Elbow

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"Wir waren anfangs eine furchtbare Band!"

Das britische Musikmagazin "Q" ist sich bereits jetzt sicher: "The Take Off And Landing Of Everything" ist das beste Album, das Elbow je abgeliefert haben. Und das will etwas heißen bei einer Band, die bereits fünf, in Großbritannien mit Gold und Platin veredelte Studioalben veröffentlichte und für "The Seldom Seen Kid" (2008) den renommierten "Mercury Prize" gewann. Aber die britische Rockband blieb ihrem Erfolgsrezept eben treu: Sie schrieben einmal mehr große, gefühlvolle, aber nie einfältige Songs. Keyboarder Craig Potter fungierte erneut als Produzent. Elbow bleiben beruflich nun mal gerne unter sich. Ansonsten sind sie aber eher gesellige, trinkfeste Kumpeltypen, was nicht nur in den Anfangstagen der Band für Probleme sorgte, sondern auch heute noch zu Streitigkeiten führen kann, wie Sänger Guy Garvey erzählt. Beim Interview in seinem Lieblingspub "Eagle Inn" in Manchester erklärt er zudem, wie ihn Herzschmerz, Frauennacken und seine neue Wahlheimat New York zu den Texten der neuen Platte inspirierten.

teleschau: Mr. Garvey, Sie sollen vergangenes Jahr nach New York umgesiedelt sein. Was führt einen typischen Briten wie Sie dorthin?

Guy Garvey: Das hat einen ganz einfach Grund: Die Band hat so viele Liebeslieder über Manchester geschrieben. Wir alle verbrachten unser ganzes Leben hier und lebten niemals woanders. Ich wollte wieder neugierig sein und Neuland erforschen. Das kann ich in Manchester nicht tun, weil ich es in- und auswendig kenne. Wenn hier ein neues Gebäude errichtet wird, dann denke ich nur: Verdammt noch mal, warum hat mich niemand um Erlaubnis gefragt?

teleschau: Sie fühlen sich ein bisschen wie der Bürgermeister von Manchester?

Garvey: Ja, genau! Wenn ich in einen Supermarkt in Manchester gehe, dann sieht es immer so aus, als würde ich ihn eröffnen. Denn ich muss 15 Minuten Fotos machen. Das ist wirklich so. Wir sind hier sehr populär. Die Einwohner sind unglaublich stolz auf uns. Das fühlt sich wundervoll und schön an. Ich würde es verdammt noch mal vermissen, wenn es nicht so wäre, denn ich habe sehr hart dafür gearbeitet, dass es so ist. Aber für das Kreativsein ist das ein Riesen-Problem, weil ich nie anonym bin. Mein Songwriting fußt auf Beobachtung - ich observiere das Leben. Und es ist viel leichter zu observieren, wenn du nicht selbst observiert wirst.

teleschau: Wie war das, als Sie das erste Mal in New York City waren?

Garvey: Das war in den Neunzigern, und ich fühlte mich unheimlich klein. Ich dachte nur: "Kneif mich, dieses Postamt ist größer als St. Paul's Cathedral!" Ganz zu schweigen von den Wolkenkratzern natürlich. Aber ich liebe es dort. Vor meiner Wohnung in Brooklyn legen die Fähren an und ab, da kann man gut spazieren gehen.

teleschau: Und die Single "New York Morning" ist nun Ihre Ode an die Wahlheimat?

Garvey: Ja, allein schon deshalb, weil mich diese Stadt so inspirierte. Das Texten ging diesmal unglaublich schnell. Es war, als wäre ich wieder 18. Ich fühlte mich zu den Anfängen der Band zurückversetzt: anonym, in einer Ecke eines Cafés oder Pubs sitzend, tagträumend, wie ein echter Autor eben.

teleschau: Können Sie sich noch gut an die Anfänge von Elbow erinnern?

Garvey: Wir waren anfangs eine furchtbare Band. Jahrelang kriegten wir nichts auf die Reihe, während unsere Freunde längst mit einem Uni-Abschluss heimkehrten. Ich kann genau festmachen, ab wann ich das Texten ernst nahm: An einem sonnigen Tag wollte mich mein Kumpel mit zum Cricket nehmen. Es waren Mädchen dort, die ich mochte. Es gab Gras zu rauchen und Bier zu trinken. Aber ich sagte: "Nein, ich will lieber noch den Song fertigmachen." Er war ziemlich beeindruckt, dass ich dafür den Spaß ausschlug. Seine Bewunderung machte mir klar, dass ich mich sechs Monate vorher noch für Cricket und Gras entschieden hätte. Aber sich dagegen zu entscheiden, war vielleicht die wichtigste Weichenstellung in meinem Leben.

teleschau: Ihr Gesang wird ja gern mit dem von Peter Gabriel verglichen, der mal den Elbow-Song "Mirrorball" gecovert hat. Haben Sie noch Kontakt?

Garvey: Ich kann ihn anrufen, wann immer ich will. Das ist ziemlich cool. Denn zu seiner Musik lernte ich singen. Ich übte zu Genesis-Platten und hörte genau zu. Es ist also kein Zufall, wenn viele sagen, ich würde wie er klingen. Schreiben Sie das ruhig: Elbow klingen wie Radiohead angeführt von Peter Gabriel.

teleschau: Während Sie auf der letzten Elbow-Platte auf Ihre Jugend zurückblickten, beschäftigen Sie sich diesmal mit Männern in den Vierzigern. Sie selbst werden einen Tag vor der Veröffentlichung der neuen Platte 40.

Garvey: Jeder aus dieser Band hätte eine andere Meinung darüber, was dieses Alter bedeutet. Die anderen sind jetzt Familienväter und haben Verantwortung. Ich fühle mich auch ohne Anhang rundum wohl, was nicht zuletzt an den Jungs und der Band liegt. Wir sprechen oft darüber, wie glücklich wir sein können. Wir arbeiteten verdammt hart dafür, setzten alles auf eine Karte. Und es dauerte 15 Jahre, bis wir endlich den Durchbruch schafften. Die vier Typen dieser Band getroffen zu haben, war lebensverändernd für mich. Wenn man sich vorstellt, was wir schon gemeinsam erlebten und durchmachten - so viel investiert man nicht mal in eine Ehe! Manchmal streiten wir uns allerdings auch.

teleschau: Wann zuletzt?

Garvey: Als wir für die Aufnahmen an diesem Album in Peter Gabriels Real World Studios im Südwesten Englands waren. Wir sind um die Häuser gezogen und hatten jede Menge Ärger mit den Anwohnern. Und dann legten Pete Turner und ich uns ordentlich miteinander an. Am nächsten Morgen hatte ich eine Textnachricht von ihm, in der stand: "Ich denke, wir müssen reden, bevor wir wieder an die Arbeit gehen." Ich konnte mich nicht mal an den Streit erinnern, aber ich musste ihm am nächsten Tag Blumen schenken.

teleschau: Sie schenken Ihren Bandkollegen Blumen?

Garvey: Ja, Lilien. Das erschien mir passender als Rosen. Und es war unglaublich witzig, als ein Zwei-Meter-Rastafari-Security-Mann in den Raum kam und Pete die Blumen überreichte. Pete blickte mich erstaunt an und fragte: "Sind die von dir?" Es war sogar noch eine Karte dabei mit den Worten: "An den besten Bassisten der verdammten, weiten Welt. Ich war ein Blödmann. Love, Guy."

teleschau: Sehr romantisch. Wie glücklich muss dann erst Ihre Lebensgefährtin sein ...

Garvey: Aber ich hab doch gar keine!

teleschau: Dabei erzählten Sie mal von Ihren Plänen, viele rothaarige Kinder mit ihr in die Welt setzen zu wollen ...

Garvey: Ich hab's mir anders überlegt. Wir haben uns getrennt. Es ist OK. Wir sind sehr gute Freunde. Wir werden nur keine Kinder haben. Gelitten habe ich trotzdem.

teleschau: Hat denn der Herzschmerz einen Einfluss auf die Platte gehabt?

