Die schwarzen Brüder

Die schwarzen Brüder





Die lauen Brüder

Das schweizerische Tessin im 19. Jahrhundert: Um Arztkosten zu begleichen, wird das Bauernkind Giorgio (Fynn Henkel) von seinen Eltern an den Händler Luini (Moritz Bleibtreu) verkauft. Der verschachert ihn in Mailand, wo er und andere Buben fortan unter härtesten Bedingungen als Kaminfegerkinder schuften. Das Buch "Die schwarzen Brüder", in dem Lisa Tetzner 1940/41 in zwei Bänden Giorgios Geschichte erzählte, basiert auf historischen Tatsachen: Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Kinder aus wirtschaftlicher Not als Kaminfeger nach Norditalien verkauft. Nicht wenige kamen bei der schweren Arbeit ums Leben. Der Jugendbuchklassiker besitzt eine authentische Grundierung und böte faszinierenden Stoff für die Verfilmung. Doch leider bleibt es beim Konjunktiv ...

Die Drehbuchautoren Fritjof Hohagen und Klaus Richter haben das fast 500 Seiten fassende Buch auf einen kinokompatiblen Kern eingedampft: Dem jungen Giorgio setzt in der deutsch-schweizerischen Verfilmung nicht nur die Arbeit zu, auch die lieblose Ziehmutter (Catrin Striebeck) und ihr verzogener Sohn Anselmo (Andreas Warmbrunn) machen ihm das Leben schwer. Einzig die schöne Tochter des Hauses, Angeletta (Ruby O. Fee), ist Giorgio zugetan. Der will sich nicht unterkriegen lassen: Zusammen mit den anderen Kaminfegerjungen gründet er den Geheimbund "Die schwarzen Brüder", um sich gegen die Willkür der Meister, die Straßenbande der "Wölfe" und die Machenschaften des Händlers Luini zu wehren. In Pater Roberto (Richy Müller) finden die Jungen zudem einen aufrechten Mitstreiter - und lernen, dass wahre Freundschaft auch großes Unrecht überwindet.

"Die schwarzen Brüder" ist noch immer reich an großen Figuren, doch den Zauber der Vorlage lässt die Adaption leider komplett vermissen: Jeder Film, der auf einem Buch basiert, mag es schwer haben, sich gegen die Bilder im Kopf des Lesers zu behaupten. Und doch gelingt es immer wieder, das filmische Werk neben den literarischen Text zu stellen - siehe "Der Herr der Ringe" oder "Harry Potter". Regisseur Xavier Koller ("Reise der Hoffnung") vergibt darauf jede Chance, indem er die "Die schwarzen Brüder" wie stocksteife Pappkameraden aufmarschieren lässt, die eher an verschüchterte Einlaufkinder im Fußballstadion, als an Darsteller erinnern.

Nichts zu spüren vom Überlebenskampf der Buben, keine Dramaturgie und Figurenzeichnung in die Tiefe. Es bleibt beim schönen Schein: Fynn Henkel als Giorgio sieht zwar hübsch aus, wirkt aber wie ein falsch gecastetes Gesichtswasser-Model aus einer Foto-Love-Story, von den Etablierten schafft es bestenfalls Moritz Bleibtreu, seiner Figur Leben einzuhauchen. Vielleicht klischiert und überzeichnet, aber für einen Kinderfilm durchaus passend. Sonst bleibt es bei hölzernem Figurentheater und müdem Slapstick, was den Plot zäh vorwärtsschiebt.

Die Kulisse im Sepiaschein und die aufwändige Kostümierung tragen zum immanenten Widerspruch bei: Die künstliche Ausstaffierung ist von der Härte des Stoffes und dem Abenteuer der Vorlage zu weit entfernt. Der Film bleibt in Ansätzen stecken und beschränkt sich auf die Bebilderung der Rahmenhandlung, ohne die Figuren darin zum Leben zu erwecken. Schade.

Quelle: teleschau - der mediendienst