, dass Sie schon mit drei Jahren äußerten, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Wagner: So steht es zumindest in einem Tagebuch meiner Mutter. Lange Jahre war das kein Thema mehr, bis es ernst wurde.

teleschau: Wie kamen ihre künstlerischen Ambitionen bei Ihrer Familie an?

Wagner: Völlig problemlos. Ich komme aus einem offenen, belesenen Elternhaus. Mein Vater ist Lehrer, meine Mutter hat Sprachen studiert und war lange Reiseleiterin. Beiden war wichtig, dass ich beruflich etwas mache, das meinen Neigungen entspricht. Mit meinen Eltern habe ich großes Glück gehabt.

teleschau: Wie war das, als Sie das Heimatdorf hinter sich ließen und in der Metropole München ankamen?

Wagner: Erst mal natürlich einsam - und auch beängstigend. Als ich nach München zog, hatte ich noch nicht bei der Schauspielschule vorgesprochen und somit noch kein soziales Umfeld.

teleschau: Sie zogen auf gut Glück in die fremde Stadt?

Wagner: Ich schrieb mich zunächst an der Uni für den Studiengang Komparatistik (Vergleichende Literaturwissenschaft, d. Red.) ein. Nach zwei Monaten klappte es mit der Schauspielschule. Und nach einem Jahr war ich am Residenztheater, wo ich zehn Jahre blieb. Es war wohl Fügung.

teleschau: Viele andere warten auf den Karrieredurchbruch vergebens ...

Wagner: Speziell für Frauen ist es erbarmungslos. Mit 30 geht man noch mal durch ein Nadelöhr. Bei Film und Fernsehen gibt es deutlich weniger Rollen für Frauen als für Männer. Ich weiß von vielen Kolleginnen, die Zweit- und Drittjobs neben der Schauspielerei annehmen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen. Ich kenne keine genauen Zahlen: Aber nach den ersten zehn Jahren seit Ausbildungsbeginn sind es gefühlt nur noch 20 Prozent, die überhaupt noch im Job sind. Das ist schon Wahnsinn.

teleschau: Spielt Glück eine wichtige Rolle?

Wagner: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ist ein wichtiger Faktor. Aber wenn man die Chance bekommt, sich beweisen zu dürfen, dann muss man auch in der Lage sein, sie zu nutzen.

teleschau: So wie es Ihnen beim Münchner "Tatort: Nie wieder frei sein" gelang. Für die Rolle der Strafverteidigerin erhielten Sie den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis.

Wagner: Der Film hat mir auf einen Schlag Türen geöffnet. Dafür müssen andere wahnsinnig lange arbeiten, um hindurchgelassen zu werden. Sie sehen: Ich bin ein Glückskind.

teleschau: Ist München inzwischen Ihre Heimat geworden?

Wagner: Ja. Ich habe dort inzwischen wahnsinnig viele Freunde, am Literaturhaus mache ich Lesungen, beim Bayerischen Rundfunk Hörspiele. Es gibt gute Jobs in München. Ich weiß gar nicht, warum ich dort weggehen sollte. Trotzdem fragen mich noch immer viele, warum ich nicht nach Berlin ziehe, dort sei das Leben schließlich billiger.

teleschau: Wäre ja ein Argument bei dem Münchner Mietpreiswucher.

Wagner: Hören Sie sich mal um, was in Berlin mittlerweile los ist! Der Wohnungsmarkt hat dort geboomt sondergleichen. Die guten Wohnungen gehen wie in München unter der Hand weg. Ich weiß von einer Freundin, deren Wohnung am Prenzlauer Berg saniert wird. Wenn sie wieder einziehen will, schlägt der Vermieter 70 Prozent auf die Kaltmiete drauf - 70 Prozent! Da bleibe ich lieber gleich in München. Der Englische Garten, in einer Stunde ist man in den Bergen. Vielleicht bin ich auch spießig, aber ich mag es so übersichtlich, aufgeräumt und sauber.

Quelle: teleschau - der mediendienst