Katja Flint

Katja Flint





Worum es im Leben geht

Immer nur höher, schneller, weiter und die Karriere über alles? - Allmählich scheint sich da ein Umdenken zu etablieren, das sich natürlich auch im Fernsehfilm widerspiegelt. Schauspielerin Katja Flint ist im ARD-Degeto-Drama "Die Frau am Strand" (Freitag, 25. April, 20.15 Uhr im Ersten) als karrierefixierte Mutter, die ein Familiendrama verursacht, zu sehen. Nach einer starken Depression und einem Selbstmordversuch tut sie schließlich alles dafür, ihrer Tochter (Michelle Barthel) wieder näherzukommen - und sei es mit einer Lüge. Im Interview erzählt die 54-Jährige, warum unsere leistungsbezogene Gesellschaft so gefährlich für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ist, und wie sie selbst es schaffte, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen. Sie sagt: "Es geht darum, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen beruflicher Herausforderung und dem, was einem privat Halt gibt."

teleschau: Frau Flint, im Film "Die Frau am Strand" spielen Sie Brigitta, eine Frau, die im Verlauf der Geschichte einen krassen Wandel erlebt: von der knallharten Geschäftsfrau zur plötzlich liebenden Mutter - allerdings erst nach einem missglückten Selbstmordversuch inklusive Amnesie. Als Sie das Drehbuch zum ersten Mal lasen, was mochten Sie an der Rolle?

Katja Flint: Ich fand es spannend, dass Brigittas ganze Vorgeschichte, die bei ihr ja zu einer Depression und schließlich zum Selbstmordversuch geführt hatte, durch die Amnesie plötzlich ausgelöscht ist. Dass also eine derartige Frau wieder bei Null anfängt, als unbeschriebenes Blatt. Sie muss dann erstmal versuchen, sich ein Bild von sich selbst zu machen - und dieses Bild macht natürlich nicht viel Freude, als sie es schließlich zusammengesetzt hat. Es stellt sich heraus, dass sie und ihr Mann in den vergangenen Jahren so viele Fehler gemacht haben, dass es zur Katastrophe kommen musste.

teleschau: Brigitta scheint zunächst ein schlichtweg schlechter Mensch zu sein: Sie drängt ihre Tochter zur Abtreibung, weil sie in ihren Augen zu früh schwanger wurde, und beim Versuch, das Baby zu retten, verunglückt der Freund der Tochter tödlich. Außerdem ist Brigitta extrem karrierefixiert, worunter ihre Familie sehr leidet ...

Flint: Und als sie dann die Erinnerung zurückgewinnt, versucht sie ihr Leben auch noch durch eine Lüge zurechtzubiegen. Man möchte meinen, dass sie sich nie ändern wird. Erst später in der Geschichte entwickelt man ein bisschen Hoffnung für sie.

teleschau: Denken Sie, dass Menschen mit einem derartigen Leistungsdenken eben dieses irgendwann wieder loswerden können?

Flint: Menschen wie Brigitta haben in der Regel familiäre Prägungen, die schon in der Kindheit beginnen. Viele von ihnen haben nur durch Leistung Liebe erfahren. Sie haben deshalb Schwierigkeiten, die Grundbedürfnisse des Menschen - eben Liebe und das Gefühl von Geborgenheit - einfach so, also ohne irgendeine Leistung, zu erfahren. Sie können vielleicht gar nicht glauben, dass das geht: Liebe ohne Leistung. Bei Brigitta bringt erst ihr Neuanfang nach der Amnesie den Wunsch mit sich, in der Beziehung zu ihrer Tochter etwas richtig zu machen.

teleschau: Es bedarf also eines Scheiterns, um sich zu verändern?

Flint: Je älter man wird, umso öfter scheitert man, und je größer das Scheitern ist, umso größer ist auch die Chance, danach etwas zu verändern. Schwieriger ist es, wenn man im Alltag einfach so vor sich hin lebt und von irgendjemandem plötzlich gesagt bekommt: "Hallo, du machst da was falsch - kannst du bitte mal dein Leben ändern!?" Nein, das geht meistens nicht. Für eine Veränderung braucht es leider oft erstmal einer Katastrophe. Erst, wenn zum Beispiel etwas in der Familie schiefläuft, wenn eine Depression eintritt, wenn es zum Burn-Out kommt oder zu einer anderen, womöglich lebensbedrohlichen Erkrankung, rüttelt das die Menschen wach und bringt sie zum Nachdenken. Was natürlich sehr traurig ist.

teleschau: Warum, denken Sie, ist das so? Menschliche Bequemlichkeit?

