Max Riemelt

Max Riemelt





Der Überzeugungstäter

Im Sommer wird der Film "Lichtgestalten" Festivalpremiere feiern. Max Riemelt ist es eine ausführliche Erwähnung wert, er möchte gerne "Werbung machen" für diesen, so erfährt man, offenbar hoch anspruchsvollen Independent-Kunstfilm über die Liebe in Zeiten der Fake-Identitäten. Alle Mitwirkenden hätten kostenlos gearbeitet, betont der 30-Jährige, auch er selbst. Da ist man erleichtert, dass der Schauspieler im aufwendigen ZDF-Biopic "Elly Beinhorn - Alleinflug" (So., 30.03., 20.15 Uhr, ZDF) mutmaßlich ordentlich entlohnt den 1938 verunglückten Rennfahrer Bernd Rosemeyer spielt. Zumal zuvor ein neuerlich klein budgetierter Film mit Riemelt in der Hauptrolle läuft. "Der zweite Mann" (Mo., 03.03., 23.50 Uhr, ZDF) ist ein Banken-Thriller im Neo-Noir-Stil, mit dem die ZDF-Nachwuchsredaktion "Das kleine Fernsehspiel" die Thriller-Reihe "Stunde des Bösen" eröffnet - und damit vor allem eins: ein Liebhaberprojekt. Auf die möchte der gefeierte Shootingstar aus Dominik Grafs Russenmafiaserie "Im Angesicht des Verbrechens" auch in Zukunft nicht verzichten. Selbst ein mögliches Hollywood-Engagement knüpft er an inhaltliche Bedingungen ...

teleschau: Herr Riemelt, was reizt einen erfolgreichen und viel beschäftigten Schauspieler wie Sie daran, an einem Debütfilm mitzuwirken, den das ZDF montags kurz vor Mitternacht sendet?

Max Riemelt: Der Sendeplatz ist mir egal. Mir geht es um das Projekt. Ich finde es auch immer toll, wenn junge, idealistische Leute ohne Scheu auf mich zukommen. Das ehrt mich. Am meisten hat mich begeistert, dass "Der zweite Mann" ein richtiger Genre-Film ist. So etwas hat man selten in Deutschland.

teleschau: Woran liegt das?

Riemelt: In der Regel fehlt es am Geld, um etwa einen Polit-Thriller so zu inszenieren, dass er auf der Leinwand überzeugend aussieht. Die Filmstudenten werden da früh gebremst: Wenn man wenig Budget zur Verfügung hat, ist man gezwungen, in anderen Bildern zu denken als in cineastischen.

teleschau: Vielleicht bräuchte es mal einen unverhofften Kassenschlager aus dem Genre-Bereich ...

Riemelt: Auch das würde wahrscheinlich nicht zu einem Umdenken führen. Die deutsche Mentalität ist eine Sicherheitsmentalität. Nicht umsonst haben wir so viele Versicherungen. Bei vielen Produzenten und Verleihern wächst die Erkenntnis nur langsam, dass der kurzfristige Profit nicht das Seelenheil für den deutschen Film sein kann.

teleschau: Schauen Sie manchmal neidisch nach Amerika, was dort alles möglich ist?

Riemelt: Ich bin nicht undankbar für die Möglichkeiten, die der deutsche Film bietet. Aber es stimmt: In den USA ist es selbstverständlicher, finanzielle Risiken einzugehen und etwas Besonderes machen zu wollen. Es gibt Leute wie Harvey Keitel, die Millionen verdient haben, diese aber wieder reinvestieren, weil sie einfach ein Faible für Film haben. Ich will auch gar nicht ausschließen, dass ich in der Zukunft mal mehr im Ausland arbeiten könnte.

teleschau: Das haben Sie im Hinterkopf?

Riemelt: Ja, klar. Ich mag neue Herausforderungen und war auch schon bei englischsprachigen Castings. Aber ich will auch nicht um jeden Preis in Hollywood drehen. Es müsste schon eine Rolle sein, mit der ich mich wohlfühle. Es nützt ja niemandem, wenn ich einfach einen weiteren Nazi im US-Kino spiele.

teleschau: Welche Filme haben Ihre Leidenschaft fürs Kino in Ihrer Jugend geweckt?

Riemelt: Ich hatte zunächst lange Zeit gar kein so großes Bewusstsein fürs Kino. Ich mochte vor allem Gangster-Filme mit viel Gewalt. Das waren aber weniger Kino-Erlebnisse als vielmehr Video-Abende mit Freunden. Später im Kino waren es komplex erzählte Dramen wie "There Will Be Blood" oder "Magnolia", die mich faszinierten. Natürlich habe ich besonders auf die Schauspieler geachtet: Leute wie John Malkovich, Leonardo DiCaprio ...

teleschau: Guckten Sie sich von diesen Stars auf der Leinwand etwas ab fürs eigene Spiel?

Riemelt: Wenn, dann ist das unterbewusst passiert. Ich bekam zumindest ein konkreteres Bild davon, was ich mag und was nicht.

teleschau: Eine Schauspielschule haben Sie nie besucht. War es für Sie ohne Diplom in der Hand schwieriger, sich darüber bewusst zu werden, dass Sie angekommen sind im Beruf?

Riemelt: Ja. Es hat in der Tat lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass Schauspielerei mein Ding und mein Talent ist. Zuvor wurde mir vonseiten meiner Familie oft gesagt, ich solle doch eine Ausbildung machen, um ein zweites Standbein zu haben. Lange hatte ich das Gefühl, ich müsste mein Abi nachholen. Das versuchte ich auch, ehe der Film wieder dazwischenkam und ich die Notwendigkeit nicht mehr sah. Als "Napola" 2004 ins Kino kam, konnte ich dann nicht mehr leugnen, angekommen zu sein im Beruf. Der Film hat mir und dem Publikum gleichermaßen Spaß gemacht - das fühlte sich einfach gut an. Dennoch weiß ich, dass alles auch wieder schnell vorbei sein kann. Es braucht nur ein blöder Unfall dazwischen zu kommen ...

teleschau: Sie sind bei all Ihrer Berufserfahrung noch immer so jung, Herr Riemelt, gerade mal 30 ...

Riemelt: ... und ich werde trotzdem aufgrund meines Äußeren ganz oft jünger geschätzt, als ich bin.

teleschau: Empfinden Sie das Label "Jungschauspieler", das ihnen bisweilen anhaftet, noch als passend?

Riemelt: Die Industrie funktioniert eben so, dass Menschen schnell kategorisiert werden, um sie besser vermarkten zu können. Aber ich selbst befasse ich mich nicht mit Titeln, die mir andere zuschreiben. Auch weil ich mich nicht nur als Schauspieler definieren möchte. Ich will auch Privatmensch sein.

teleschau: Auf den Privatmenschen Max Riemelt hat die Zuschreibung "Jungspund" auch nie wirklich gepasst.

Riemelt: Das stimmt. Ich war schon immer sehr nachdenklich und ernsthaft. Das sind Attribute, die man gemeinhin älteren Menschen zuordnet. Wer mich kennt, weiß aber, dass ich mir über das Thema Alter keinen Kopf mache. Und ich bin auch nicht ausschließlich ernst. Ich habe Phasen, in denen ich nachdenklicher bin, und Phasen, in denen ich lustig und unbeschwert durchs Leben gehe. Das wechselt sich ab.

teleschau: Sie sind früh Vater geworden, Ihre Tochter ist heute sechs Jahre alt. Wie hat sich diese Erfahrung auf Ihre Persönlichkeit ausgewirkt?

Riemelt: Vater zu sein, macht mich auf jeden Fall wachsamer. Man trägt Verantwortung, muss mehr abwägen, genauer kommunizieren ... Ich musste schon früh erwachsen sein, um meine Aufgabe als Vater gut zu erfüllen. Meine Ansprüche an mich selbst sind sehr hoch - sowohl im Beruf als auch im Privaten! Es ist manchmal hart, beidem gerecht zu werden.

teleschau: Haben Sie nie neidisch auf Ihre Altersgenossen geschaut, die es sich leisten konnten, mit Mitte 20 unbeschwert in den Tag hineinzuleben?

Riemelt: Neidisch nicht. Aber ich bedaure oft, dass ich nicht mehr Zeit habe, all das umzusetzen, was ich im Kopf habe. Ich vertraue aber darauf, dass meine Intuition der richtige Maßstab ist, um zu ermessen, was wirklich wichtig ist und was nicht. Damit bin ich bisher gut gefahren. Ich habe mir immer gewünscht, mein Leben unabhängig davon zu führen, was andere mir vorleben. Heute erlaubt mir der Beruf neben den vielen Verpflichtungen auch viele Freiheiten, die Menschen mit einem anderen Werdegang nicht haben.

teleschau: Im Januar sind Sie 30 geworden. Für viele ein Anlass, der Jugend hinterherzuweinen. Und für Sie?

Riemelt: Ich hatte ganz wenig Gefühl für die Zahl. Ich empfand sie nicht als Ballast, als sie da war. Weil mein Geburtstag am Jahresanfang liegt, ist er für mich immer ein Anlass, ein Resümee zu ziehen - das war auch dieses Jahr so. Aber eben nicht aufs vergangene Jahrzehnt, sondern auf die zurückliegenden zwölf Monate.

teleschau: Und wie war 2013?

Riemelt: Es fiel mir diesmal besonders schwer, alles zu rekapitulieren. Ich erlebe so viel und lerne so viele Leute kennen, dass ich schon froh bin, wenn ich mir einen Bruchteil von all dem merken kann. (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst