"Ich muss Dinge tun, die gefährlich sind"

"Ich muss Dinge tun, die gefährlich sind"





Querkopf Stellan Skarsgård spielt in Lars von Triers "Nymphomaniac"

Er war vieles: Vom Arbeiter bis zum Professor, vom Kleinkriminellen bis zum untoten Piraten - Stellan Skarsgård ist einer der vielseitigsten Schauspieler dieser Zeit. Kein Wunder, dass er sich auch nicht auf ein Genre beschränkt. In Hollywood-Blockbustern fühlt sich der Schwede ebenso zuhause wie in europäischen Arthouse-Streifen. Momentan ist er als asexueller Beichtvater Seligman in Lars von Triers Sexfilm "Nymphomaniac" zu sehen. Teil zwei des Films startet am 3. April in den Kinos. Das müsste doch selbst für einen wie ihn eine heikle Rolle gewesen sein aber im Interview gibt der 62-Jährige sich glaubhaft tiefenentspannt.

Sein Händedruck ist fest und verbindlich, sein Blick sehr freundlich - und seine Ausdrucksweise reichlich unflätig. Auf die Frage, wie er zu seiner Rolle kam, parodiert er Lars von Trier mit nasaler Stimme. "Er rief an und sagte: 'Stellan, mein nächster Film wird ein Porno, und ich will, dass du die männliche Hauptrolle spielst. Du wirst aber nicht ficken dürfen. Aber du wirst am Ende deinen Schwanz zeigen, und er wird sehr schlaff sein.' Und ich sagte: 'Klar, Lars, ich bin dabei.'"

Das hätte man so nicht unbedingt erwartet. Weder will die Wortwahl so recht zu diesem netten älteren Herrn im Wollpullover passen noch die Bereitschaft, seinen Körper - überdies in einer wirklich wenig schmeichelhaften Szene - so zu offenbaren. Ehrlich keine große Sache? Skarsgård winkt ab: "Ich wurde nackt geboren, daheim laufe ich nackt herum, meine Eltern taten das auch. Als meine Schulfreunde noch dachten, dass Babys vom Storch gebracht wurden, konnte ich ihnen schon erklären, wie sie gemacht wurden. Ich habe also ein sehr entspanntes Verhältnis zu meinen Genitalien."

Auch, dass einer seiner Arbeitgeber ein weitaus weniger entspanntes Verhältnis zu seinen Genitalien hat, juckt ihn wenig: "Ich habe schon sechs Filme mit Disney gedreht. Und die haben eine Klausel im Vertrag, die die meisten Schauspieler unterzeichnen. Ich habe mich immer geweigert", verrät er. "Eine sogenannte Moralklausel. Darin steht, dass wenn man einen bestimmten Teil der Gesellschaft aufbringt, sie einen verklagen dürfen. Man kann also nicht mal eben seine Hosen in einer Bar runterlassen. Aber ich fragte: Welche Gesellschaft? Kabul oder Salt Lake City? Das ist eine Beschränkung meiner Rechte des freien Ausdrucks! Jede Gesellschaft, die verbietet, bestimmte Worte zu sagen, sich auf eine bestimmte Art auszudrücken - das ist eine Gesellschaft, der man misstrauen sollte."

Skarsgård ist ein Querkopf, nicht nur in dieser Beziehung. Auch später im Gespräch wird das noch einmal deutlich: In "Nymphomaniac" wird das Wort "Neger" verwendet - legitim, wie er findet. "Als Martin Luther King für ihre Rechte kämpfte, sagte er 'Neger'. Eigentlich darf man ihn heute also nicht einmal zitieren. Er sagte 'Neger', aber die Umstände blieben so schlecht, dass sie den Namen wieder änderten. Sie nannten sich 'farbig'. Aber ihre Lebensbedingungen verbesserten sich nicht, also nannten sie sich 'schwarz'. Aber es funktionierte nicht. Also hieß es 'Afro-Amerikaner'. Und trotzdem ist heute die Kindersterblichkeitsrate in den USA bei den Schwarzen immer noch doppelt so hoch wie bei den Weißen. Das ändert sich nicht, wenn man das Etikett ändert. Wenn man das Etikett ändert, versteckt man nur das Problem. Ich finde also, man sollte Neger sagen dürfen. Wie Martin Luther King."

Angst vor provokanten Statements hat er also schon mal nicht. Kein Wunder also, dass er auch nach der "Nazi"-Affäre um Lars von Trier fest zu ihm stand. Wer auf YouTube noch einmal die Pressekonferenz von Cannes anschaut, kann sehen, wie von Triers Sitznachbarin Kirsten Dunst mit immer empörterem Gesichtsausdruck von ihm abrückt, als er sich in seinem Satzkonstrukt fatal verstrickt - während Skarsgård sich gleichzeitig immer weiter in seine Richtung lehnt und ihm mehrfach vielleicht etwas sorgevoll, aber aufmunternd zulächelt. Noch heute wird er fuchsteufelswild, als er sich an das Medienecho erinnert: "Das war so verdammt schändlich. Er sprach zu einer Gruppe von Menschen, die ihn kannten. Jeder in diesem Raum wusste, dass er kein Nazi ist. Es war ein Witz. Der Witz an der Sache war, dass er ein Jude war, bis er 30 wurde. Und dann erfuhr er, dass er einen deutschen Vater hat. Also war er kein Jude, sondern ein Nazi. Nicht besonders lustig, aber das war der Witz. Und er erzählt das diesen Menschen, denen er vertraut. Und die Journalisten - oder wahrscheinlich ihre Redakteure - stellen sicher, dass es überall in den Schlagzeilen steht: 'Lars von Trier: "Ich bin ein Nazi"'. Und seine Kinder gehen in Kopenhagen in die Schule und ihre Freunde sagen 'Oh, dein Vater ist ein Nazi!' Noch schändlicher war nur das beschissene Filmfestival von Cannes." Das Festival schloss von Trier nach der Pressekonferenz aus.

Der Furor über das Festival verfliegt aber rasch, wenn man Skarsgård nach seiner Freundschaft zu von Trier fragt. Die ist über sechs gemeinsame Projekte und 20 Jahre gewachsen. "Wir müssen uns nicht ständig sagen, dass wir uns mögen, stattdessen können wir uns ständig gegenseitig beleidigen und dabei geliebt fühlen", lächelt Skarsgård. Die gemeinsamen Drehs empfindet er - anders als viele seiner Kollegen - als sehr entspannt: "Für mich ist es nicht mal Arbeit, wenn ich mit ihm arbeite. Es fühlt sich an wie zwei Kinder, die rumspielen."

Rumspielen, das ist nach wie vor das Wichtigste für den Stockholmer - in so vielen Rollen und so vielen Genres wie nur möglich: "Ich brauche Abwechslung. Ich will keine Stabilität. Ich will Dinge tun, die ich noch nicht gemacht habe, ich will Filme drehen, die noch nicht gedreht wurden. Und ich muss Dinge tun, die gefährlich sind", erklärt er. Die Basis für seine künstlerische Abenteuerlust liegt vielleicht auch in seiner weitläufigen Familie, in der immerhin vier Söhne seinem Beispiel gefolgt sind (Alexander, Gustaf, Bill und Valter). Denn statt allzu chaotischem Künstlerleben findet er hier seinen sicheren Hafen: "Ich habe ein stabiles, bequemes Leben. Ich war nur zweimal verheiratet, ich habe acht Kinder, koche viel und trage den Einkauf nach Hause. Aber in der Arbeit versuche ich das zu vermeiden."

Quelle: teleschau - der mediendienst