Pharrell Williams

Pharrell Williams





Größer als wir alle

Man muss sich Pharrell Williams (40) als glücklichen Menschen vorstellen. Er ist seit letztem Jahr mit seiner langjährigen Freundin, dem Model Helen Lasichanh, verheiratet, die beiden haben einen fünfjährigen Sohn namens Rocket. Aber auch beruflich hat der US-Musiker und Produzent einen Lauf: War er 2013 "nur" Stargast bei zwei der größten Hits, "Get Lucky" von Daft Punk und "Blurred Lines" von Robin Thicke, steht er nun dank der Gute-Laune-Nummer "Happy", die weltweit die Charts toppt, erstmals in seiner 20-jährigen Karriere als Solokünstler im großen Scheinwerferlicht. Mit seinem Album "G I R L" (VÖ: 03.03.) setzt er nun endgültig an, zu den ganz Großen der Popmusik aufzuschließen. Williams selbst würde das natürlich nie zugeben. Dazu ist er einerseits zu clever, andererseits auch zu bescheiden, wie sich im Interview in einem Londoner Hotel zeigt. Er spricht nicht gerne über sich selbst, sondern lobt lieber die "warme Energie" seiner Mitstreiter, dankt seiner Plattenfirma, die ihm die Chance gab, ein Solo-Album aufzunehmen. Williams scheint glücklich zu sein - auch weil er eine Botschaft verbreiten kann, die seiner Meinung nach größer ist als er selbst.

teleschau: Kennen Sie eigentlich die zahlreichen Fan-Clips, in denen Menschen aus Städten in der ganzen Welt zu Ihrem Nummer-eins-Hit "Happy" tanzen?

Pharrell Williams: Einige der Clips kenne ich. Und die Leute haben den Song tatsächlich auf ein neues Level gehoben. Es ist so verrückt. Auch weil es niemals enttäuschend ist. Denn egal, ob die Leute es eher ernst nehmen oder einfach nur rumalbern, es ist einfach überwältigend, ihre emotionale Reaktion zu spüren, zu sehen, wie sie in diesen vier Minuten tatsächlich glücklich sind. Ich bin einfach nur froh, dass ich ein Teil von so etwas bin. Das Ganze ist so viel größer als wir alle.

teleschau: Sie gastierten bei den Sommerhits "Get Lucky" und "Blurred Lines", jetzt landeten Sie Ihren eigenen Riesenhit. Wie fühlt sich das an?

Williams: Das ist einfach magisch. Ich war mit meiner Rolle immer zufrieden, ich war der Typ, der immer neben den anderen, bekannteren Typen stand. Irgendwie wurde ich jetzt in die vorderste Reihe geschoben, und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich wirklich etwas zu sagen habe.

teleschau: Erschwert die neue Popularität Ihre Arbeit als Musiker und Produzent?

Williams: Ehrlich gesagt glaube ich, dass das eine falsche Vorstellung ist, eine, für die ich nicht verantwortlich bin. Ich habe nichts mit "Popularität" zu tun, so etwas bestimmt alleine das Publikum. Sie könnten sicher zehn großartige Songs aufzählen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Das hat aber nicht mit den Fähigkeiten der Künstler zu tun, sondern damit, dass das Universum auf diese Lieder einfach nicht geantwortet hat. Es sind die Leute, die meine Musik populär gemacht haben, durch ihre Anrufe, Nachfragen, Wahl, durch das Teilen im Internet, durch ihre Downloads. Nichts davon habe ich getan. Es sind die Menschen, die mich hierher gebracht haben. Und ich schätze das sehr.

teleschau: "G I R L", so sagen Sie, ist Ihre Ode an die Frauen, an das Prinzip der Weiblichkeit. Ist es auch eine Art Reaktion auf einen Song wie "Blurred Lines", der von vielen Frauen als machohaft kritisiert wurden?

