A Long Way Down

A Long Way Down





Alles fremd ...

Verfilmungen von Nick-Hornby-Romanen waren bislang per se eine feine Sache. Sie gelangen immer dann, wenn die Buchvorlage eine besondere Leidenschaft zu irgendetwas glaubhaft vermittelte: die Liebe zur Musik ("High Fidelity"), die Liebe zum Fußball ("Fever Pitch"), die Liebe zu sich selbst ("About A Boy"). Am Roman "A Long Way Down", der 2005 veröffentlicht wurde, schieden sich aber die Geister. Nick Hornby erzählte in diesem Buch zwar eine hochoriginelle Geschichte, entwickelte aber selbst keine besondere Leidenschaft für seine Hauptfiguren. Er verließ sich einzig und allein auf die fantastische Grundidee, die am Anfang seiner Erzählung steht: Vier vollkommen unterschiedliche Menschen treffen sich in der Silvesternacht zufällig auf dem Dach eines Londoner Hochhauses. Sie eint charakterlich eigentlich nichts. Nur eines haben sie gemeinsam: Sie wollen springen ...

Es sind diese ersten Minuten des Films, die die besten sind. Der Regisseur Pascal Chaumeil setzt sie vorrangig komisch, aber gleichzeitig eben auch melancholisch in Szene. Zunächst geht Martin Sharp (Pierce Brosnan) hinauf. Er war erfolgreicher Fernsehmoderator, stieg dann jedoch mit einer deutlich jüngeren Frau ins Bett. Sie habe ausgesehen wie 25, sagt er. Doch leider war sie erst 16. Karriereende, Frau weg, Kind weg, gesellschaftliche Ächtung. Was sonst bleibt, außer zu springen?

Etwas unbeholfen stolpert er am Abgrund herum, Mann macht sowas schließlich nicht jeden Tag. Da taucht Maureen (Toni Collette) auf. Auch sie plant den Suizid. Dann kommen die 18-jährige Jess (Imogen Poots) und der Pizzalieferant JJ (Aaron Paul). Beide gleichsam gewillt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch wer soll den Anfang machen? Und kann man überhaupt springen, wenn andere dabei zuschauen? - Kann man nicht, im Übrigen beginnt es zu regnen, und die illustre Gesellschaft beschließt, ihr Vorhaben zu vertagen. Sechs Wochen lang, bis zum Valentinstag, herrscht auf einstimmigen Beschluss hin Selbstmordverbot. Dann werde man sich wieder treffen. Mal schauen, was bis dahin passiert.

So weit, so ungewöhnlich. Im Buch wird das Schicksal der vier Protagonisten in der Folge aus der Ich-Perspektive erzählt. Ein Kunstgriff, der sich für den Drehbuchautor Jack Thorne nicht genau so übernehmen ließ. Zwar ist der Film in einzelne Kapitel unterteilt, jedoch behält er all seine wesentlichen Figuren konsequent gemeinsam im Blick. Schritt für Schritt offenbart sich, warum sie alle dort oben standen. Erfolglosigkeit, Überforderung, Einsamkeit - es sind "todernste" Ursachen, die zugrunde liegen, die aber konsequent schwarzhumorig dargestellt werden. Der Film will, anders als das Buch, durchgängig unterhaltsam sein. Leider gleitet das alles fortan bisweilen gar ins Klamaukige ab. Bei der Schilderung der einzelnen Figuren bleibt "A Long Way Down" allzu oft an der Oberfläche. Der Zuschauer versteht sie nicht.

Es ist der wesentliche Unterschied zu den früheren Hornby-Verfilmungen. Wer Fußballfan ist und Mühe hat, die Gründe dafür in seiner privaten Beziehung zu vermitteln, zeigt seinem Partner einfach "Fever Pitch". Das erklärt alles. Wer nicht bereit ist, konventionelle Lebenswege samt Partner, Kind, Hund und Doppelhaushälfte zu beschreiten, zeige seinem Partner einfach "About A Boy". Das erklärt manches. "A Long Way Down" erklärt nichts. Der Film ist eine fraglos amüsante Draufschau auf vier verlorene Seelen, deren Verzweiflung mal mehr, mal weniger nachvollziehbar ist. Doch sie bleiben Fremde in einer zudem fremd wirkenden Welt. Nichtsdestotrotz sorgen die vier großartig ausgewählten Darsteller für zahlreiche heitere Momente. Und vor allem Toni Collette gelingt es, ihrer zugegeben dankbar angelegten Figur die notwendige Tiefe zu geben.

Bei den Filmfestspielen in Berlin feierte "A Long Way Down" in der Reihe "Berlinale Special" in diesem Jahr seine Weltpremiere. Nun startet er deutschlandweit in die Kinos und darf sich dank der Popularität des Autors und der Darsteller eines großen Interesses sicher sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst