Nadeshda Brennicke

Nadeshda Brennicke





... und auch mal fehlbar sein

Nadeshda Brennicke, 40, ist für viele die Vorzeige-Blondine des deutschen Films: ziemlich sexy, selbstbewusst und in vielen Rollen ein bisschen tussig. Eine, die sich nicht scheut, nackte Haut zu zeigen, wenn es die Rolle erfordert. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt eine Frau mit überraschend viel Tiefgang. In Gesprächen zeigt sich die gebürtige Freiburgerin sensibel und reflektiert. Eine gute Darstellerin ist sie sowieso: Nach dem renommierten Adolf Grimme Preis für ihre Darbietung in "Das Phantom" (2000, Regie Dennis Gansel) erhielt sie beim internationalen Filmfest in Chicago 2013 die Auszeichnung für die beste Schauspielerin. Ihre "Banklady" Gisela Werler, die berühmt-berüchtigte Hamburger Bankräuberin, die in den 60er-Jahren mit ihrem Komplizen 19 Banken überfallen hat und 2003 starb, hat ihr also Glück gebracht. Am 27. März startet der Film von Christian Alvart in den Kinos.

telelschau: "Banklady" war Ihr Herzensprojekt: Sie haben die Geschichte von Gisela Werler fürs Kino entdeckt und sich sehr für den Film eingesetzt. Warum wollten Sie die Geschichte unbedingt erzählen?

Nadeshda Brennicke: Mich reizte das Doppelleben, das die Banklady führte. Ich fand es einfach interessant, dass eine Frau, die ihr ganzes Leben eher unauffällig gelebt hat, nämliches als braves Arbeitermädchen, plötzlich ihr Leben umkrempelt, weil sie einen Mann kennenlernt. Durch dieses Doppelleben hat sie ja ihre tiefsten Sehnsüchte verwirklicht. Außerdem war sie immer wahnsinnig höflich bei den Überfällen, hat immer "bitte" und "danke" gesagt. Es faszinierte mich auch, dass jemand auf diese Art ein schweres Verbrechen begeht. Ich finde es richtig schade, dass ich sie nicht mehr kennengelernt habe.

telelschau: Wäre es für Sie vorstellbar, aus Liebe zu einem Mann so weit zu gehen?

Brennicke: Natürlich hat jede Frau so eine romantische Vorstellung davon, ihren persönlichen Clyde zu finden, mit dem man durch Dick und Dünn geht. Für mich ist diese Vorstellung allerdings schon sehr früh zusammengebrochen, weil ich sehr früh ein Kind bekam und dann auf mich gestellt war. Da sieht man die Welt plötzlich ganz anders. Priorität hat dann nicht mehr, den Mann fürs Leben zu finden, sondern das Kind groß zu kriegen. Ich hab ein ganz tolles Kind, das sehr viel Humor hat und mich immer zum Lachen bringt. Mein Sohn ist wirklich ein guter Kompagnon. Und wenn man so einen lustigen, kleinen, tollen Kompagnon an der Seite hat, dann sucht man nicht mehr jeden Tag nach dem Mann im Leben, das vergisst man zwischendurch sogar fast.

teleschau: Welches Verbrechen würden Sie, mal so rein theoretisch, aus Liebe begehen?

Brennicke: Dadurch, dass ich ein Kind habe, denke ich über Verbotenes nicht nach. Ich muss funktionieren. Im Grunde war es sehr gut für mich, dass ich früh Mutter geworden bin. Denn ich war als junger Mensch schon jemand, der seine Grenzen austestete. Als Mutter gab es diese Option nicht mehr.

teleschau: Sie bewundern die Banklady Gisela Werler für ihre Unerschrockenheit, ihre Furchtlosigkeit. Was schätzen Sie noch an anderen Frauen?

Brennicke: Ich bewundere Frauen, die sich nichts daraus machen, was andere Leute sagen. Mir gelingt das nämlich nie. Mir ist immer wichtig, dass andere Leute nicht schlecht von mir denken oder ich mich nicht vergreife, darüber mache ich mir sehr viele Gedanken. Menschen, denen das völlig egal ist, deren Selbstvertrauen unerschütterlich scheint, sind für mich deshalb total bewundernswert.

telelschau: Sie selbst spielen oft selbstbewusste, sexy Frauen.

Brennicke: Das ist das Produkt, das man aus mir gemacht hat. Da denke ich ganz pragmatisch. Ich konnte mir nicht alles im Leben aussuchen. Ich musste auch das nehmen, was mir angeboten wurde. Aber das wird sich ja jetzt Gott sei Dank von allein mit dem Alter regeln, wenn die Attraktivität nachlässt.

teleschau: Für "Banklady" trennten Sie sich von Ihrem Markenzeichen, Ihren langen blonden Haaren. Kostete das Überwindung?

Brennicke: Im Moment sind sie ja wieder blond. Meine jüngste Rolle ist im russischen Gangstermilieu angesiedelt, da sollten die Haare unbedingt wieder blond sein. Aber sobald das vorbei ist, werden sie wieder dunkel. Ich bin zwar von Natur aus blond, aber ich fühle ich mich immer wohler, wenn ich unscheinbarer bin. Das ist auch einfacher, wenn man nicht ganz so blond ist, glauben Sie mir.

teleschau: Was meinen Sie damit?

Brennicke: Ich weiß ich nicht, bei mir ist es eben so: Die Frauen sind netter zu mir, wenn ich nicht blond bin.

teleschau: Sie sind nicht nur eine leidenschaftliche Schauspielerin, sondern auch Musikerin und Sängerin. Wollen Sie nicht mal mehr daraus machen?

Brennicke: Nein. Musik war immer mein letztes Geheimnis, mein Luxus. Musik war immer nur für mich da. Ich habe höchstens mal Christian Alvart einen Song für einen Film geschenkt, ansonsten galt die Musik mir und meinen Freunden und meiner Entspannung. Zu meinem Produktnamen Nadeshda Brennicke würde meine Musik nicht passen. Und ich will auch gar nicht die 100. Schauspielerin sein, die singt. Wenn, dann würde ich etwas unter einem Decknamen veröffentlichen. Man soll nie nie sagen, vielleicht packt es mich noch mal in ein paar Jahren, und ich will unbedingt auf die Bühne. Aber im Augenblick bin ich da ein bisschen geizig.

teleschau: Welche Art von Musik mögen Sie denn?

Brennicke: Ich mag alles. Ich mag Drama mit Hoffnung, ob im Popbereich oder Klassikbereich. Ich brauche immer Drama mit Hoffnung.

teleschau: Als "sehr dramatisch und nicht einfach" beschrieben Sie sich einmal selbst. Wie darf man sich das vorstellen?

Brennicke: Ich halte mich schon für einen ganz einfachen Menschen, ich stehe aber auch auf Streitkultur und Austausch. Ich war als junger Mensch sehr viel in Italien, weil meine Eltern da Zeit verbrachten. Für mich war es immer völlig normal, dass man hitzköpfig am Tisch diskutiert und auch mal mit Sachen geworfen wird. Ich merke aber, dass sich die Gesellschaft mehr und mehr so entwickelt, dass man immer mehr hinterm Berg hält und kaum mehr sagt, was man denkt. Das finde ich manchmal schade, weil sich auch keiner mehr traut, Fehler zu machen. Auch dadurch, dass wir medial so beobachtet werden, hören wir verständlicherweise auf, Dinge zu sagen, die einem im Mund umgedreht werden könnten. Dadurch wird die Welt eine Spur weniger authentisch, das finde ich ein bisschen traurig.

teleschau: Sie erwecken nicht den Eindruck, zurechtgelegte Phrasen abzuspulen.

Brennicke: Ich bin natürlich auch vorsichtiger geworden. Es gibt immer Sekundärmedien, die Themen suchen und Schlagwörter, weil sie einfach den Druck von oben haben. Man kann sich heute nicht mehr erlauben, authentisch und auch mal fehlbar zu sein - und so wäre ich gern. Was mir auch Angst macht, ist das Internet, das zu einer Art modernem Pranger geworden ist. Wenn jemand in Ungnade fällt, treibt die ganze Meute die Sau durchs Dorf. Das hat dazu geführt, dass ich mich schon mit Menschen solidarisiere, die ich vorher gar nicht mochte! Also wenn wieder ein Promi fällt, weil er sich einen Fehltritt geleistet hat und alle Welt über ihn herzieht, dann wird er mir sofort sympathisch, weil ich diese Sensationslust so grauenvoll finde.

telelschau: Wenn Sie nicht im Rampenlicht stehen, leben Sie eine Art Einsiedlerleben auf einem Bauernhof, anderthalb Stunden weg von Berlin. Ein Kontrast, der kaum größer sein könnte.

teleschau: Das stimmt, es ist ungewöhnlich. Ich bin ein unheimlich naturverbundener Mensch und hole mir schon immer meine ganze Kraft aus der Natur. Ich kann stundenlang in meinem Garten sitzen und einen Baum beobachten. Das erfüllt mich, macht mich glücklich. Ich bin schon als Kind jemand gewesen, der den Wind spürt, der jeden Sonnenstrahl spürt. Ich habe eine andere Wahrnehmung, wenn ich mit mir alleine bin. Ich mag es, mein Hirn auszuschalten, meine Seele losfliegen zu lassen, das ist für mich was ganz Tolles, und das kann ich eben am besten in der Natur.

teleschau: Sie sagten einmal, früher sei der Beruf Ihre Befriedigung gewesen, heute sei es der Alltag. Hat das Landleben Ihre Prioritäten neu geordnet?

Brennicke: Ich glaube, man entdeckt sich immer wieder neu. Als ich mich für das Landleben entschied, hatte ich genug davon, als Schauspieler in Berlin rumzuhängen - anders kann man es ja nicht nennen. Ich wollte meine Zeit mit etwas Sinnvollem verbringen: in der Erde rumbuddeln, Bäume pflanzen, Tiere großziehen. Das sind wahrscheinlich kleinen Mädchenträume, aber es ist eine schöne Illusion, und für mich funktioniert sie noch.

teleschau: Ihr Sohn ist 16 und wird das Nest bald verlassen; Sie selbst sind derzeit verliebt in einen Stadtmenschen. Glauben Sie, dass es Sie noch lange auf dem Land hält?

Brennicke: Wenn ich das Gefühl habe, dass mir das zu einsam wird, dann denke ich noch mal nach, ob ich noch was anderes will. Ich mache mir einfach keinen Stress. Ich weiß, das wird eine Riesenveränderung, wenn mein Sohn auszieht. Ich versuche einfach mal zu schauen, was es aus mir macht. Vielleicht fällt mir auch etwas ganz anderes ein.

teleschau: Was wollten Sie Ihrem Sohn als Mutter mit auf den Weg geben?

Brennicke: Ich habe ihm schon sehr früh beigebracht, dass es nicht verkehrt ist, Belohnungen verschieben zu können. Also, dass er nicht alles auf einmal haben muss, weil es einfach viel mehr Spaß macht, wenn man auf was warten muss. Und das hat er begriffen. Das musste er auch, weil er mit mir am Arsch der Welt groß werden musste. Und das Schöne ist, dass er das mit einer unheimlichen Gelassenheit begriffen hat.

Quelle: teleschau - der mediendienst