Anna Loos

Anna Loos





Kommissarin in Moll

Nun hat auch Anna Loos ihren Platz in der Kommissars-Riege des deutschen Fernsehkrimis gefunden. Ihre ZDF-Ermittlerin Helen Dorn ist dennoch eine Figur, die besondere Beachtung verdient. Erdacht und inszeniert wurde sie vom vielfach preisgekrönten Kreativduo Magnus Vattrodt (Buch) und Matti Geschonneck (Regie) Gemeinsam erschufen sie Werke wie "Das Ende einer Nacht" oder "Liebesjahre", die als herausragende TV-Filme der letzten Jahre gelten. Man darf also auf "Helen Dorn" gespannt sein. Der erste Film wird am Samstag, 8. März, 20.15 Uhr, ausgestrahlt.

teleschau: Kommissarin Helen Dorn ist ein ziemlich strenger Charakter. Passt der überhaupt zu Ihnen?

Anna Loos: Es stimmt schon, dass ich oft herzliche Frauen spiele. Sie entsprechen mehr dem, was viele in mir sehen. Dennoch faszinieren mich kühl wirkende Figuren. Auch das ist ein Teil in und von mir. Ich bin ein großer Fan skandinavischer Krimis. Diese Faszination teile ich sowohl mit den "Helen Dorn"-Machern beim ZDF, dem Regisseur Matti Geschonneck als auch mit dem Autor Magnus Vattrodt. Als es darum ging, eine Krimi-Reihe mit mir aus der Taufe zu heben, hatten wir alle Lust, diesen Song in Dis-Moll zu spielen. In den letzten Jahren hatte ich auch Angebote für andere Ermittler unter bereits bestehenden Marken - aber das Korsett wäre mir dort zu eng gewesen.

teleschau: Für "Helen Dorn" werden Sie zwei Filme pro Jahr drehen - warum ist das weniger einengend als zum Beispiel eine "Tatort"-Kommissarin?

Loos: Beim "Tatort" gibt es relativ starke Regeln und Auflagen. Wer im "Tatort" aus dem Regelwerk ausbrechen will, muss schon gut argumentieren und dafür kämpfen. Natürlich gibt es tolle Teams im "Tatort". Es gibt aber auch Krimis, wo ich mich frage: Warum machen die das? Die haben sich nichts überlegt und drehen einfallslose, uninspirierte Filme. Trotzdem schalten alle Leute Sonntagabend den "Tatort" ein, denn er ist eine Marke, die Teil der Fernsehkultur unseres Landes geworden ist. Ich wollte lieber so frei und unabhängig wie möglich etwas Eigenes machen und meinen Weg gehen. Einfach gemeinsam mit anderen etwas Neues kreieren und herausfinden, wie die Leute dazu stehen.

teleschau: Sie sagen, dass Sie ein Fan skandinavischer Krimis sind...

Loos: Ja, ich fand zum Beispiel "Die Brücke - Transit in den Tod " ganz toll. Ein Krimi-Mehrteiler, der vom ZDF koproduziert wurde. Er lief allerdings sehr spät und hatte nicht allzu tolle Quoten. Schade, ich war sehr fasziniert von dieser Reihe und der Kommissarin. Bei ihr war die Reduktion der Gefühlswelt so extrem, dass man die Hauptfigur sogar mit einem Asperger-Syndrom angelegt hatte. Dennoch hat dieser Krimi total mitgerissen, er hatte auf allen kreativen Ebenen eine unglaubliche Qualität. Und es war eben auch ein Film in einer sehr eindeutigen Moll-Stimmung, wie ich sie zugegebener Weise liebe.

teleschau: Macht Ihr Job denn nicht mehr Spaß, wenn man Emotionen zeigen und ausleben darf?

Loos: Es gibt verschiedene Formen von Befriedigung als Schauspielerin. Mir geht es auch um Realismus. Ich habe mit Kommissaren und Ermittlern gesprochen, um mich auf "Helen Dorn" vorzubereiten. Und ich habe in diesem Menschen tatsächlich oft eher eine Moll-Tonart gefunden. Die wollte ich auch meiner Figur geben. Eigentlich ist es ja auch logisch. Im Gegensatz zu einem Arzt, wo ich finde, dass man in diesem Beruf absolut empathisch sein sollte, stört die Empathie bei einem Kriminalisten fast schon. Der Kriminalist muss in der Lage dazu sein, mit Empathie spielen zu können, sie in seinen Gedanken spüren zu können. Bei der konkreten Arbeit stört sie jedoch eher, weil sie vom Wesentlichen ablenkt.

teleschau: Matti Geschonneck ist bekannt dafür, dass die von ihm inszenierten Figuren gern diese konzentrierte Kühle ausstrahlen. Wodurch werden Helen Dorn und Co. trotzdem mitreißend für den Zuschauer?