Flint: Ja, weil Menschen in der Regel nicht gezwungen sind, ihren eingeübten Pfad zu verlassen. Es fällt ihnen unheimlich schwer, radikale Änderungen in ihrem gewohnten Leben vorzunehmen.

teleschau: Kennen Sie das selbst?

Flint: Ja, aber in abgeschwächter Form. Ich war mir schon bewusst, dass wenn man ein Kind in die Welt setzt, sich dieses nicht einfach so wegorganisieren lässt. Das war aber auch nie mein Bedürfnis.

teleschau: Was war denn Ihr größtes Bedürfnis in der Beziehung zu Ihrem Sohn?

Flint: Ich wollte immer ausreichend Zeit mit ihm verbringen und habe versucht, nachzuvollziehen, was ihn gerade bewegt, auch als er dann älter wurde. Wir hatten viele gute Gespräche und manchmal natürlich auch Streit. Trotzdem gab es zwischen uns immer eine intensive Nähe.

teleschau: Dennoch war es sicher nicht selten schwierig, Job und Muttersein unter einen Hut zu bekommen. Wie haben Sie das gemacht?

Flint: Es gab in meinem Leben natürlich immer stressige Phasen. Auch Phasen, in denen ich wochenlang drehte und kaum Zeit für meinen Sohn hatte. Aber in diesen Wochen habe ich mit ihm ganz klar abgemacht: Jetzt arbeite ich und verdiene unser Geld, und danach kann und werde ich lange Zeit bei dir zu Hause sein. Damit konnte er sich arrangieren.

teleschau: Ihr Job ist nun nicht weniger leistungsbezogen als der von Brigitta: Es zählt nur der Erfolg. Der hat Brigitta schnell süchtig danach gemacht - Sie auch schon mal?

Flint: Wir kennen das ja alle, wenn einen die Bestätigung für getane Arbeit, also die Anerkennung in eine Art Rauschzustand versetzt. Den genießen wir oft so sehr, dass wir mehr davon wollen - und sich unser Arbeitstag mit immer größerem Erfolgshunger auch immer mehr füllt. In unserem Erfolgsrausch vergessen wir leider, worum es im Leben eigentlich geht.

teleschau: Nämlich?

Flint: Es geht darum, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen beruflicher Herausforderung und dem, was einem privat Halt gibt.

teleschau: Ist Ihnen der Erfolgsrausch auch schon mal gefährlich geworden?

Flint: Nein, weil ich relativ bodenständig bin. Ich mache meine Arbeit, und wenn ich damit erfolgreich bin, freue ich mich, bin aber auch nicht am Boden zerstört, wenn manches nicht so gut läuft. Was ja auch schon passiert ist.

teleschau: Was tun Sie in den Momenten des Misserfolgs?

Flint: Meistens sage ich mir, "sei froh, es hätte noch schlimmer kommen können". Dann blicke ich nach vorne und konzentriere mich auf die nächsten Aufgaben.

teleschau: Nun sieht man Sie nach "Das Paradies in uns" schon zum zweiten Mal in kurzer Zeit als Mutter in einem Drama am Strand, in dem das Thema Trauer eine große Rolle spielt. Welche Rolle reizt Sie derzeit noch?

Flint: Je älter ich werde, umso vielschichtiger werden meine Rollen. Allein eine Figur wie Brigitta hätte ich ja vor 20 Jahren gar nicht spielen können. Meine Lebenserfahrung hilft mir jetzt allgemein sehr, Figuren zu spielen, bei denen eben nicht alles glatt gelaufen ist. Genau das finde ich auch interessant: Wenn die Welt einer Figur irgendwie erschüttert wird oder ganz zusammenbricht und sie dadurch gezwungen ist, sich zu verändern.

teleschau: Welche Erschütterungen wird man Sie denn demnächst darstellen sehen?

Flint: Ich habe zuletzt zum Beispiel eine Messie-Frau gespielt, danach eine berlinernde Friseurin aus Wedding. Solche Rollen machen mir gerade sehr viel Spaß - und mir fallen auch immer neue ein.

Quelle: teleschau - der mediendienst