Andreas Pietschmann

Andreas Pietschmann





Die Falten des Vaters

Obwohl sich Schauspieler Andreas Pietschmann und Ehefrau Jasmin Tabatabai um drei Kinder zwischen sechs Monaten und elf Jahren kümmern, scheint es mit der Karriere des ehemaligen Fußballers gerade voranzugehen: Vielleicht, weil er durch die Familie eine "innere Glattheit" abgelegt habe, wie der 45-jährige Schauspieler im Interview erzählt. In Dominik Grafs Berlinale-Beitrag "Die geliebten Schwestern" gehörte er zum Ensemble. Größer ist Andreas Pietschmanns Rolle jedoch in einem anderen Historienfilm, der SAT.1-Eventprodutkion "Die Hebamme" (Dienstag, 25.03., 20.15 Uhr). Dort taucht er als Doktor der Anatomie in das Leben des Jahres 1799 ein - einer Zeit, in der Geburten noch ein Höllenritt und die Straßen von Serienkillern bevölkert waren.

teleschau: "Die Hebamme" ist ein Mix aus Serienkiller-Schocker und historischem Sittenbild. Ist das Trash oder kunstvolle Geschichtsdarstellung mit den Mitteln von SAT.1?

Andreas Pietschmann: Ich finde den Film vor allem ziemlich kühn. Mir fallen keine anderen deutschen Filme ein, die diesen Genremix so radikal umgesetzt hätten. Zudem finde ich die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts persönlich sehr spannend. Damals gab es einen großen Umbruch in allen Bereichen der Gesellschaft: Wissenschaft, Literatur, Kunst, Politik. Jene Zeit und ihre Besonderheit vor dem Hintergrund eines spannenden Thrillers zu erzählen, finde ich sehr anregend.

teleschau: Der Film ist ein blutiger Bilderrausch, bei dem man irgendwann nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem Horror des Mordens und dem der Geburten...

Pietschmann: Der Film scheut sich nicht, dort hinzusehen, wo es wehtut. Er stellt Geburten nicht voyeuristisch, aber ungeschönt dar. Damit trifft er nur die Realität von damals. Auch heute machen Frauen bei einer natürlichen Geburt Schmerzen durch, die es dank unserer modernen Medizin sonst kaum noch zu ertragen gilt. Damals waren Geburten stets ein Kampf auf Leben und Tod. Wir vergessen heute gerne, dass unser Leben diese Polarität besitzt. Am Anfang und Ende steht jeweils ein Kampf.

teleschau: "Die Hebamme" spielt im Marburg des Jahres 1799. Haben Sie auch dort gedreht?

Pietschmann: Nein, wir haben in Prag gedreht, wie man es bei Historienfilmen heute häufig tut. Dort stimmt die historische Umgebung, und das Ganze ist weitläufig genug, dass man immer wieder neue Motive findet. Zudem gibt es in Prag eine tolle, funktionierende Infrastruktur fürs Filmemachen. Wir hatten aber auch ein paar Drehtage in Jindrichuv Hradec, dem ehemaligen Neustadt in Böhmen und einen Außendreh im Altmühltal. Da steht nahe des historischen Limes bei Eichstätt eine alte Brücke, um die herum ein paar Szenen entstanden.

teleschau: Liegt das nicht in Franken, wo Sie auch herstammen?

Pietschmann: Ja, das ist in Mittelfranken, südlich von Nürnberg. Ich bin Würzburger, also Unterfranke. Ich habe auf jeden Fall von den Drehtagen dort profitiert, denn ein Großteil meiner Familie lebt noch in Franken. Meine Eltern sind ans Set gekommen. Die Gelegenheit bietet sich relativ selten, weil in Würzburg und Franken generell nicht oft etwas gedreht wird.

teleschau: Dann sind Sie also neben Dirk Nowitzki der andere prominente Würzburger?

Pietschmann: Na, da gibt es schon noch ein paar mehr bekannte Namen. Wolfgang Bötsch zum Beispiel, das war der letzte Postminister der Bundesrepublik Deutschland. Oder Bernd Hollerbach. Der war lange Spielführer beim Hamburger Sportverein - und er ist ein Freund von mir.

teleschau: Sie haben zusammen Fußball gespielt. In der dritten Liga. Wollten Sie Profi werden?

Pietschmann: Das war eben die große Frage damals. Bernd und ich waren beste Kumpels und galten als begabte junge Spieler. Ich entschied mich damals trotzdem fürs Theater und Bernd für Training und Fußballerkarriere.

teleschau: Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Pietschmann: Nicht wirklich, ich bin aber großer Fußballfan. Der FC Bayern München ist mein Verein seit ich laufen kann.

teleschau: Als Fußball-Profi hätten Sie sehr viel mehr Geld verdienen können als am Theater.

Pietschmann: Wenn ich etwas nachtrauere, dann nicht dem Geld, das ich hätte verdienen können, sondern dem Erlebnis, in großen Stadien spielen zu dürfen. Das jagt einem schon Schauer über den Rücken. Ich meine, wir spielen im Theater oder im Film die Helden. Aber diese Jungs auf dem Rasen - die sind es tatsächlich.

teleschau: Es gibt nicht viele Schauspieler, die mal hochklassig Fußball gespielt haben.

Pietschmann: Ein paar Wenige gibt es schon: Wolfgang Maria Bauer hat in der Jugend bei 1860 München gespielt, der war schon sehr gut. Andererseits, als Sönke Wortmann, der selbst recht weit oben gespielt hat, damals Schauspieler mit guter Technik für sein "Wunder von Bern" suchte, war es gar nicht so leicht, welche zu finden.

teleschau: Sie waren nicht im Film dabei.