Loos: Es funktioniert nur, wenn Figuren wie Helen Dorn ab und zu auch Gefühle zeigen. Die Gefahr einer übermäßigen Kühle war bei diesem Krimi nicht allzu groß, weil die Darsteller der beiden Ermittler - Matthias Matschke und ich - bodenständige Menschen sind, die mitten im Leben stehen. Aber es gibt ja tatsächlich Schauspielerinnen und Schauspieler, die eine gewisse Kühle ausstrahlen. Wo ich mich dann immer frage: Was ist das da für eine Wand zwischen der Figur und mir? Wenn solche Schauspieler dann auch noch kühl inszeniert werden, fröstelt es mich beim Zuschauen. Das war bei diesem Projekt absolut nicht der Fall. Matti ist ein Regisseur, dem man blind vertrauen kann. Er kann seine Schauspieler sehen und sie einsetzen. Er fordert ohne zu überfordern und schafft Ungewöhnliches.

teleschau: Zeigen Schauspieler im deutschen Fernsehspiel eher zu viel Emotion?

Loos: Ach, es gibt so viele unterschiedliche Arten zu inszenieren. Und Schauspieler, die ihre Arbeit unterschiedlich machen. Ich stelle beim Arbeiten mit Matti jedenfalls fest, dass er dieser Gesichtsgymnastik, diesem Zuvielmachen in der Regel den Riegel vorschiebt. Wenn bei ihm eine Figur im Radio von einem Mord hört und einen Verdacht hegt, dann zieht der entsprechende Schauspieler eben nicht die Stirn kraus, sondern er zittert nur minimal mit der Unterlippe. So eine Szene gibt es in unserem Film. Und ich finde es toll, eine Geschichte mit so reduzierten Mitteln zu erzählen. Für mich macht das den Film spannender. Und es ist hundertprozentig das, was ich liebe. Ich möchte nicht alles dick auf das Brot geschmiert bekommen, ich liebe die leisen Töne, die Halbtöne und eben das Moll.

teleschau: Es gibt das Schauspiel-Klischee, das besagt: "Groß" zu spielen ist leicht, "klein" zu spielen ist schwer. Empfanden Sie das "klein" Spielen bei "Helen Dorn" als anstrengend?

Loos: Ja, absolut. Mein Mann hatte bereits mit Matti Geschonneck gedreht, ich dagegen noch nicht. Jan Josef sagte mir also vorher: Du wirst sehen, das ist superanstrengend - aber es lohnt sich. Genauso habe ich es empfunden. Eigentlich bin ich ein sportlicher Typ und mich strengt so schnell nichts an. Ich kann schon mal 16 Stunden arbeiten. Danach bin ich zwar müde, aber nicht völlig im Eimer. Hier war es tatsächlich das erste Mal so, dass ich nach jedem Drehtag ins Hotel kam und absolut nichts mehr machen wollte. Weil ich so platt war. Ich rief am zweiten Tag meinen Mann an und sagte: 50 Tage lang halte ich das nicht durch! Aber man gewöhnt sich an dieses Weniger-ist-mehr-Schauspiel. Man muss sich einfach konzentrieren und kontrollieren, damit die kleinen Gesten stimmen.

teleschau: Sie klingen so, als hätten Sie sich erfolgreich einer Konzentrationsübung unterzogen.

Loos: Nein, die Arbeit hat Spaß gemacht! Die Herausforderung war, die Rolle so hinzukriegen, dass die Figur funktioniert, ohne eine lieblose Ausstrahlung zu haben oder mit der Mimik eines Fischs rumzulaufen. Befriedigend ist für mich, wenn ich mich auf den fertigen Filmbildern sehe und sagen kann: Es funktioniert!

teleschau: Das ZDF will den "Samstagskrimi" ausbauen. Vier neue Ermittler werden dieses Jahr aus der Taufe gehoben, und Anna Loos ist Teil dieser Krimi-Offensive. Sie kennen den Vorwurf, es gäbe zu viel Krimis im deutschen Fernsehen?

