Auge um Auge

Auge um Auge





Wenn die Öfen ausgehen

Wenn die Jobs wegfallen, bröckelt die Fassade, dann wird des Menschen Wesen sichtbar. "Out Of The Furnace", wie Scott Coopers ("Crazy Heart") neuer Film "Auge um Auge" im Original heißt, bedeutet so viel wie "Der Ofen ist aus". Treffender kann man das Leben von Russell Baze (Christian Bale) nicht beschreiben. Der Stahlkocher lebt in einer perspektivlosen Kleinstadt im ehemaligen industriellen Herzen der USA: Er hat dort zwar als einer von wenigen noch einen Job, aber um ihn herum zerfällt das Leben - bis hin zum Tod. Und der zeigt in seiner brutalen Beiläufigkeit viele schlimme Fratzen.

Eigentlich ist Russell ja ein Optimist, der dem Zerfall seiner Heimstadt Braddock, Pennsylvania, ein Lächeln entgegensetzt. Er liebt seine Freundin (Zoë Saldaña), pflegt seinen kranken Vater, und er hilft seinem vom Afghanistan-Krieg traumatisierten Bruder immer wieder aus der Klemme.

Rodney (Casey Affleck) verdient sein Geld bei illegalen Boxkämpfen und steht beim örtlichen Wettpaten (Willem Dafoe) in der Kreide. Nachdem sich die beiden auf einen gefährlichen Deal mit dem barbarischen Hinterwäldler Harlan DeGroat (Woody Harrelson) einlassen, hat auch Russell nichts mehr zu lachen. Und er will es auch gar nicht.

Die Frage, warum aus dem gutmütigen, rechtschaffenden Mann ein unerbittlicher Rächer wird, beantwortet Regisseur Scott Cooper nicht. Man ist selbst gezwungen, diesen Kerl zu ergründen, der vom genial-wahnsinnigen Christian Bale mit an Selbstaufgabe grenzender Präsenz gespielt wird. Als Stahlkocher ohne Ofen kann er sich ganz auf die Rache konzentrieren. Das mag man zu Recht als befremdlich empfinden. Aber es ist weniger die Story, die "Auge um Auge" zu einem sehenswerten Manifest des Unbehagens macht. Es sind die bedrückende Atmosphäre und der mit beiläufiger Gleichgültigkeit gezeigte Zerfall der Zivilisation.

Unwirtlich, ungemütlich und schroff ist dieser Film, der sich nicht die Mühe macht, subtil zu sein oder die Banalitäten des Daseins auszuschmücken. Im Gegenteil, Cooper erlaubt es sich, ein paar altmodische, bedeutungsschwangere Motive in seinem archaischen Drama unterzubringen: Die Jagd nach einem Hirsch und das gleichzeitige Zermatschen eines Menschen ist natürlich plakativ. Aber es gibt eben nichts, absolut gar nicht, was in der hier gezeigten US-Provinz noch schön ist.

"Auge um Auge" ist ein Schlag in die Magengrube, der die Menschlichkeit K.o. setzen will. Dass es dem Film gelingt, daran gibt es ob der Trostlosigkeit des Daseins keinen Zweifel. Nur unverbesserliche, blauäugige Optimisten würden sich noch Hoffnung erlauben. Blauäugigkeit jedoch ist in "Auge um Auge" vor allem die Zustandsbeschreibung von Gesichtern.

Quelle: teleschau - der mediendienst