Saving Mr. Banks

Saving Mr. Banks





Mary Poppins ist zurück

Oft wehrt man sich ja noch. Zu vorhersehbar der Plot, zu aufdringlich die Regie. Und dann singen die auch noch alle! Solch plumpen Manipulationen widersteht man schon aus emotionalem Ehrgefühl! Und doch wickeln Disney-Filme einen am Ende immer wieder um den Finger: Kloß im Hals, Tränchen im Auge, Lächeln auf den Lippen. So geht es vielen, die sich eine der Produktionen ansehen, die längst nicht mehr nur für Kinder gemacht werden. Und so geht es, da verrät man wohl nicht zu viel, auch der gestrengen Kinderbuchautorin P.L. Travers (Emma Thompson), die in "Saving Mr. Banks" mit sich darüber hadert, ob sie die Rechte an ihrem Bestseller "Mary Poppins" an den Glückskonzern verkaufen will. Dass sie letztendlich nachgab, ist bereits seit 1964 bekannt, als das Musical über das zauberhafte Kindermädchen in die Kinos kam. Interessanter als das Ob aber ist die Frage: Wie haben die das schon wieder hingekriegt?

Der Trend zum Verfilmungsfilm (siehe "Hitchcock") bleibt weiterhin ungebrochen. Mit "Saving Mr. Banks" wagt sich nun Disney an einen seiner größten Erfolge. Das Musical, das einst Julie Andrews' Karriere startete, ist heute einer der Klassiker des Konzerns. Doch um diese "bezaubernde Oase unbeschwerter Heiterkeit" ("Die Welt") zu schaffen, waren harte Arbeit, bittere Kompromisse und verletzte Gefühle nötig.

Wir schreiben 1961. Die Autorin P.L. Travers hat ihren größten Erfolg schon lange hinter sich - "Mary Poppins" erschien 1934 - und auch das Geld geht langsam zur Neige. Also entschließt sie sich schweren Herzens, endlich dem Drängen Walt Disneys (Tom Hanks) nachzugeben. Der bekniet sie schon seit Jahren um die Rechte an den Geschichten um ihre eigenwillige Nanny, gewährt ihr sogar das letzte Wort beim Drehbuch. Trotzdem geht sie den Handel nicht eben leichten Herzens ein: Zu sehr hängt sie an ihrer geliebten Schöpfung Mary Poppins. Der Grund dafür, das wird in zahlreichen Rückblenden klar, ist in ihrer Kindheit zu suchen ...

Hinzukommt der krasse Mentalitätsunterschied zwischen der Dame aus dem Empire und den Jungs aus den USA: Während Disney auch im fortgeschrittenen Alter darauf besteht, nur Walt genannt zu werden, schmeißt Travers die ihr vom Konzern geschenkten infantilen Stoffpuppen in hohem Bogen aus dem Hotelzimmer. Das Drehbuch, das Don DaGradi (Bradley Whitford) geschrieben hat, ist ihr zu süßlich, die Songs der Gebrüder Sherman (Jason Schwartzman und B.J. Novak) sind zu albern. Und Cartoon-Pinguine? Der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Dass die Herren bei ihrer Verfilmung alles, aber auch wirklich alles falsch machen, hält sie ihnen immer wieder vor, kritisiert und verachtet und lehnt ab. Und doch, irgendwann lässt auch sie sich zu einem Tänzchen verführen, zur Ohrwurmmelodie von "Let's Go Fly A Kite" dreht sie sich mit DaGradi im Kreis und lässt sich einen Moment lang von der Disney-Magie in eine wunderliche, aber gutherzige alte Jungfer verwandeln. Allzu lange immerhin, das sei hier zugegeben, dauert dieser Moment aber auch nicht.

Emma Thompson gibt eine großartige Vorstellung als P.L. Travers. Sie verleiht ihrer Figur die perfekte Mischung aus irritierter Strenge und Verletzlichkeit und macht es dem Zuschauer wirklich nicht zu leicht, Travers zu mögen. Zu Recht wurde Thompson für ihre Leistung sowohl für einen Golden Globe als auch für einen BAFTA nominiert. Demgegenüber hat Tom Hanks es als gütiger Märchenonkel erst einmal deutlich einfacher. Doch der Film kommt nicht umhin, auch ein paar der weniger herzigen Seiten des Geschäftsmannes Disney zu zeigen; erst dabei kann Hanks seinem Walt Disney etwas Tiefe verleihen.

Zu tief allerdings will der Film unter der Regie von John Lee Hancock auch nicht in der Entstehungsgeschichte wühlen. Dass Disney die schwierige Travers zur Premiere des Films nicht einmal mehr einladen wollte, wird hier zwar kurz gezeigt, aber sogleich zur Selbstermächtigungsszene der erstarkten Autorin umgemünzt. Auch die restlichen Schwierigkeiten - und die gab es zuhauf - werden meist eher angedeutet. Bevor man sich mit den Biestigkeiten der Kinderbuchautorin oder der Berechnung des Cartoonmoguls wirklich auseinandersetzen muss, gibt es eine gefällige Rückblende in die australische Kindheit der Autorin, schön tragisch, aber weniger konfliktbeladen. Colin Farrell ist in seiner Rolle als Travers' gutherziger, aber vom Leben überforderter Vater erstaunlich anrührend.

Und so funktioniert dieser Disney-Film über einen Disney-Film am Ende eben genau so, wie ein Disney-Film eben funktioniert Die Story ist naturgemäß vorhersehbar, Konflikte werden mit reichlich Zuckerguss zugespachtelt - aber die Figuren sind mit so viel Charme dargestellt, dass man am Ende gerne darauf hereinfällt. Und wer danach keinen Ohrwurm hat von "Let's Go Fly A Kite", der lügt.

Quelle: teleschau - der mediendienst