Williams: Nein, das ist es nicht. Wenn überhaupt, fühlten sich die Frauen wahrscheinlich vom Video gekränkt. Denn der Text sagt aus, dass sie selbst ihr Leben bestimmen und dass der Mann nicht ihr Schöpfer, ihr Gott ist. Es ist umgekehrt: Wir alle kommen von Frauen.

teleschau: Würden Sie so weit gehen, sich als Feministen zu bezeichnen?

Williams: Das Lustige ist, dass einige der Frauen in meinem Umfeld mich tatsächlich manchmal im Scherz einen Feministen nennen. Aber ich habe nicht das Recht, so etwas von mir zu behaupten. Teile ich viele ihrer Ansichten? Sicher. Bin ich die stereotype Definition eines Feministen? Natürlich nicht. Gut, mit meinen Perlenketten bin ich nicht so weit davon weg ... Kleiner Scherz ... Ich bin sicher kein Aktivist, aber es gibt zwei Dinge, denen ich mich gerne widme: Bildung und Gleichberechtigung. Und so lange es da ein Ungleichgewicht gibt, kämpfe ich dafür.

teleschau: Glauben Sie, dass sich diese Dinge ändern werden?

Williams: Oh ja, es wird eine Zeit kommen, in der es genau umgekehrt sein wird. Frauen sind für so viele Dinge verantwortlich, das wird auch der Gesellschaft irgendwann dämmern, auch manchen Frauen, die darauf konditioniert sind zu glauben, dass die Welt männlich dominiert ist. Aber das ist eine falsche Vorstellung, der wir alle unterliegen. Viele Menschen erkennen das inzwischen, es verschiebt sich etwas. Ich sehe diese Veränderung kommen und möchte ein Teil davon sein. Denn man kann sich hinsetzen und warten, bis die große Welle kommt und einen wegspült, oder Teil von ihr sein. Und Letzteres möchte ich tun.

teleschau: War das auch ein Grund, nach acht Jahren wieder ein Solo-Album aufzunehmen? Oder haben Sie nach all den Kollaborationen die Arbeit an eigenen Songs einfach vermisst?

Williams: Nein, für mich ist "G I R L" auch kein Soloalbum, auch wenn ich weiß, dass alle das jetzt sagen. Mein erstes Album ("In My Mind" von 2006, Anm. d. Red.) war das schon eher: ein Soloalbum, auf dem sich alles um mich drehte. Klar, auch damals gab es einige großzügige Gesten, zeigte ich meine Wertschätzung für andere Leute. Aber es war auch ein Konkurrenzkampf, fast schon tierisch: Schaut her, ich kann das auch! Ich kann es sogar besser und bin dabei noch ganz anders als ihr alle! Dieses Mal ist das nicht so, denn es geht nicht um mich. Und das machte den ganzen Prozess auch viel einfacher.

teleschau: Warum finden Sie es schwierig, über sich selbst zu schreiben?

Williams: (überlegt) Nun, finden sie nicht auch, dass andere Menschen eine viel genauere Beschreibung von ihnen abgeben können als sie selbst?

teleschau: Das mag stimmen ...

Williams: Wir sind Gewohnheitstiere. Wir kennen unsere Eigenheiten: Mann, weck mich bloß nicht auf, ich bin kein Frühaufsteher! Diese Dinge wissen wir natürlich. Aber wenn es um spezielle Eigenschaften geht, dann sind andere Menschen besser darin, diese aufzuzeigen. Natürlich könnte man ein paar Zeilen über sich selbst schreiben, aber irgendwann geht einem das Material aus. Oder nicht? Aber Leute, die einen lieben, werden sagen: Schatz, was ist denn damit? Du bist doch gut in diesem und jenem ... Und mal ganz abgesehen davon: Ich fand es auch langweilig, die ganze Zeit nur über mich zu sprechen. Andere Menschen inspirieren mich. Und ich glaube auch, dass es so viele interessantere Dinge auf meinem Album zu entdecken gibt als mich. All die großartigen Menschen, die vorbeikamen.

teleschau: Die Gästeliste auf "G I R L" ist ziemlich lang ...

