Julia Thurnau

Julia Thurnau





Überall und nirgendwo zu Hause

Schauspielerin Julia Thurnau übernimmt in den neuen Folgen der ZDF-Krimi-Serie "Letzte Spur Berlin" (ab Freitag, 7. März, 21.15 Uhr) eine Kommissarinnenrolle. Nur eines von vielen Filmformaten und -genres, die die 39-jährige Wahlberlinerin, die im ländlichen Südfrankreich aufwuchs, bisher kennengelernt hat. Ein Gespräch über eine frühe Berufswahl, Zweisprachigkeit auf der Bühne und ein ungeliebtes Rollenprofil.

teleschau: Frau Thurnau, in "Letzte Spur Berlin" übernehmen Sie derzeit die Mutterschutzvertretung für Mina Amiri, gespielt von Jasmin Tabatabai. Hat Sie das Genre Krimi mal wieder gereizt?

Julia Thurnau: Mich hat vor allem das spezielle Format "Letzte Spur Berlin" begeistert, weil es die einzige Krimiserie in Deutschland ist, in der nicht nur Täter gesucht, sondern in das Leben von Vermissten eingetaucht wird, um es zu bewahren.

teleschau: Festgelegt haben Sie sich in Ihrer Schauspielkarriere nie auf ein bestimmtes Genre. Mal sah man sie in "Die drei Musketiere", mal in "Erkan und Stefan", dann im "Tatort", später im "Traumschiff". Wie kam es zu den Sprüngen in Ihrer Vita?

Thurnau: Ich würde mich als Weltenwandlerin bezeichnen. Als jemand, der überall und nirgendwo zu Hause ist. Ich verurteile kein Format, solange es dort etwas zu entdecken gibt

teleschau: Und wenn man Ihnen eine feste "Tatort"-Ermittlerrolle ab sofort anbieten würde?

Thurnau: Dann würde ich das natürlich machen, klar.

teleschau: Einzig auf den Beruf Schauspielerin an sich schienen Sie sich fixiert zu haben - und das schon ziemlich lange. Mit 16 Jahren, heißt es, stand Ihre Entscheidung in Sachen Berufswahl fest.

Thurnau: Ich hatte damals schon einige Schultheaterstücke gespielt und schnell gemerkt, dass das Schauspiel etwas bewegt. Es hat etwas mit mir und meiner Umgebung gemacht, etwas verändert. Ich dachte am Anfang zwar noch, dass das kein Beruf für mich wäre, weil man relativ fremdbestimmt agiert. Aber je länger ich mich damit beschäftigt habe - und zwar mit allen denkbaren Schauspielgenres -, umso faszinierter war ich davon.

teleschau: Können Sie diese Faszination beschreiben?

Thurnau: Der Moment, in dem ich mich in die Bühne verliebt habe, hat sich seitdem ständig wiederholt und wiederholt sich noch. Das liegt sicher auch daran, dass man mit jeder Rolle ein neues Risiko eingeht, alles gewinnen aber genauso gut scheitern kann. Ich erinnere mich noch an meine erste Produktion. Ich war wahnsinnig aufgeregt und habe meine erfahrenen Kollegen gefragt, ob und wann das weggeht. Die haben mir damals erklärt, dass man immer wieder von Null anfängt.

teleschau: Ihre erste Rolle bekamen Sie direkt nach dem Abitur in "Die Wagenfelds". War diese Rolle auch ausschlaggebend dafür, dass Sie sich im Folgenden ganz für die Schauspielerei entschieden haben?

Thurnau: "Die Wagenfelds" waren für mich wie ein Praktikum beim Film. Es gab damals keine bessere Möglichkeit für mich, Film und Fernsehen auszuprobieren. Es gab eine Schauspiellehrerin für alle Jungschauspieler ohne Ausbildung. Mit ihr arbeite ich bis heute. Inzwischen macht sie Theater-Regie. Wir haben bis jetzt fünf Theaterstücke gemeinsam auf die Bühne gebracht.

teleschau: Haben Sie sich damals selbst als Talent gesehen?

Thurnau: Das nicht. Ich war immer schon sehr streng und hart mit mir. Aber: Damals lag vor mir ein weites Feld mit Dingen, die man lernen konnte. Und ich lernte schon damals sehr gerne. Lernen und forschen - das liebe ich bis heute. Ich habe mich also nicht für diesen Beruf entschieden, weil ich dachte, ich wäre so gut, sondern weil es so viel zu entdecken gibt.

teleschau: Zwei Jahre später haben Sie dann bereits neben Kollegen wie Christoph Waltz gedreht - mittlerweile Oscar-Preisträger. Haben Sie auch vom großen Ruhm geträumt?

Thurnau: Nein. Ruhm gehört zu diesem Beruf zwar dazu, ist aber relativ. Ich habe mir schon immer viel zu wenig Gedanken über das Thema Ruhm gemacht. Ich rate jedem, der jung ist und diesen Beruf wählt, sich mit der Außenwirkung auseinanderzusetzen. Wir sind Projektionsflächen für alle möglichen Träume und Phantasien, die meistens wenig mit uns persönlich zu tun haben.

teleschau: Macht Ruhm die Schauspielerei leichter?

Thurnau: Wenn Ruhm bedeutet, einen oder mehrere Preise zu bekommen, dann ja. Weil man dadurch Aufmerksamkeit bekommt und Kontakte zu bestimmten Menschen. Man kann seine Karriere dann etwas mehr lenken und sich vielleicht sogar aussuchen, wo der eigene Weg hinführen wird. Trotzdem: Ruhm bleibt ein Nebeneffekt, für den ich mich wenig interessiere.

teleschau: In den folgenden Jahren haben Sie dann besagte diverse Rollen gespielt - was Ihnen in der Presse schon den Titel "Chamäleon" eingebracht hat. Sehen Sie das als Kompliment?

Thurnau: Ja. Chamäleon hat mich mein Vater auch schon genannt, als ich klein war.

teleschau: Gab es trotzdem Rollen, die Sie im Nachhinein bereuen?

Thurnau: Ganz ehrlich: Ja.

teleschau: Zum Beispiel?

Thurnau: Es gab ein bestimmtes Rollenprofil, das ich irgendwann nicht mehr ertragen habe. Wenn man meine Vita anschaut, merkt man das auch. Ich wollte einfach nicht mehr nur diese sehr hübsche Frau spielen, die sehr viel Sex hat und dafür sehr hart bestraft wird. Frauen werden in den Medien allgemein zu viel sexualisiert. Es gab einen Punkt, an dem ich mich diesbezüglich erst mal zurückziehen musste.

teleschau: Welche Rolle war es dann, die Ihnen wieder zugesagt hat?

Thurnau: In Deutschland gab es nach meiner Entscheidung, ein neues Rollenprofil zu erfinden, erst mal nicht die Möglichkeit dazu. Ich habe dann in einer französischen Produktion eines historischen Krimis gespielt. Erst danach konnte ich auch in Deutschland andere, neue Rollen annehmen. Zum Beispiel 2010, als ich einen opiumsüchtigen Jüdischen Flüchtling in "Liebe und Tod auf Java" gespielt habe (ausgestrahlt 2013, Anm. d. Red.).

teleschau: Sie haben bereits zahlreiche Filme in französischer Sprache gedreht. Gefällt Ihnen das vielleicht sogar besser als Deutsch zu spielen?

Thurnau: Das Französische ist meine zweite Identität. Ich bin ja in Frankreich zur Grundschule gegangen, insofern hängt meine ganze Kindheit an dieser Sprache. Und was Sprachen generell angeht: Meine Muttersprachen sind zwar Französisch und Deutsch, aber ich spreche auch Englisch, Spanisch und Norwegisch und mag es sehr, zwischen den Sprache zu wandern.

teleschau: Noch einmal zurück zu den Wunschrollen. Es ist nicht lange her, da titelte ein Boulevardblatt, Sie würden gerne mal eine Lesbe spielen!

Thurnau: Das war eine Schlagzeile. Titel polarisieren und pauschalieren im allgemeinen gerne. Dieser Satz ruft zwar ein Klischee auf, aber der Umgang mit Homosexualität wird im deutschen Film vernachlässigt. Ich finde es interessant, Gender-Strukturen aufzulösen. Die Filmbranche steht ja an sich sehr unter dem Zeichen der Heteronormativität. "Letzte Spur Berlin" ist deshalb sehr schön zu spielen. Weil es in Gender-Hinsicht nicht so festgefahren ist wie manch anderes Format.

teleschau: Was ist eigentlich Ihr Ausgleich zum stressigen Schauspieljob? Sie erzählten einst von Ihrer Vorliebe für Kampfsport und Western-Reiten. Ist das noch aktuell?

Thurnau: Ein wenig. Im Moment interessiere ich mich neben der Arbeit aber vor allem für Schnittstellen im Film. Auch für den experimentellen Low-Budget-Film. Seit ich mich damit und mit Künstlerinnen wie Tracey Emin, Clothilde, Andrea Frazer oder Adrian Piper beschäftige, eröffnen sich mir ganz neue Welten.

teleschau: Das ist doch aber auch wieder Arbeit!

Thurnau: Aber auch Forschung, und die mag ich ja. Ich habe den Plan, eine wahnsinnig gebildete und kluge, alte Frau zu werden. Da können solche Hobbys natürlich nicht schaden (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst