Steve Coogan

Steve Coogan





"Dann mach ich's eben selbst!"

In England kennt den Starkomiker Steve Coogan (48) jedes Kind. Hierzulande war der hochgewachsene Wahllondoner zuletzt mit der Seventies-Komödie "The Look Of Love" im Kino. Jetzt schrieb und produzierte Coogan das preisgekrönte Drama "Philomena" (Start: 27.2.), in dem er zudem die Hauptrolle an der Seite von Judi Dench spielt. Die fromme Rentnerin Philomena Lee (Dench) und der schnöselige Journalist Martin Sixsmith (Coogan) machen sich im Film auf die Suche nach Philomenas unehelichem Sohn, den sie vor 50 Jahren zwangsweise zur Adoption freigab. Im Gespräch erzählt Steve Coogan, wie man Tragik in Komik verwandelt und warum Schubladen schreckliche Möbelstücke sind.

teleschau: Wie sind sie mit Philomena Lees Geschichte in Berührung gekommen?

Coogan: Über einen Artikel in der Zeitung, den ich vor vier Jahren las und der mich ebenso berührte wie er mich wütend machte. Die Story ist zwar sehr traurig. Aber ich dachte mir, wenn du die Rechte daran erwerben kannst, lässt sich das vielleicht auf unterhaltsame Weise filmisch erzählen. Martin Sixsmith, von dem die Buchvorlage stammt, konzentrierte sich auf die Geschichte des verlorenen Sohnes. Regisseur Stephen Frears und ich wollten aber im Film die Geschichte der Reise erzählen, auf die sich Philomena und Martin begeben. Beim Verfassen des Drehbuchs schlichen sich mehr und mehr meiner eigenen Charakterzüge in die Filmfigur des Martin ein. Und irgendwann erschien es natürlich, dass ich ihn spiele.

teleschau: Wie viel Steve steckt in Martin?

Coogan: In Wirklichkeit ist Martin Anglikaner. Ich bin katholisch aufgewachsen. Aber mein Zweifel und mein Zynismus sind real. Das Selbstmitleid von Martin zu Beginn des Films entspricht mehr dem echten Martin.

teleschau: Am Ende des Films macht auch er seinen, wie auch immer gearteten, "Frieden" mit der Kirche ...

Coogan: Der Film sollte keine Attacke auf die Kirche reiten, das wäre unbefriedigend. Mir ging es um die Geschichte zweier Menschen und um den Triumph der Hoffnung über den Zynismus. "Philomena" ist keine Polemik sondern erzählt eine Geschichte von Toleranz und Liebe - mit polemischen Untertönen. Was kritisiert wird, ist die Institution Kirche, nicht der Glaube. Philomenas schlichtes Gottvertrauen hilft ihr. Aber die Qual in ihrem Leben verursacht die Institution Kirche. Das ist ein interessantes Paradoxon ...

teleschau: Das der Film aber nicht auflöst?

Coogan: Martin glaubt ebenso wenig wie ich an die institutionelle Form der Religion. Aber es geht ja auch um die Bescheidenheit, die man aufbringen muss, um Selbstzweifel zuzulassen. Niemand kennt die Antworten auf alle Fragen des Lebens, und Martin lernt im Verlauf des Films etwas von Philomena: Es gibt immer zwei Seiten der Medaille und man kann auch jemanden lieben und respektieren, der eine ganz andere Weltsicht vertritt als man selbst. Martin bekommt keine Erleuchtung und Philomena zweifelt im Verlauf der Geschichte an ihrem Glauben, geht aber gestärkt daraus hervor. Alles ist möglich.

teleschau: Wie schwer war es, die Balance zwischen Drama und Komik zu finden?

Coogan: Wenn ich zu Beginn des Projekts davon erzählte, fragten die Leute immer skeptisch: Wer will sich denn so eine deprimierende Geschichte ansehen? Eine solch bittere Pille muss mit Komik und Hoffnung versüßt werden. Wir mussten also Philomena am Ende die Möglichkeit zu irgendeiner Form der Erlösung geben. Ich wusste vor diesem Film viel über Komödien, aber wenig über Dramen. Während der Arbeit daran habe ich viel über Filmfiguren gelernt.

teleschau: Zum Beispiel?

Coogan: Dass es Sinn macht, die beiden völlig verschieden denken zu lassen. Philomena lässt Martins Zynismus unberührt, weil sie in seinen Kategorien gar nicht denkt. Das führt zu Szenen mit befreiender Komik. Letztendlich muss aber der Zynismus den Kampf gegen die Liebe immer verlieren.

teleschau: Wieviel Wahrheit steckt in diesem Film?

Coogan: In Bezug auf die Chronologie der Ereignisse haben wir uns künstlerische Freiheit genommen. Aber was immer in diesem Film wirklich Böses getan oder gesagt wird, entspricht der Wahrheit.

teleschau: Warum wollten Sie unbedingt ein Drehbuch schreiben, wo Sie doch vor vier Jahren auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere als Komödiendarsteller waren?

Coogan: Das stimmt nicht so ganz. Ich war damals in den USA und hatte in einigen Hollywoodkomödien die dritte oder vierte Rolle gespielt. Das war zwar alles ganz interessant, aber nicht wirklich befriedigend. Ich saß sozusagen nicht selbst am Steuer, und deshalb fehlte die Leidenschaft. Weil ich etwas anderes machen wollte, hatte ich ein Jahr lang für ernste Rollen vorgesprochen - und keine einzige bekommen. Die Absagen lauteten immer gleich: "Dein Vorsprechen war echt gut, aber wenn Du in meinem Film spielst, dann denken die Leute, das wird eine Komödie. Ich brauche aber einen ernsthaften Schauspieler." Nach einigen dieser Erlebnisse dachte ich: Ich lasse mich nicht in eine Schublade stecken. Dann schreibe und produziere ich eben selbst einen ernsthaften Film, in dem ich auch mitspiele.

teleschau: Warum werden Komödianten so unterschätzt?

Coogan: Weil Komödien für leicht, trivial und ohne Tiefgang gehalten werden. Das ist ein großer Irrtum. Eine gute Komödie ist technisch sehr schwer.

Quelle: teleschau - der mediendienst