Her

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Computerliebe

Gar nicht so abwegig finden Zukunfts- und Computerforscher Spike Jonze' Vision von künstlicher Intelligenz. Vielleicht nicht schon im Jahr 2025, doch in gar nicht allzu langer Zeit soll das, was sich in "Her" abspielt, durchaus möglich sein: eine emotionale wie auch erotische Beziehung zwischen Mensch und Computer. Mit seinem oscarprämierten Drehbuch und einer lustvollen Inszenierung weckt der ehemalige Musikvideo-Regisseur Jonze Verständnis und Mitgefühl für seine liebesduselige Hauptfigur, die sich sozusagen in eine höher entwickelte Form der Sprachverarbeitungssoftware Siri verliebt.

Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) ist mitnichten ein Technikfreak, der sich aufgrund fehlender Angebote aus der Frauenwelt blindlings in einen intelligenten Computer verliebt. Spike Jonze tut seine Liebe nicht einfach als seltsames Randgruppenphänomen ab. Theodore ist kein Nerd, er ist ein intelligenter, eloquenter und gefühlvoller Mensch. Zwar einsam und distanziert, doch das aus einem einfachen Grund: In mehreren Rückblicken sieht man, wie glücklich Theodore einst mit seiner Frau Catherine (Rooney Mara) war, wie glücklich er sein kann. Doch die Liebe seines Lebens hat vor geraumer Zeit die Scheidung eingereicht.

Als er zufällig vom ersten Computerbetriebssystem mit künstlicher Intelligenz hört, ist es wohl nur Interesse an der neuen Technik, das ihm zum Kauf bewegt. Oder der Wunsch nach Ablenkung von seiner Depression. Dass Samantha, wie sich das Programm alsbald selbst nennt, sein Leben nicht nur in praktischer, sondern auch in emotionaler Art und Weise verändern wird, kann sich Theodore wohl genauso wenig vorstellen wie die Zuschauer.

Doch die im englischen Original von Scarlett Johansson hinreißend gesprochene Samantha interessiert sich bald nicht mehr nur für einfaches Wissen, dass sie innerhalb von Millisekunden aus Büchern saugen kann. Sie will sich auch auf einer anderen Ebene weiterentwickeln, gefühlsmäßig - ein, wie der Film vermittelt, weitaus höher einzuschätzendes Gut. Schnell versteht sie nicht nur Humor und Ironie, sondern weiß Gesprochenes zu deuten, aus Handlungen Absichten zu lesen und sogar zu lieben. Theodore wird erst (zu) spät und auf schmerzhafte Weise erfahren, dass man eine solche Computerliebe, nicht einfach ein- und ausschalten kann.

"Von der Gesellschaft akzeptierter Wahnsinn" sei die Liebe, sagt Theodores beste Freundin Amy (Amy Adams) im Film. Und genauso zeigt sie Spike Jonze: Als Geistesstörung, die alles Vergangene auszulöschen vermag. Die schönsten Szenen von "Her" sind die, wenn Theodore mit seinem Mobiltelefon, auf dem Samantha installiert ist, herumtollt, am Strand, auf einem Jahrmarkt - so glücklich wie er einst mit seiner Frau war, verliebt über beide Ohren. Wenn er neben seinem Telefon auf seinem Bett liegt und sich beide in ergreifenden Dialogen gegenseitig die Welt erklären, ist irgendwann jedes mögliche Vorurteil vergessen.

Dass der Film an der einen oder anderen Stelle etwas lang wirkt, macht durchaus Sinn: Die Fallhöhe zwischen romantischer Wohlfühloase und dem unweigerlichen Bruch wird von Minute zu Minute größer. Mit dem harten Aufprall zeigt Spike Jonze schließlich, dass der Wahnsinn namens Liebe dann doch zielführender ist, wenn er zwei Opfer aus Fleisch und Blut befällt.

Quelle: teleschau - der mediendienst