Garvey: Ganz konkret sogar: Der Albumtitel "The Take Off And Landing Of Everything" zeugt davon. Denn es ist nie so einfach wie: Ich bin verliebt, ich bin nicht mehr verliebt. Ich war glücklich, nun bin ich traurig. Es gibt auch ein Dazwischen. Ich mag die Tatsache, dass ich nun Single bin. Ich liebte aber auch jeden Moment, den ich mit ihr verbrachte. Die Trennung war die richtige Entscheidung von zwei Menschen, die sich lieben und respektieren. Niemand hat etwas falsch gemacht. Wir sind sehr glücklich, dass wir uns überhaupt getroffen haben. Das Mädchen versüßte mir meine Dreißiger!

teleschau: Und diese Platte?

Garvey: Genau! Es findet sich eine Textzeile auf dem Album, die sowohl in ihrem nächsten Buch, das "Animals" heißen wird, als auch auf unserer Platte ist. Am Ende von "New York Morning" heißt es: "The way the day begins, decides the shade of everything." Wir können uns partout nicht erinnern, wer von uns beiden diese Worte schrieb. Also teilen wir sie uns. Etwas bleibt.

teleschau: Elbow sind bekannt für romantisches Liedgut. Gibt es das trotz Ihrer Entliebung?

Garvey: "Lunette" ist ein ziemlich romantischer Song. Das Lied beschreibt den Haaransatz am Hinterkopf von Frauen. Ich denke, die meisten Typen würden zustimmen, wenn ich sage, dass der Nacken einer Frau ziemlich attraktiv ist. Speziell, wenn du aufwachst und drauf schaust. Was ich ja nicht mehr tue, wie wir nun wissen. Erst wollten wir übrigens das ganze Album "Lunette" nennen, aber dann fanden wir heraus, dass eine Menstruationstasse so heißt. Ich wusste nicht mal, dass so etwas existiert. Zum Glück habe ich das Wort aber vorher gegoogelt, sonst würden jetzt alle über uns lachen.

teleschau: Ihre Schwester äußerte mal gegenüber der Presse, Sie seien schon als Teenager der Entertainer beim Abendbrot gewesen. Ist da was dran?

Garvey: Ich wuchs mit fünf älteren Schwestern und einem jüngeren Bruder auf. Wenn man also von Mum und Dad gehört werden wollte, musste man sehr unterhaltsam sein, singen oder imitieren können - sonst ging man im Krach unter. Mein Bruder nervte aber noch mehr als ich.

teleschau: Gehörten Sie zu den coolen Jungs auf der Schule?

Garvey: Nein, ich war der absolute Trottel. Es war nicht gerade hilfreich, dass meine Schwester mich in den ersten zehn Jahren meines Lebens anzog. Ich weiß nicht, wie viele Sweatshirts ich auftrug, die Brustausbeulungen hatten! Ich hing nur mit Mädchen ab. So war die Wahrscheinlichkeit höher, von meinem Gegenüber keins drauf zu bekommen. Geküsst hat mich allerdings auch nie eines der Mädchen.

teleschau: Sind Sie als Mensch heute so besonnen wie in Ihrer Musik?

Garvey: Ich benehme mich wohl eher wie ein Idiot: Ich trinke zu viel, ich passe nicht auf mich auf, ich habe viel zu viel Spaß für einen Erwachsenen.

teleschau: Ihr Hobby ist ja "Birdwatching" - also das stundenlange Beobachten von Vögeln. Wie passt das in ein Rockstarleben?

Garvey: Nun, ich schäme mich nicht dafür. Ich fahre gerne auf die Isle Of Mull, um See-Adler zu beobachten. Manchmal sitze ich auch einfach nur in meinem Garten und spreche mit den Spatzen. Mich hat mal jemand gelehrt, wie man einen Eulen-Ruf imitiert. Das klappte wirklich, eine Eule setzte sich neben mich. Momentan begeistere ich mich für den Distelfink. Die sind rot und gold und wunderschön. Ich füttere 20 Stück von ihnen.

teleschau: Mit welchem Vogel können Sie sich am besten identifizieren?

Garvey: Ich wäre wohl ein Grünfink: Die essen viel und sind sehr chaotisch.

Quelle: teleschau - der mediendienst