Loos: Ich finde es absurd, dass wir über zu viele Krimis reden, aber kaum noch jemand den tatsächlichen Schrott in Frage stellt, der da täglich im deutschen Fernsehen läuft. Über viele Shows und das, was da allgemein unter "Reality" läuft, schüttle ich wirklich den Kopf. Ich finde, es gibt gerade in ZDF und auch in der ARD viele TV-Filmstoffe, die kein Krimi-Element haben. Ich selbst habe schon in einigen, nennen wir sie Sozialdramen mitgespielt, wo dem Zuschauer keine Leiche aufgetischt wurde. Andererseits sind Krimis nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ungeheuer populär. Der Krimi gibt dem Zuschauer die Chance, mitzukombinieren, in Gesichtern zu rätseln und Aussagen zu lesen. Man kann aktiv werden, wenn man einen Krimi liest oder schaut. Der Geist arbeitet mit.

teleschau: Aktives, sportliches Fernsehen sozusagen.

Loos: Ja, aber im besten Falle wird man in den letzten Minuten trotz allem überrascht. Und nebenbei, wenn die Leiche auftaucht, tauchen mit ihr Figuren auf, die meist in extremen Situationen stecken. Diese kleinen sozialen Dramen, werden nebenbei und ohne erhobenen Zeigefinger erzählt, das ist großartig. Ein Krimi hat für mich auch immer wieder etwas Erschreckendes, denn mit jeder kriminellen Handlung wird klar, nichts ist danach mehr so wie es war, für niemanden. Nicht für die Opfer, nicht für die Täter und auch nicht für Ermittler.

teleschau: Gibt es abseits vom Krimi Figuren im deutschen Fernsehen, die Sie gern einmal spielen würden?

Anna Loos: Da gibt es einige, vor allem historische Figuren. Leider machen die meisten Filmemacher um historische Stoffe einen Bogen, weil das schwierige und teuer zu realisierende Projekte sind. Weil es schon einen Film über Marlene Dietrich gibt, sage ich mal: Lotte Lenya - über die würde ich gerne mal einen Film sehen. Ehrlich gesagt wundere ich mich, dass es zu ihr noch nichts gibt. Auch dieses besondere Leben im Osten Deutschlands ist für mich keineswegs auserzählt. Die Serie "Weissensee", bei der ich ja auch dabei bin, ist ein Versuch, dies mit neuem Ansatz zu versuchen. Berlin in den 20-ern hatte jede Menge interessanter Figuren.

teleschau: Welcher Bereich des Lebens in der DDR ist bislang noch unterrepräsentiert im deutschen Film?

Loos: Ich empfinde meine Zeit in diesem anderen Teil Deutschlands mittlerweile als Geschenk. Bestimmt nicht, weil es ein tolles System war, aber es hat mir die Erfahrung von zwei Welten beschert. Die Erfahrung eines Unterschieds. Natürlich kann man von der DDR erzählen. Viele Filme haben das auch schon getan. Bei mir läuft die Erkenntnis meist übers Gefühl. Kaum ein Film hat es bisher geschafft, zu transportieren, wie das Leben dort gerochen oder geschmeckt hat. Da gibt es noch emotionale Baustellen zu füllen - auch mit Filmen. Über solche Filme würde ich mich freuen.

teleschau: Ist das Riechen und Schmecken der DDR im Film überhaupt schon einmal gelungen?

Loos: Auch wenn es wenig originell klingt: Ich finde, in "Weissensee" ist es gelungen. Und ich würde das auch sagen, wenn ich nicht in der Serie mitgemacht hätte. Diese Mini-Serien, von denen es viel zu wenige in Deutschland gibt, haben einen Riesenvorteil: Man hat die Zeit, Gefühle und Lebenswelten auszuloten und sie dem Zuschauer zu vermitteln. Es gibt sogar eine Tradition in Deutschland für solche Formate - nehmen Sie die Serien von Helmut Dietl, "Monaco Franze" oder "Kir Royal": Da kann man auch das Leben erschmecken, doch so etwas gibt es abseits von "Weissensee" kaum im deutschen Fernsehen. Anderswo auf der Welt sind Miniserien ein ganz heißes Format. Ich finde, wir haben da noch ganz schön Nachholbedarf oder sagen wir: Hier ist noch viel Luft nach oben.

Quelle: teleschau - der mediendienst