Emily Watson

Emily Watson





"Schauspieler sind die uninteressantesten Menschen"

Ihr Debüt in Lars von Triers "Breaking The Waves" (1996) katapultierte Emily Watson direkt ins internationale Rampenlicht: Europäischer Filmpreis, Kritikerpreise, sogar eine Oscarnominierung erhielt die Londonerin. Die zweite folgte 1999 für ihre bemerkenswerte Darstellung der britischen Star-Cellistin Jacqueline du Pré in "Hilary & Jackie". Seitdem veredelt die prägnante Watson mit ihrem nuancierten Spiel große und kleine Rollen. Regisseur Brian Percival bot der 47-Jährigen in seiner Bestseller-Verfilmung "Die Bücherdiebin" (Start: 13.03.) die Rolle der schroffen Rosa an, in der sich die Britin an der Seite von Geoffrey Rush austobt. Erzählt wird die Geschichte eines neunjährigen Mädchens während der Zeit des Nationalsozialismus, die bei ihren Adoptiveltern aufwächst.

teleschau: Mrs. Watson, erinnern Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit der Buchvorlage?

Emily Watson: Ich las zuerst das Drehbuch und liebte es vom ersten Moment an. Ich fragte direkt bei meinem Agenten an, mit wem ich sprechen muss, um diese Rolle zu bekommen. Das war Regisseur Brian Percival und schon war ich dabei. Ich las dann natürlich die Vorlage von Markus Zusak - ein großartiges Buch.

teleschau: Identifizieren sich mit Ihrer Rosa?

Watson: Für mich war es sehr interessant, Rosa zu studieren. Es ist toll, jemanden zu spielen, der hässlich, gemein und unattraktiv ist. Als Schauspielerin freut mich eine solche Herausforderung. Für mich steht Rosa in ihrer Art prototypisch für jede Frau in Europa zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Eine Generation, die einen Sinn für Verlust hat, da sie schon den Ersten Weltkrieg überstehen musste. Jeder kannte diese Depression, musste um sein Geld und um Arbeit kämpfen. Die ökonomischen Voraussetzungen waren so vollkommen anders. Ihr Leben war von hoher Frustration geprägt.

teleschau: Hat "Die Bücherdiebin" Ihren Blick auf den Holocaust verändert?

Watson: Er bleibt äußerst schockierend. In der Geschichte, erzählt durch die Augen eines Kindes, erlebt man die eigene moralische Entrüstung. Du bekommst den Unterschied zwischen Recht und Unrecht beigebracht. Es schärft deinen Sinn, wie du die Welt wahrnimmst. Gerade in Berlin, dieser aufregenden Stadt, ist der Umgang mit der Geschichte und mit dem Krieg so offen und erfahrbar. Niemand läuft vor der Historie weg oder versteckt sie. Die Politik will, dass das, was hier passiert ist, auch erzählt wird. Für mich ist die Stadt einer der am meisten zivilisierten Orte der Welt.

teleschau: Während der Dreharbeiten in Babelsberg hatten Sie ja viel Zeit, die Stadt kennenzulernen.

Watson: Und ich habe sie geliebt! Ich flog zwar in meiner Freizeit immer zurück nach London zur Familie, besuchte aber immerhin einige der Museen. Ich konnte mich aber nicht wie Geoffrey Rush austoben, der zu jeder Show ging und alles mitnahm.

teleschau: Haben Sie Angst davor, dass sich die Geschichte wiederholen könnte? Dass eine Partei wie die Nationalsozialisten wieder an die Macht kommen könnte?

Watson: Wir müssen immer auf der Hut sein. Der Stärkere will gewinnen. Es gibt so viel Extremismus. Schauen wir nach Afghanistan, wo Anschläge auf Frauen verübt werden, die sich bilden wollen. Bücher sind deshalb so wichtig, weil sie solche Geschichten erzählen.

teleschau: Lesen Sie gerne?

Watson: Sehr gerne sogar. Ich bin in einer sehr literarisch interessierten Familie aufgewachsen, und wir hatten als Kinder immer sehr viele Bücher. Meine Mutter war Lehrerin. Wir hatten keinen Fernseher, also las ich als Kind sehr viel.

teleschau: Geben Sie das an Ihren Sohn und Ihre Tochter weiter?

Watson: Meiner Tochter muss ich ihre Bücher wegnehmen. Sie liest und liest und liest. Ich will nicht, dass die beiden viel fernsehen, weil ich sie von Werbung fernhalten will. Aber wir sehen DVDs und Netflix zusammen. Ich will ein wenig kontrollieren, was sie sehen und gute Sachen aussuchen.

teleschau: Lesen Sie Bücher noch klassisch in Buchform?

Watson: Drehbücher lese ich auf dem Tablet, um sie nicht extra drucken zu müssen, aber Bücher lese ich als Bücher. Mich beschäftigt dieser Umbruch: Das Menschsein hat sich durch das Internet auf hundert verschiedene Arten verändert. Eine Veränderung, auf die ich verzichten könnte. Sie ist bei mir nicht willkommen. Wenn ich morgens meine Kinder im Zug zur Schule begleite und alle in ihre Geräte vor sich starren und genervt sind, wenn meine Kinder sprechen oder lachen, frage ich mich: Was tun wir uns an? Ich frage mich wirklich, ob es gut für unseren geistigen Zustand ist, den ganzen Tag vor uns in Geräte zu starren. Ich glaube nicht. Wo ist die Zeit geblieben, die jeder mit sich selbst verbringt? Was tust du, wenn du allein bist? Du schnappst dir dein Smartphone. Niemand lässt sich auf sich selbst ein. Das ist nicht gut.

teleschau: Wie verändert das die Menschen?

Watson: Das wissen wir nicht. Es ist noch zu neu. In Japan haben die Menschen keinen Sex mehr.

teleschau: Wegen des Internets?

Watson: So heißt es. Intimität verschwindet, wenn du deine freie Zeit nicht mehr für dich selbst nutzt. Der Effekt in Japan ist klar abzulesen, die Geburtenrate sinkt.

teleschau: Könnten Sie sich vorstellen, selbst ein Buch zu schreiben? Eine Autobiografie vielleicht?

Watson: Schauspieler sind die uninteressantesten Menschen auf dem Planeten. Menschen sind fasziniert von ihnen, aber sie sollten sich mehr für Wissenschaftler und Doktoren interessieren.

Quelle: teleschau - der mediendienst