Pietschmann: Ich sollte mitspielen und war auch schon besetzt. Allerdings kam ich nicht aus meinen Theaterverpflichtungen raus. Ich war damals am Thalia Theater in Hamburg fest engagiert. Sönke hatte überlegt, ob ich Fritz Walter spielen könnte. Für Helmut Rahn hatte ich die Physiognomie nicht. Wir versuchten, meine Nase dicker zu machen und solche Dinge, aber ich blieb optisch einfach zu weit entfernt. Was mir damals auffiel: Ich hatte zwar exakt das Alter von Fritz Walter 1954, sah aber einfach sehr viel jünger aus als er beim WM-Gewinn. Die Spieler von damals hatten alle den Krieg erlebt. Da sah man mit Anfang 30 schon aus wie heute ein Mann in mittleren Jahren. Ich war aber auch zu schlank für die Rolle. Wir haben dann noch den Horst Eckel probiert, aber dann kamen die Terminprobleme...

teleschau: Es hört sich aber sehr danach an, als hätte Sönke Wortmann Ihnen damals gern eine Rolle gegeben ...

Pietschmann: Ja, ich glaube schon. Wir kannten uns unter anderem von Benefiz-Fußballspielen. Davor trafen wir schon bei den Deutschen Theatermeisterschaften aufeinander. Die werden einmal im Jahr ausgespielt. Da machen eigentlich alle großen Theater mit. Sönke hatte damals fürs Schauspielhaus Düsseldorf gespielt, und ich war zuerst fürs Schauspielhaus Bochum, später dann fürs Thalia in Hamburg am Ball. Das waren immer heiße Duelle (lacht).

teleschau: Wer ist denn das Bayern München der deutschen Theaterliga?

Pietschmann: Das wechselt immer. Damals in Bochum hatten wir eine gute Truppe zusammen. Das Thalia konnte aber auch kicken. Ich erinnere mich daran, dass Essen mal gewonnen hat. Wiesbaden ebenfalls - die sogar öfter. Es war allerdings immer so ein bisschen undurchsichtig, warum die auf einmal so viele wahnsinnig gute Jugendspieler hatten (lacht). Der typische Theatertechniker, sag ich mal, ist in der Regel nämlich nicht unbedingt Top-Athlet und dazu Mitte 20. Aber nun gut, irgendwann habe ich aufgehört, in der Theaterliga zu spielen. Auch weil mir das Verletzungsrisiko zu groß wurde.

teleschau: Spielen Sie gar nicht mehr Fußball?

Pietschmann: Doch, in der Medienliga in Berlin. Das ist eine Freizeitliga, alle zwei Wochen findet ein Spiel statt. Ich spiele bei den x-Kickern von x-Film. Das macht Spaß, ist aber nicht mehr so wahnsinnig ambitioniert.

teleschau: Kommen wir doch noch mal aufs Theater zurück. Sie haben als junger Schauspieler eine tolle Bühnenkarriere hingelegt, waren an großen Theatern engagiert. In Filmen hat man sie dann oft in Action-Formaten wie "GSG 9" oder seichteren Stoffen gesehen. Warum?

Pietschmann: Am Theater ist man viel freier, wenn es um die Besetzung geht. Es war dort viel leichter für mich, ungewöhnliche Rollen zu bekommen als beim Fernsehen. Im Film und beim Fernsehen ist man mehr an Äußerlichkeiten gebunden. Die waren bei mir sicher lange Zeit verantwortlich für das, was mir angeboten wurde.

teleschau: Sie meinen, dass Sie unter dem Klischee des gut aussehenden Blonden zu leiden hatten?

Pietschmann: Was Rollenangebote betrifft, denke ich schon. Zudem sah ich immer viel jünger aus, als ich war. Da war man dann eben meist der blonde Held oder Liebhaber. Trotzdem war ich damals nicht unglücklich, schließlich habe ich lange Zeit parallel Theater gespielt und konnte mich dort anders ausdrücken. Mittlerweile - mit bald 45 Jahren und drei Kindern - ziehen sich die Falten tiefer ins Gesicht hinein. Dann bekommt man auch im Fernsehen mal eine interessante Rolle (lacht).

teleschau: Spielen Sie immer noch Theater?

Pietschmann: Ja, aber momentan wenig, denn zurzeit passt es schlecht in den Familienplan. Unsere Kinder sind elf und vier Jahre alt, beziehungsweise sechs Monate, die haben Priorität. Der zeitliche Tagesablauf im Theater ist leider familienfeindlich, zudem ist meine Frau ja im selben Job und arbeitet auch. Wir wechseln uns ab. Damit alles funktioniert, muss man wahnsinnig gut organisiert sein. Andererseits bekomme ich trotz dieser Einschränkungen heute mehr interessante Rollen als noch vor fünf oder zehn Jahren angeboten.

teleschau: Das Altern steht Ihnen also gut?

Pietschmann: Vielleicht. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass diese Entwicklung mit Schritten zu hat, die ich als Mensch gemacht habe. Damit, dass ich heute als Vater ein anderer, reiferer Charakter geworden bin. Vielleicht habe ich auch jetzt erst eine gewisse innere Glattheit vor der Kamera abgelegt, die einige Leute nicht interessierte. Auch bei Schauspielern schlagen sich Reifungsprozesse des Lebens in der gesamten Ausstrahlung nieder. Am Ende passt für mich so vieles zusammen.

Quelle: teleschau - der mediendienst