Deutschboden

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... und es gibt Brandenburg.

Er wollte sich "dahin begeben, wo vorher kaum ein Mensch war", formuliert Moritz von Uslar: "Wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen" - in eine brandenburgische Kleinstadt. Drei Monate verbrachte der Journalist im Städtchen Zehdenick, um dort auf Parkplätzen, an Tankstellen und Theken "die reine Seele des Prolls zu ergründen". Die Ergebnisse seiner "teilnehmenden Beobachtung" veröffentlichte der Berliner 2010 im viel beachteten Buch "Deutschboden". André Schäfer hat daraus nun einen Dokumentarfilm gemacht, der nicht minder bissig, nicht minder böse und nicht minder liebevoll ist als der Roman.

In seiner Literaturverfilmung der etwas anderen Art schickt André Schäfer seinen Vorlagenschreiber Moritz von Uslar zurück in die brandenburgische Provinz: Noch einmal darf der Großstadtcowboy breitbeinig durch Zehdenick schreiten und seine Erlebnisse mit eben jenen Menschen nachstellen, die ihm in den drei Monaten, die er damals in ihrer Stadt verbrachte, wider Erwarten nicht auf die Schnauze gehauen haben. Aus dem Off liest der Autor mit beinah monotoner Stimme aus seinem bissig-humorvollen Werk, seziert mit der Arroganz eines Großstädters und der Faszination eines Entdeckers das Kleinstadtleben, das er hier kennenlernte. Mit all seinen Details, Kuriositäten und Ritualen, in all seiner Pracht und all seiner Hässlichkeit. André Schäfer liefert die passenden Bilder.

Schmeichelhaft ist das für die Bewohner Zehdenicks, die in eingestreuten Interviews zu Wort kommen, freilich nicht immer. Und klischeefrei sowieso nicht. Um Perspektivlosigkeit geht es in "Deutschboden", um Hartz IV, um Rechtsradikalismus und um grauen Spritzbeton. Aber eben auch um Träume, Hoffnung, Zusammenhalt und eine trotzige Art der Lebensfreude. Die reine Seele des Prolls eben.

Nur: Darf man das? Wird hier nicht der ostdeutsche Kleinstadt-Hartz-IV-ler vorgeführt, wenn auch auf liebevolle Weise? Sicher wird er das. Doch in diesem speziellen Fall wird dem ostdeutschen Kleinstadt-Hartz-IV-ler zur Abwechslung einmal so viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet, dass er mindestens so viele Klischees, wie er erfüllt, auch widerlegen kann. Und da die Bewohner von Zehdenick Moritz von Uslar auch bei seiner Rückkehr in ihre Stadt nicht auf die Schnauze hauen wollten, scheinen sie ihm sein Buch ja auch nicht weiter krumm genommen zu haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst