Die Frau des Polizisten

Die Frau des Polizisten





Brutal unberechenbar

"Anfang Kapitel 1, Ende Kapitel 1, Anfang Kapitel 2, Ende Kapitel 2" ... schon mit seiner merkwürdigen Gliederung sorgt "Die Frau des Polizisten" für Irritation. Aber das ist rein gar nichts gegen das, was zwischen solchen Einblendungen zu sehen ist. Jedes Kapitel funktioniert wie ein Überraschungsei. Wird es jetzt schön oder schrecklich, beginnt man sich angstvoll zu fragen. Der Aufbau in manchmal winzige Abschnitte vermag höchst effektiv in eine albtraumhafte Kleinfamilienexistenz hineinzuziehen. Unberechenbar brutal ist der Familienvater, aber brutal unberechenbar ist der Film von Philip Gröning in seinen Stimmungen. Man wagt kaum noch hinzuschauen, wenn ein neues Kapitel angekündigt wird. Und das fast dreistündige Drama hat viele Kapitel.

Der junge Polizist Uwe Perkinger (David Zimmerschied) reißt sich nicht um die unangenehmeren Aufgaben seines Berufs, aber wenn er muss, erledigt er sie. Seien es nun Fotoaufnahmen von einem Dutzend zerfetzter Unfallopfern oder die Tötung eines angefahrenen Wilds, das ihn hilflos anschaut. Für seine kleine Tochter Clara (dargestellt von den Zwillingsschwestern Pia und Chiara Kleemann) denkt er sich tolle Verstecke für Ostereier aus. Seine Frau Christine (Alexandra Finder) schmeißt den Haushalt, spielt viel mit der Kleinen und legt mit ihr neben dem kleinen Haus, das sie bewohnen, ein Beet an.

Uwe und Christine scheinen sich prächtig zu verstehen und viel Spaß miteinander zu haben. Bis auf die Nächte, in denen Uwe in einem Anflug von Zorn Christine aus dem Bett stößt, laut schreit und plötzlich auf sie eindrischt. Und sogar mit dem Messer auf sie losgeht. Ein dunkler Fleck erscheint auf Christines Haut, dann noch einer, es werden immer mehr. Schließlich bricht sie im Wohnzimmer ohnmächtig zusammen. Ihr Mann und ihre Tochter lassen sich dadurch beim Computerspielen nicht stören.

Was wie eine handelsübliche Studie über häusliche Gewalt klingen mag, vermeidet aufgrund seiner ausgeklügelten Erzählstruktur fast bis zum Schluss jene Plattheit, die so oft mit dem Sujet verbunden ist. Unterstützt von Darstellern, die jede Nuance bald heimeliger, bald implodierender Intimität beherrschen, kann Regisseur und Autor Philip Gröning seiner poetischen Fantasie freien Lauf lassen. So erzielt er größere Eindringlichkeit, als es mit naturalistischen Mitteln möglich wäre.

Die Leinwand dominieren nicht Fakten, sondern das Sichtbarmachen widersprüchlicher Affekte. Die sind so stark, dass der Zuschauer fast ihre emotionale Geisel wird, am Kinosessel angeschnallt wie bei einer Achterbahnfahrt, die durch Schmusen und Schlagen, durch Zärtlichkeit und Niedertracht führt. Bis man so sensibel für die Schwingungen in den Bildern wird, dass schon das leise Zittern von Blumen in einer Vase für ein Zeichen des Zerbrechens des häuslichen Friedens genommen wird.

In Venedig erhielt "Die Frau des Polizisten" im vergangenen Jahr den Spezialpreis der Jury. Das ist Ausdruck verdienter Anerkennung, aber auch von ein bisschen Verlegenheit, wie die Qualität einzuschätzen ist. Der Film vergibt viel, wenn er irgendwann doch den großen Beziehungsknall bringt und eine nicht wirklich schlüssige Erklärung für die seltsame Duldsamkeit der Ehefrau liefert. Bis zuletzt zu zeigen, wie das alltägliche Leben der Familie mehr und mehr zu einer Verkettung dumpfer Verrichtungen degeneriert, die roh werden lassen, wäre wohl besser gewesen.

Quelle: teleschau - der mediendienst