Westen

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Der zerstörte Traum

Das Auffanglager Marienfelde war im Kalten Krieg ein Synonym für Freiheit, für Flüchtlinge, die aus dem Osten kamen und das Glück des Westens fanden. Die Wochenschau (West) berichtete in scharfem Ton darüber, der zu andächtigem Zuschauen zwang. "Westen", der dritte Kinofilm von Christian Schwochow ("Die Unsichtbare"), spielt in diesem Auffanglager am Ende der 70er-Jahre. Nelly Senff, die Hauptperson, ist mit ihrem kleinen Sohn aus dem Osten gekommen. Sie will ein neues Leben beginnen, will ganz ohne politischen Hintergrund und ohne materielle Sehnsucht vergessen. Doch der Westen empfängt sie keineswegs mit offenen Armen. "Überall ist es besser, wo wir nicht sind", könnte man mit Michael Kliers Filmtitel von 1989 sagen.

Als Nelly Senff (Jördis Triebel) ihren russischen Freund bei einem Autounfall verliert, hält die 27-jährige Chemikerin nichts mehr in der DDR. Sie möchte das Land verlassen, um all das zu vergessen, was ihr nun fremd geworden ist. Sie stellt einen Ausreiseantrag, verliert daraufhin ihren Job und muss zwei Jahre auf dem Friedhof arbeiten. Von der Stasi werden ihr unbequeme Fragen gestellt. Ging es bei dem Unfall mit rechten Dingen zu?

Nelly träumt davon, ihr Leben von vorn zu beginnen, alles hinter sich zurückzulassen. Doch im Auffanglager wird sie ganz ähnlich wie in dem Land, das sie hinter sich ließ, von einem alliierten Beamten gequält. Auch der Westen hatte seinen Geheimdienst, die CIA wollte wissen, ob Flüchtlinge oder Ausreisende nicht doch vielleicht Spione seien - und zugleich allerlei Wissenswertes über den "feindlichen" Nachbarn erfahren. Doch Nelly hat sich in ihrem Leben schon zu vielen Befragungen gestellt. Sie möchte ganz einfach sie selbst sein.

Die Romanadaption macht die Erfahrungen im Niemandsland des Lagers an wenigen Personen fest: an Nelly selbst und ihrem aufrechten Widerstand gegen Willkür und Ausfragerei, am US-Beamten John Bird (Jacky Ido), der die Ausgereisten nach ihren Motiven befragt und Spitzel frühzeitig enttarnen will. Man glaubt, dass Nellys russischer Freund ein Spion gewesen sei. Und dann ist da noch Hans Pischke (Alexander Scheer), der die Hoffnung aufgegeben hat. Er hängt schon zwei Jahre im Lager fest, er spricht mit niemandem. Er war zuvor im Stasiknast in Bautzen, der eigene Bruder hatte ihn verraten. Auch er, glauben manche, könnte ein Stasispitzel sein.

Christian Schwochow gelingt es, die merkwürdige Zwischenwelt des Lagers atmosphärisch dicht einzufangen - die Zeitverschiebung, die Fortdauer des Belauertwerdens, der Ungewissheit, was die anderen betrifft. Jördis Triebel liefert als Nelly eine Glanzleistung ab - beim Internationalen Filmfestival in Montreal wurde sie dafür zu Recht mit dem Darstellerpreis belohnt.

Quelle: teleschau - der mediendienst