Roger Cicero

Roger Cicero





Voll auf das Leben einlassen

Roger Cicero (43) kann sich eigentlich zurücklehnen: Nachdem die vier bisherigen Alben des Wahl-Hamburgers jeweils in den Top Ten der deutschen Charts landeten, wird auch "Was immer auch kommt" sicher ein Erfolg werden. Dabei sind die Themen seines neuen Albums alles andere als leichte, swingende Jazz-Pop-Kost. Cicero beschäftigt sich darauf mit Trennung, Verlust und Sterblichkeit. Bei aller Schwere bleibt er aber immer Optimist: "Wenn du die Wahl hast, ob du stehen bleibst oder tanzt, dann hoff' ich, dass du tanzt", heißt es in einem der Songs. Denn Cicero versucht bei allen Ängsten und Schicksalsschlägen sich immer voll auf das Leben einzulassen, wie er im Interview verrät.

teleschau: "Was immer auch kommt" - der Album-Titel lässt sich auf verschiedene Weise interpretieren. In trotziger Form: Ich lass das Leben jetzt mal auf mich zukommen. Oder aber optimistischer: Ich werde damit schon fertig. Welche ist Ihnen lieber?

Roger Cicero: Es gab tatsächlich Diskussion über den Titel, weil man es eben auf die trotzige Weise verstehen könnte. Es soll jedoch das genaue Gegenteil aussagen. Mit "Was immer auch kommt", das erkläre ich auch im gleichnamigen Lied, ist eher eine veränderte persönliche Einstellung gemeint. Es geht darum, sich für etwas Neues zu öffnen. Viele Menschen tun sich damit schwer, einschließlich ich selbst. Das ist eine tägliche Übung, diese Haltung aufrechtzuerhalten.

teleschau: Das ist ja auch eine demütige Haltung ...

Cicero: Ja, man muss sich eingestehen, dass man vieles gar nicht beeinflussen kann. Man sollte dem aber trotzdem offen gegenübertreten und sagen: Das ist jetzt die Situation, was kann ich daran ändern? Meistens ist das nicht viel, aber ich kann darauf reagieren.

teleschau: Haben Sie spezielle Strategien, um demütig und geerdet zu bleiben?

Cicero: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Situationen, da fällt es mir leicht, mir selbst zu sagen, dass ich einfach keine Gestaltungsmöglichkeiten habe. Ab und zu muss ich mir das aber von außen sagen lassen.

teleschau: Wer sagt Ihnen das?

Cicero: Ich habe ein paar enge Freunde, mit denen ich über alles reden kann. Die auch alles über mich wissen und mich einschätzen können. Es ist aber auch wichtig, einen Realitätscheck von Leuten zu bekommen, die von einer Situation emotional nicht befangen sind.

teleschau: Stammen die engeren Freunde noch aus der Zeit vor dem Ruhm?

Cicero: Ja, meine ganz engen Freunde kannten mich bereits, bevor ich berühmt wurde. Ich bin ja aber auch noch nicht so lange berühmt ... (lacht)

teleschau: Na ja, fast zehn Jahre ...

Cicero: ... stimmt schon, in der Branche ist das eine recht lange Zeit. Nur im Vergleich zu meiner Lebenszeit - ich bin jetzt über 40 - ist das recht kurz.

teleschau: Das Album ist sehr poppig, man hört weniger Einflüsse aus Jazz und Soul als früher bei Ihnen ...

Cicero: Meine Musik war eigentlich schon immer sehr poppig. Das wird jetzt in einigen Fällen deutlicher. Allerdings gibt es jetzt auch Songs auf dem Album, die so jazzig wie noch nie zuvor klingen, etwa "Endlich wieder frei". Was jedoch die größte musikalische Veränderung ist, sind die leiseren Töne. Das liegt auch an den deutlich ernsteren Themen. Die kann man laut nicht besonders gut darbieten.

teleschau: Was sind das für Themen?

Cicero: Es geht um Lebenshaltung, Standpunkte, Einstellungen, Veränderungen und einen Neuanfang. Das sind alles essenzielle, wichtige Themen für mich. Und die kann man schlecht schreiend umsetzen. Wenn man ein großes Orchester im Hintergrund hat, das aber sehr leise spielt, dann entsteht eine ganz andere Energie. Es gibt dann plötzlich Platz für leisere Töne.

teleschau: Ist "Was immer auch kommt" Ihr persönlichstes Album?

Cicero: Ja, das stimmt schon. Aber es wirkt vor allem deswegen so, weil ich sehr viel in der Ich-Form singe und damit viel von mir preisgebe. Ich verarbeitete früher schon intime Dinge in meinen Songs. Bei "Ich hätt' so gern noch Tschüss gesagt" aus dem Album "Beziehungsweise" ging es um den Tod meines Vaters. Nun ist das vielleicht etwas durchgängiger.

teleschau: Hat es Überwindung gekostet, sich so zu entblößen?

Cicero: Total. Aber je allgemeiner man bleibt, desto weniger können sich Leute damit identifizieren. Andererseits ist mit konkreten Texten die Gefahr größer, sich dem Urteil der Leute auszusetzen. Das muss man aushalten können.

teleschau: Sie haben sich vergangenes Jahr von Ihrer Freundin getrennt. War das Schreiben des Albums diesbezüglich auch eine Art Therapie?

Cicero: Nicht direkt Therapie. Aber ich glaube, dass man sich als Künstler ständig hinterfragen muss. Nur durch die Konfrontation mit eigenen Gedanken, die einen umtreiben, kann man auch etwas schaffen. Das ist zumindest meine Art. Ich weiß nicht, ob die so gut ist, sie ist auf jeden Fall sehr anstrengend. Aber nur dadurch lernt man auch etwas.

teleschau: Im Lied "Wenn es morgen schon zu Ende wär" beschäftigen Sie sich mit dem Tod. Gab es einen Moment, an dem Ihnen Ihre Sterblichkeit bewusst wurde?

Cicero: Ich hatte vor gut eineinhalb Jahren einen guten Freund angerufen, den ich irgendwas fragen wollte. Und der erzählte mir plötzlich, dass er gerade im Krankenhaus ist und kurz vor einer Operation steht. Das war eine lebensbedrohliche Situation für ihn. Und das war ein totaler Schock für mich, weil das aus heiterem Himmel kam. Ihm ging es vorher gut, er war kerngesund. Und das beschäftigte mich dann stark. Mir wurde klar, das Leben ist zu kurz und kostbar, um vieles als selbstverständlich hinzunehmen. Es ist sehr schwierig, sich selbst einzugestehen, dass es so etwas wie Sicherheit im Leben gar nicht gibt.

teleschau: Das ist auch eine sehr unangenehme Erkenntnis ...

Cicero: Ja, aber sie befreit auch. Denn aus der Flucht nach vorne lässt sich sehr viel Kraft schöpfen: indem man sich auf das Hier und Jetzt einlässt. Manchmal braucht's dazu einfach drastische Einschnitte, um sich dessen wieder bewusst zu werden.

teleschau: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Cicero: Ja, klar.

teleschau: Vor dem Tod oder dem Sterben?

Cicero: Ich würde mir wünschen, dass ich mir da so sicher wäre wie die Buddhisten, die beidem die Angst nehmen können. Das fällt mir jedoch schwer. Wenn ich mir wirklich überlege, was passiert, bereitet es mir derzeit mehr Sorgen, was mit den Menschen passiert, die ich zurücklasse. Meinen Sohn etwa. Was mit mir genau passiert, ist zweitrangig. Ich habe viel erlebt, bin sehr glücklich und dankbar um jede Erfahrung, die ich machen durfte und habe auch nicht den Eindruck, etwas verpasst zu haben.

teleschau: Fühlen Sie sich zum Buddhismus hingezogen?

