Molière auf dem Fahrrad

Molière auf dem Fahrrad





Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

Die meisten Schauspieler freuen sich sicherlich, wenn man ihnen gute Rollen anbietet. Doch Serge Tanneur (Fabrice Luchini) stopft alle Drehbücher und Stücke, die ihm zugeschickt werden, in seinen alten Ofen und schaut genüsslich dem Vernichtungswerk der Flammen zu. Seit er sich in ein marodes, ererbtes Haus auf der Ile de Ré zurückgezogen hat, malt er bloß Nackedeis und schimpft auf die Gauner der Theater- und Unterhaltungsbranche. Er aber sei nicht so einer, behauptet sein ehemaliger Weggefährte Gauthier Valence (Lambert Wilson) von sich, der mit dem alten Freund Molières "Menschenfeind" auf die Bühne bringen will. Serge lächelt. Na gut, dann sei Gauthier eben eine Ausnahme. Serge wird sich bitter täuschen. Aber auch Gauthier. Zuletzt ist "Molière auf dem Fahrrad" ziemlich traurig, davor aber recht amüsant und stets auf unprätenziöse Art lebensklug.

Im "Menschenfeind" einen der männlichen Protagonisten darstellen? Serge zögert, das Angebot Gauthiers anzunehmen. Aber ein bisschen das Stück zusammen lesen, das kann man ja ... In Serges Wohnzimmer wird aus dem Lesen gefühlvolles Deklamieren, aus dem Deklamieren diszipliniertes Proben, das beide zu Höchstform anstachelt. Serges Widerstand bröckelt, auch, weil er sehr, sehr langsam Zuneigung zu der erst spröden, dann ganz herzlichen Italienerin Francesca (Maya Sansa) fasst, die Gauthier beinahe ihr Haus verkauft hätte.

Wenn in einem Film Schauspieler in Theaterstücken auftreten oder sie einstudieren, geht es meist um Parallelen zwischen den Rollen und denen, die sie verkörpern. Serge, der sich vor der Lügenhaftigkeit der Welt in einen Schmollwinkel verkrochen hat, entspricht perfekt Alceste, eben jenem "Menschenfeind" in der gleichnamigen Charakterkomödie Molières, dem Wahrheitsfanatiker, der die höfische Gesellschaft als Heuchlervereinigung verabscheut. Als TV-Star einer höchst erfolgreichen Arztserie und Pariser Parvenü, dem nichts natürlicher ist als mit gespaltener Zunge zu sprechen, empfiehlt sich hingegen Gauthier als idealer Philinte, Alcestes opportunistischer Antipode.

Würde Molière heute leben statt im 17. Jahrhundert, seine Stücke sähen dennoch wohl kaum anders aus. Die Gesellschaft ist eine andere, die Boshaftigkeit und Unaufrichtigkeit blieb gleich. Scheinbar freundschaftliche Bemerkungen, die die beiden Schauspieler austauschen, enthüllen sich nach und nach als perfide Nadelstiche. Allzu lange kaschiert Serge, großartig von Fabrice Luchini ("In ihrem Haus") gespielt, seine seelischen Verwundungen hinter einem breiten Lächeln. Sein angestauter Groll würde sich wahrscheinlich auch dann entladen, wenn ihm der schnöselige Gauthier aus gekränkter Eitelkeit keinen bösen Streich spielte.

Sicherlich: Trotz wunderbarer Mimen und Fahrrausflügen in schön-herber Insellandschaft mit frischer Brise vom Meer hätte man wahrscheinlich von der zuhause gut gelaufenen französischen Produktion mehr, stünde man hierzulande auf vertrauterem Fuße mit dem Werk Molières und dem "Menschenfeind" im Besonderen. "Molière auf dem Fahrrad" verpasst die Chance, die Unbeleckten an die französische Klassik heranzuführen. Da hilft nur eins: Zum Schauspielführer greifen, um das Vergnügen im Kino noch etwas zu steigern.

Quelle: teleschau - der mediendienst