Trostpizza für alle

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Mit sieben Oscars geht "Gravity" aus einer überraschungsarmen Oscarnacht als Sieger hervor

Wie viele Sensationsmeldungen hätten auf diese Oscarnacht folgen können: "Erster schwarzer Regie-Preisträger der Oscargeschichte!", "Endlich: Erster Oscar für Leo!" oder: "Meryl Streep zieht mit Katharine Hepburn gleich!" - Doch am Ende war die größte Überraschung, wie wenige Überraschungen es während der 86. Verleihung der Academy Awards tatsächlich gab: Von wenigen Ausnahmen abgesehen bestätigten sich die Prognosen der Oscar-Experten, vom Gesamtsieger ("Gravity", sieben Oscars) über den Regieoscar (Alfonso Cuarón, "Gravity"), den Auslandsoscar ("La grande bellezza") bis hin zum besten Film ("12 Years A Slave"). Nur den Pizzaboten, den sahen die Oscar-Orakel nicht kommen.

Jennifer Lawrence ließ es sich schmecken: Wenn sie schon keinen Oscar bekommt - den holte in der Kategorie "Beste Nebendarstellerin" Lupita Nyong'o -, dann kann sie sich zumindest mit einem Stück Pizza trösten. Das Trinkgeld soll dem angereisten Pizzaboten doch bitte Hollywood-Mogul Harvey Weinstein geben, schlägt Moderatorin Ellen DeGeneres vor, während Brad Pitt Pappteller an die Umsitzenden verteilt. Sollte von dieser Oscarverleihung etwas hängen bleiben, dann wohl dieser Moment. Und vielleicht noch der Teil von Matthew McConaugheys Dankesrede, in dem der frischgebackene Oscarpreisträger ("Dallas Buyers Club") demonstrierte, wie sein verstorbener Vater im Himmel die Auszeichnung des Sohnes in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" feiern würde: Tanzend, mit einem Stück Limonenkuchen in der einen und einem Cocktail in der anderen Hand.

Niemand stolperte in diesem Jahr, niemand fluchte, niemand knutschte seinen Laudator oder sprang vor Freude auf seinen Stuhl. Noch nicht einmal das Orchester musste einschreiten, weil eine Dankesrede zu lang oder zu politisch zu werden drohte. Sicher, Jared Leto murmelte etwas über die Ukraine und Venezuela, als er seinen von vornherein sicheren Oscar für die beste männliche Nebenrolle ("Dallas Buyers Club") entgegennahm. Cate Blanchett, die beste Hauptdarstellerin ("Blue Jasmine"), rieb den vorwiegend männlichen Entscheidern in der Filmbranche unter die Nase, dass sich die Kinozuschauer durchaus für Frauenthemen interessieren. Und als Ellen DeGeneres Liza Minnelli mit "Sir" ansprach, schoss sie mit der Stichelei vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus. Doch im Großen und Ganzen gaben sich alle Beteiligten betont Mühe, möglichst nicht anzuecken. Allen voran die Oscarshowproduzenten Craig Zadan und Neil Meron.

Viel Kritik mussten die beiden im letzten Jahr einstecken, weil sie Moderator Seth MacFarlane ein wenig zu frech über die Anwesenden lästern ließen. Ellen DeGeneres, nach der Oscarverleihung 2007 bereits erprobt, teilte ihre Seitenhiebe mit ein wenig mehr Feingefühl aus. Auch den Showteil strichen die beiden Showrunner kräftig zusammen: Abgesehen von den Auftritten der vier Nominierten in der Kategorie "Bester Song" (es gewann die Disney-Ballade "Let It Go" aus dem schon zuvor prämierten Animationsfilm "Die Eiskönigin") gab es nur zwei weitere Nummern. Zum Gedenken an die jüngst verstorbenen Filmschaffenden - auch Maximilian Schell wurde genannt - sang Bette Midler "Wind Beneath My Wings", P!nk hingegen gab "Over The Rainbow" aus "Der Zauberer von Oz" zum Besten - in einem Kleid so rot und funkelnd, wie einst die magischen Schuhe von Filmheldin Dorothy. Jener Auftritt stellte den Höhepunkt einer kleinen Retrospektive zum etwas beliebigen Thema Filmhelden dar, die die Anwesenden noch einmal in die gute alte Zeit zurückversetzen sollte: In jene Tage, in denen man sich noch darauf verlassen konnte, dass Sommerblockbuster Millionen einspielen. Das Wort Krise will an diesem feierlichen Abend natürlich niemand in den Mund nehmen.

Zumal nach knapp dreieinhalb Stunden Preisverleihung als großer Sieger ja ein Film feststand, der weltweit über 700 Millionen US-Dollar eingespielt hatte. Beste Regie, beste Kamera, bester Soundtrack, beste Effekte, bester Schnitt, bester Tonschnitt, beste Tonmischung - einen Preis nach dem anderen fuhr "Gravity" ein, während "The Wolf Of Wall Street", "Nebraska", "Captain Phillips", "Philomena" und sogar Mitfavorit "American Hustle" gänzlich leer ausgingen. Doch den Technikfilm, den Publikumsliebling, auch zum besten Film zu erklären - dazu waren die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences auch in diesem Jahr nicht bereit. Nicht, dass "12 Years A Slave" die Auszeichnung nicht verdient hätte, im Gegenteil, sie ist genauso berechtigt wie der Darstellerpreis für Lupita Nyong'o und der Drehbuchpreis für John Ridley. Nur hätte man sich für den Oscarabend eine Überraschung gewünscht, die etwas größer ist als eine Käsepizza.

Quelle: teleschau - der mediendienst