Henning Wehland

Henning Wehland





Pädagogisch wertvoll

Das Wort "Castingshow" mag Henning Wehland nicht so gerne hören. Nicht in Bezug zu "The Voice Kids", der erfolgreichen Talentsuche von SAT.1, für die der Musiker jetzt zum zweiten Mal (Start: Freitag, 21. März, 20.15 Uhr) auf einem der roten Sessel als Coach Platz nimmt. Fördern, fordern, aber auch ehrlich zu den Kindern sein, das steht für Wehland und seine beiden Jury-Kollegen Lena Meyer-Landrut und dem neu zum Team gestoßenen Revolverheld-Frontmann Johannes Strate an oberster Stelle. Die Kandidaten, die gerade einmal zwischen acht und 14 Jahre alt sind, sollen Spaß am Singen haben und nicht daran denken, dass ihnen möglicherweise irgendwann eine große Gesangskarriere winkt. Das Konzept von "The Voice Kids" entspricht dabei in etwa dem des Mutterformats "The Voice Of Germany", das durch seine "Blind Auditions" und "Battles" bekannt wurde. Im Gespräch erklärt der Rocksänger, der mit der Crossover-Band H-BlockX in den 90er-Jahren berühmt wurde und seit 2007 bei den Söhnen Mannheims mitmischt, welchen pädagogischen Stellenwert "The Voice Kids" aus einer Sicht hat und was sogar er mit seinen 42 Jahren und über 20 Jahren Erfahrung im Showgeschäft von den Kindern noch lernen kann.

teleschau: Googeln Sie vor einem Interview eigentlich den Namen Ihres Gegenüber, oder lassen Sie sich wie bei den "Blind Auditions" lieber überraschen?

Henning Wehland: (lacht) Nein, tatsächlich nicht. Ich verlasse mich da einfach auf meine Intuition und meine Menschenkenntnis.

teleschau: Sie lassen sich also gerne überraschen?

Wehland: Ich möchte mir meine Spontaneität erhalten. Ich nutze zwar auch Suchmaschinen, etwa um mir Songtexte durchzulesen, aber direkt nach jemandem im Internet fahnden, dass mache ich nicht. Da bin ich zu analog.

teleschau: Empfinden Sie die "Blind Auditions" als Nervenkitzel?

Wehland: Ja, auf jeden Fall. Das Schwierigste daran ist, dass sich die einzelnen Sinne nicht gegenseitig durcheinander bringen. Wenn ich nur auf die Stimme achte, entsteht automatisch ein Bild im Kopf, und es passiert nicht selten, dass die Vorstellung rein gar nichts mit der Realität zu tun hat.

teleschau: Zur ersten Staffel von "The Voice Kids" erwähnte ihre Kollegin Lena Meyer-Landrut, dass es für die Coaches äußerst schwer sei, in einer bestimmten Altersspanne Jungen- und Mädchenstimmen auseinanderzuhalten. Haben Mädchen aufgrund ihrer Stimmfärbung einen Vorteil?

Wehland: Lena und ich stehen noch im Kontakt mit einigen der Talente vom letzten Jahr, und bei einem Kandidaten hat sich die Stimme durch den Stimmbruch stark verändert. Dennoch würde ich nicht so weit gehen und sagen, dass es ein Nachteil für die Jungs ist. Es ist zum Teil unglaublich, welche Talente in diesem jungen Alter schon unterwegs sind. Ich denke, dass "The Voice Kids" die erste Show ist, die darauf aufmerksam macht, dass es sich durchaus lohnt, junge Talente früh zu fördern, damit sie ihr Potenzial entfalten. Wir drei Coaches versuchen, so nachhaltig wie nur möglich mit den Kindern zu arbeiten. Wir versprechen ihnen nicht gleich einen Plattenvertrag, sondern versuchen, die Zeit des Lernens so lange es geht zu garantieren.

teleschau: Ist im Coaching-Team die Erwartungshaltung noch einmal größer geworden?

Wehland: Ja, absolut. Das Niveau vom letzten Jahr war schon immens hoch, die Teilnehmer dieser Staffel legen aber noch eine Schippe drauf. Es lässt sich aber noch nicht sagen, ob am Ende eine Stimme dabei herauskommt, die das Niveau der letztjährigen Finalisten erreicht. Das wird sich erst im Verlauf der Sendung zeigen.

teleschau: Inzwischen ist die Sendung bekannt. Denken Sie, dass dadurch der Druck für die Kinder größer geworden ist?

Wehland: Das Interessante daran ist, dass Kids im Alter zwischen acht und 14 Jahren diese Art Druck noch gar nicht kennen. Ein Blick zurück auf meine eigene Kindheit zeigt mir, dass Druck von außen erst gegen Ende der Pubertät auf einen einwirkt - so mit 17, 18 oder 19 Jahren. Diese Versagensangst hat man als Kind einfach noch nicht. Kinder gehen eher unbedarft an die ganze Sache heran. In ihnen steckt noch die spielerische Lust, zu zeigen, was sie können. Ihnen ist definitiv die Sendung aus dem letzten Jahr bekannt, sie wissen, warum sie bei uns auftreten - das Unvoreingenommene fehlt natürlich. Aber die Freude darüber, dass sie auf einer großen Bühne und vor einem Millionenpublikum singen dürfen, ist ungetrübt.

teleschau: Wie professionell sind die Kinder schon?

Wehland: Professionell - das Wort kenne ich eigentlich nur aus dem Geschäftsjargon, das ist hier eindeutig fehl am Platz. Natürlich ist "The Voice Kids" ein kommerzielles Format, aber wir wollen unseren Talenten keinen Druck machen, sondern ihn vielmehr von ihnen nehmen! Wir zeigen ihnen, dass sie in einem positiven Sinne besonders sind, dass sie ein Talent besitzen, das nicht viele haben und vielleicht irgendwann einmal Teil ihres Berufes werden könnte.

teleschau: Sprechen Sie manchmal auch die Empfehlung aus, dass einzelne Kinder doch lieber etwas Ordentliches lernen und sich nicht auf eine Gesangskarriere versteifen sollen?

Wehland: (lacht) Das sagten mir meine Eltern früher auch öfters. Bei ein paar Talenten ist es wirklich so, dass ich sie zum Umdenken animierte, was den Berufswunsch angeht. Der beste Rat diesbezüglich kam damals von meinem älteren Bruder, der mir einen entscheidenden Tipp gab: Er sagte zu mir, dass ich bereit sein muss, für die Kunst und die damit zusammenhängende Leidenschaft alles andere zu opfern, dass es mir nicht darum gehen darf, mit Musik das große Geld verdienen zu wollen. Wenn es aber primär darum geht, später eine finanzielle Sicherheit zu haben, sollte man besser einen anderen Beruf wählen. Glücklicherweise wollen die meisten der Kinder bei uns derzeit einfach nur Musik machen. Sie beschäftigen sich mit nichts anderem mehr. Diejenigen, die einfach nur berühmt werden wollen, sind bei "The Voice Kids" falsch aufgehoben.

teleschau: Und das verstehen die Kinder wirklich?

Wehland: Ja. Aber es geht uns auch um die Bewusstseinsbildung in einer Gesellschaft, die sich solche Shows ja gerne im Fernsehen ansieht. Viele müssen noch kapieren, dass man Kinder nicht vor der Realität und dem Leben schützen muss, sondern dass sie Ehrlichkeit verdient haben.

teleschau: In Ihren Worten liegt ein bisschen Genugtuung, dass Sie es mit "The Voice Kids" im Gegensatz zur Konkurrenz geschafft haben, eine Sendung mit Kindern zu etablieren ...

Wehland: Ganz ehrlich: Diese Genugtuung geht sogar noch einen Schritt weiter. Unsere Show ist pädagogisch viel wertvoller als alle anderen Sendungen, die unter den Begriff Castingshow fallen. Wir führen die Kinder nicht vor - wir arbeiten mit ihnen. Wenn eines der Talente nicht bei uns weiterkommt, erklären wir ihm genau, woran es lag.

teleschau: Was haben Sie bei der Arbeit an "The Voice Kids" über sich selbst gelernt?

Wehland: Ich lernte vor allen Dingen, dass ich mich persönlich oftmals viel wichtiger nahm als meine Musik. Wie sich herausstellte, war das ein großer Fehler. Die Kinder zeigten mir, wie viel Freude es bereiten kann, einfach nur zu singen und über nichts anderes nachzudenken. Wenn man schon so lange wie ich im Geschäft ist, kann es schnell passieren, dass das Musizieren nicht mehr oberste Priorität genießt.

teleschau: Im Team gab es eine personelle Veränderung: Tim Bendzko verließ nach der ersten Staffel die Sendung, für ihn rückte Revolverheld-Sänger Johannes Strate nach.

Wehland: Wir waren letztes Jahr ein sehr gutes Team und haben uns alle blendend verstanden. Tim ist in erster Linie Musiker, der auch Verpflichtungen erfüllen muss, da blieb einfach keine Zeit mehr für das Coaching. Johannes füllt seine Rolle aber perfekt aus. Er lässt keine Sekunde Zweifel aufkommen, dass er in die Sendung gehört.

teleschau: Sind Formate wie "The Voice Kids", aber auch andere ähnlich ausgerichtete Sendungen, das neue Musikfernsehen?

Wehland: Wer glaubt, dass das Fernsehen allein heutzutage noch die meinungsbildende Medienplattform für Musik ist, liegt falsch - das ist schon lange nicht mehr so. Da gibt es diverse Plattformen. Wenn wir vom TV im Allgemeinen reden, dann schätze ich schon, dass so etwas wie "The Voice Kids" das neue Musikfernsehen von heute darstellt.

teleschau: Welchen Stellenwert hat denn die Musik eigentlich noch?

Wehland: Musik funktioniert in der Gesellschaft als der Klebstoff, der uns zusammenhält. Eine Welt ohne Musik wäre wie ein Mensch ohne Gedanken - also unvorstellbar. Aus kommerzieller Sicht ist es wichtig, dem Zuschauer Emotionen zu verkaufen. In den 90er-Jahren klappte dies, indem man Emotionen erfand. Aber mittlerweile kommt es darauf an, echte Gefühle zu zeigen und sie nicht künstlich zu erschaffen. Die Frage lautet, wie gut gemeint die Absichten wirklich sind. Mir würde es Bauchschmerzen bereiten, wenn das Geld der Grund wäre, für etwas mein Gesicht hinzuhalten, was ich normalerweise nicht machen würde. Ich lerne bei "The Voice Kids" sehr viel und habe das Gefühl, dass andere von meinen Erfahrungen profitieren.

Quelle: teleschau - der mediendienst