Williams: Ja. Aber trotzdem sind nur zwei Duette (mit Justin Timberlake und Alicia Keys, Anm. d. Red.) auf dem Album zu hören. Denn das ist die nervigste Sache der Welt, wenn auf der Tracklist 69 Feature-Gäste zu lesen sind. Das ist ein 15 Jahre alter Trick der Musikindustrie, vor allem bei Rap-Alben. Dabei will man doch kein Verkaufsschild aufhängen! Wie kann man es nur wagen, die Musik mit solchen Mitteln herabzusetzen? Nur um Leute mit irgendwelchen Namen zu ködern? Das ist doch keine Kunst mehr!

teleschau: War das früher besser?

Williams: Nun, wenn man etwa "Beat It" von Michael Jackson hörte, dann musste man auch in den Credits nachlesen, um zu sehen, woher diese unglaubliche Magie kam: Da spielte Eddie Van Halen Gitarre! Aber nirgendwo war zu lesen: "Beat It" - featuring Eddie Van Halen! Oder "Dirty Diana" - featuring Slash! Nicht dass ich mich mit dem King Of Pop vergleichen will, da liegen Welten dazwischen ...

teleschau: Dabei sind Sie doch auch oft genug Gast auf anderen Alben ...

Williams: Ja, natürlich bin ich auf dem Daft-Punk-Album als Feature-Gast drauf. Aber wissen Sie, wenn jemand bei meinem Album im Hintergrund mitgearbeitet hat, möchte ich ihn nicht ausbeuten. Nach dem Motto: Du arbeitest mit mir, du musst mir auch erlauben, deinen Namen vorne auf mein Album zu schreiben.

teleschau: Gibt es trotzdem einen Mitmusiker, den Sie hervorheben würden?

Williams: Nein, wenn überhaupt dann eher so etwas wie die Streicher. Ich weiß nicht viel über Geigen, außer dass die Bögen aus Pferdehaar und viele alt und ziemlich teuer sind. Aber ihr musikalisches Können, das emotionale Gewicht, das sie zu diesem Album beitragen, das berührt mich! Darüber könnte ich den ganzen Tag reden.

teleschau: War das früher eigentlich anders?

Williams: Ja, ich habe es total schätzen gelernt, darüber reden zu können. Früher schreckte ich eher davor zurück und prahlte stattdessen lieber damit, was für ein Auto ich fahre, wo ich überall hinfliege, mit wem ich ausgehe. So jemand möchte ich nicht mehr sein. Die Medien sind schließlich voll mit solchen Selbstdarstellern. Aber gut, es sollte genug Platz für alle da sein, für mich persönlich ist das nichts mehr. Ich möchte über Dinge reden, die größer sind als ich.

teleschau: Das klingt sehr erwachsen ...

Williams: Vielleicht. Aber so sehe ich die Dinge inzwischen eben. Ich frage mich: Was bedeutet das? Was steckt darin? Es ist wie mit einer Suppe, sie mag gut riechen, aber ich will wissen, was da drin ist. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Ich esse immer noch Frühstücksflocken, schaue immer noch Spongebob und andere Zeichentrickserien, ich bin immer noch ein großes Kind und versuche, nicht immer alles zu ernst zu nehmen. Und ich bin auch nicht der Typ, der sich mit einem Demonstrationsschild vor das Weiße Haus stellt, das ist überhaupt nicht mein Ding. Aber dennoch: Ich wollte mit "G I R L" sicherstellen, dass ich ein bisschen bittere Medizin in den ganzen Zucker mische.

teleschau: Apropos Medizin, besitzen Sie eigentlich ein Geheimrezept für die ewige Jugend? Sie scheinen einfach nicht zu altern ...

Williams: Das stimmt natürlich nicht. Und ich weiß auch kein Rezept. Wasser trinken? Peelings? Aber danke für das Kompliment.

Quelle: teleschau - der mediendienst