"Ich glaube mehr an Geschichten als an Gott"

"Ich glaube mehr an Geschichten als an Gott"





Stephen Frears feiert mit "Philomena" (Start 27.02.) die Kunst der Tragikomödie

Als Regisseur wird Stephen Frears (72, "Die Queen") verehrt, als Interviewpartner gefürchtet. Abgesehen davon, dass sein Zigarettenkonsum am Gegenüber nicht spurlos vorüberzieht, beantwortet der Brite auch gerne mal zehn Fragen am Stück nur mit "Ja" oder "Nein". Vielleicht liegt es an der Vorfreude oder gar der Nervosität, dass er in diesem Interview ebenso ausführlich wie humorvoll über seinen Film spricht: Vier Oscars könnte "Philomena"(Start: 27.02.) Anfang März gewinnen. Mit dem arbeitslosen Ex-BBC-Journalisten Martin (Steve Coogan, von dem auch das Drehbuch stammt) macht sich Frears' Heldin Philomena (Judi Dench) auf die Suche nach ihrem Sohn, den sie als Teenager in einem Kloster zur Welt brachte und dann zwangsweise zur Adoption freigeben musste.

teleschau: Was hat Sie an diesem Projekt mehr interessiert: die Story oder die Tatsache, dass es auch ein Film über die katholische Kirche ist?

Stephen Frears: Ich glaube eindeutig mehr an Geschichten als an Gott. Aber die Wahrheit ist: In meinem Alter kann ich glücklich sein, dass mir überhaupt noch ein Job angeboten wird und dann noch ein Film mit Judi Dench. Ich liebe Überraschungen, und wenn mich in meinem Alter noch etwas überrascht, ist das schon toll. Ich wollte zum Beispiel nie einen Film über die Queen drehen. Aber dann kam damals jemand mit diesem Projekt vorbei und ich dachte: Hey, das hört sich echt spannend an. Die Möglichkeit vom anbrechenden Tag überrascht zu werden, treibt mich morgens überhaupt erst aus dem Bett.

teleschau: Der Katholizismus spielt in Ihren Filmen immer wieder eine Rolle ...

Frears: ... und ich war ganz perplex, als ich feststellte, dass meine Filme besonders in katholischen Ländern sehr gut laufen. "Grifters" oder "The Snapper - Hilfe, ein Baby" waren zum Beispiel in Spanien und Italien große Erfolge. Woran das wohl liegt? Was sehen Katholiken in meinen Filmen? Ich kenne die Antwort nicht, aber der Umstand ist mir bewusst. Warum klatschen die Italiener, wenn Steve Coogan in diesem Film "Verdammte Katholiken" sagt? Dürfen das Katholiken nicht?

teleschau: Haben Sie Angst vor Reaktionen der Kirche auf Ihren Film?

Frears: Ich komme ja aus einem eher gottlosen Land. Wenn man in England lebt, dann spielt die Kirche keine Rolle im Leben. Aber für Länder, in denen das anders ist, vertraue ich ganz dem neuen Papst. Er wirkt, als sei er ein guter Mann. Und wenn er das ist, dann wird ihm der Film gefallen.

teleschau: Der Journalist Martin ist hin- und hergerissen zwischen der Realität, auf die er trifft, und seinen abstrakten Wahrnehmungen der Dinge.

Frears: Hört sich nach einer Beschreibung meiner selbst an (lacht). Das ganze Leben geht es doch um Abbilder der Realität, um es mit John Ford auszudrücken.

teleschau: Der Film entstand nach einer wahren Geschichte. Kam die echte Philomena Lee zu den Dreharbeiten?

Frears: Sie kam, als wir im Kloster drehten. Ich fragte sie, warum sie uns ausgerechnet hier besucht, wo sie doch ihr Leben damit verbracht hat, von hier wegzukommen? Wir drehten gerade die Szene, in der ihr kleiner Sohn Anthony von den Adoptiveltern abgeholt wird. Soweit ich mich erinnere, hat sie geweint.

teleschau: Die Figur von Martins Chefin, der Chefredakteurin, ist sehr zynisch ...

Frears: ... aber wegen ihr geht alles gut aus. Wir sollten der Klatschpresse dankbar sein (schmunzelt). In England wurde in den letzten Jahren ganz schön auf sie eingeprügelt. Man kann sich brillant darüber streiten, was zum Beispiel Rupert Murdoch für die englische Presse getan hat. Die ehrwürdige "Times" gibt es nur noch wegen Rupert Murdoch. Er hat mit der "Times" 100 Millionen verloren. Ob man ihm nicht auch dankbar sein muss? Er hat die Presse zugleich gerettet und zerstört. Das ist alles sehr kompliziert. Rupert Murdoch ist aber auf jeden Fall eine spannende Figur!

teleschau: Warum erzählt Philomena Martin immer wieder die Geschichten aus den Schundromanen, die sie ständig liest?

Frears: Weil ich das lustig fand. Wir zeigen die Unterhaltungen zwischen einem gebildeten Mann, der zuweilen nicht sehr lebensklug ist, und einer ungebildeten Frau, die weise ist. Es ist ein lustiger Kontrast, dass sie diesen Mist liest, aber eigentlich sehr klug ist. Zu diesem Thema gibt es übrigens einen schönen Satz in "Gefährliche Liebschaften", als Glenn Close über jemanden sagt: "Wie die meisten Intellektuellen ist er sehr dumm."

teleschau: Ist das auch Ihre Überzeugung?

Frears: Sagen wir so: Es ist immer wieder schön, wenn es sich bewahrheitet.

teleschau: Lesen Sie die Kritiken Ihrer Filme?

Frears: Nein, das endet immer in Tränen (lacht). Sie sind nie so gut, wie man selbst dachte zu sein oder aber es steht etwas drin, das einen ärgert. Und wenn man die guten Kritiken liest, muss man die schlechten auch lesen, finde ich. Also lese ich besser gar keine.

Quelle: teleschau - der mediendienst