Cicero: Ich finde ihn schon spannend, aber ich finde, viele spirituelle Prinzipien und Religionen haben etwas sehr Positives an sich. Der Buddhismus vermag es vielleicht, durch praktische Anwendungen alles ein Stück greifbarer zu machen. Es gibt zum Beispiel eine Meditation, bei der man sich auf den Moment des Sterbens konzentriert. Und zwar sehr konkret. Man stellt sich vor, wie der Körper verwest. Das ist alles sehr bildlich und hilft, sich dieser Endlichkeit wirklich bewusst zu werden. So etwas finde ich spannend.

teleschau: Weil es dem Ganzen das Mystische nimmt?

Cicero: Ganz genau. Wobei es eigentlich bewirken soll, dass man sich auf das Leben voll einlässt. Das kann man nicht, so lange man sich seiner Sterblichkeit nicht bewusst ist.

teleschau: Sie interpretierten auf dem Album Rio Reisers "Straße", ein Lied über die Folgen einer Trennung. Warum entschieden Sie sich für diesen Song?

Cicero: Der Text von "Straße" ist famos. Die Bilder, die Rio entwarf, sind unglaublich schön. Das schätze ich an seinen Texten so, dass er mit einer einfachen, unprätentiösen Sprache die Themen auf den Punkt bringt. Es war allerdings auch eine schwierige, sehr lange Arbeit, den Song so hinzubekommen, wie er jetzt geworden ist.

teleschau: Was war denn so schwierig?

Cicero: Das Lied klingt im Original so simpel, ist aber letztlich wahnsinnig clever arrangiert. Als ich mich an das Cover setzte, gab es nach kurzer Zeit ganz viele Ansätze, auch mit verschiedenen Leuten. Und viele Ideen gingen in unterschiedliche Richtungen. Nur: Die sind alle ins Nichts gelaufen. Und das machte mich wahnsinnig. Erst so gegen Ende der Produktion des Albums, kurz vor der Entscheidung, das Lied komplett rauszuwerfen, saß ich in Köln im Studio und probierte da einfach am Klavier herum. Und da fand ich dann einen Weg, das Lied auf meine Art zu interpretieren. Das Kuriose an der Geschichte ist ja: "Straße" war die erste Idee fürs neue Album - und das letzte Lied, das fertig wurde. (lacht)

teleschau: Dann gab der Song mit seinem Refrain "Ich geh immer der Straße nach / Immer der Nase nach / Immer der Sonne hinterher / Weiter in 'nen neuen Tag" ja das Motto für die Produktion vor ...

Cicero: (lacht) Stimmt! So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Das gefällt mir.

Roger Cicero auf Deutschland-Tournee:

03.05., Gronau, Bürgerhalle

06.06., Warthausen, RissInsel

18.07., Idstein, Jazzfestival

19.07., Weimar, Weimarhallenpark

20.07., Dresden, Freilichtbühne Großer Garten

22.07., Freiburg, Zelt-Musik-Festival

24.09., Mainz, Phönix-Halle

26.09., Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle

27.09., Dortmund, Westfalenhalle 3A

28.09., Braunschweig, Stadthalle - Großer Saal

30.09., Bremen, Halle 7

01.10., Hamburg, CCH 1

04.10., Kiel, Sparkassen-Arena-Kiel

05.10., Lübeck, Musik- und Kongreßhalle

07.10., Oberhausen, König-Pilsener-Arena

08.10., Köln, Lanxess Arena

09.10., Stuttgart, Liederhalle - Beethovensaal

11.10., Frankfurt, Alte Oper - Großer Saal

12.10., München, Philharmonie

13.10., Nürnberg, Meistersingerhalle

15.10., Mannheim, Rosengarten Mannheim

16.10., Bielefeld, Stadthalle

17.10., Hannover, Swiss Life Hall

19.10., Saarbrücken, Saarlandhalle

24.10., Leipzig, Gewandhaus zu Leipzig

25.10., Berlin, Tempodrom

28.10., Chemnitz, Stadthalle - Großer Saal

29.10., Erfurt, Messe

30.10., Lingen, EmslandArena

Quelle: teleschau - der mediendienst