Starke Gastgeber

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Bilanz: Die deutschen Filme im Wettbewerb der Berlinale

Das hatte es schon lange nicht mehr gegeben: Gleich vier Filme aus Deutschland fanden sich diesmal im Wettbewerb der Berlinale. Nachdem mit Feo Aladag Kriegsdrama "Zwischen Welten" nun auch der vierte der Öffentlichkeit präsentiert wurde, steht fest: Zunächst geäußerte Zweifel ob dieser ungewöhnlichen Häufung sind nicht angebracht. Deutschland darf sich, wohlgemerkt von allen vier Produktionen, gut im Wettbewerb repräsentiert fühlen. Sicher, am Ende wird die Auszeichnung mit einem Goldenen Bären eher nicht zu erwarten sein. Einen Gastgeberbonus gibt es bei der internationalen Jury nicht. Aber: Die Deutschen zeigten in diesem Jahr, was sie können: relevantes, streckenweise durchaus polarisierendes Kino, das Kritikeransprüchen genügt, aber auch später an den Kassen reüssieren könnte. Schade nur, dass das Thema "Humor" nirgendwo vorkommt. Ein Überblick ...

"Zwischen Welten": Die Regisseurin und Autorin Feo Aladag hat sich viel vorgenommen. Am Beispiel eines ISAF-Soldaten, glaubhaft gespielt vom Berlinale-erfahrenen Ronald Zehrfeld, beschreibt sie die inneren und äußeren Konflikte der Bundeswehr-Soldaten bei ihrem Einsatz in Afghanistan. Fürwahr kein neues Thema mehr. Zuletzt beschrieben Ähnliches die bemerkenswert gelungenen TV-Filme "Auslandseinsatz" mit Max Riemelt in der Hauptrolle sowie "Eine mörderische Entscheidung" mit Matthias Brandt. Die Geschichte rückt die Unterschiede zwischen den Kulturen in den Mittelpunkt. Gewissenskonflikte werden thematisiert, Religionen und Moralfragen prallen aufeinander, und am Ende steht immer wieder die Frage nach dem "Richtig" und dem "Falsch". "Zwischen Welten" - der Titel ist perfekt gewählt - ist exzellent besetzt, aber nicht ganz so nachhaltig in seiner Botschaft, wie man sich erhofft hatte. Dennoch: ein durchaus interessanter Film, der es im Kino (Start: 27.03.) allerdings nicht einfach haben wird.

"Jack": Ernsthafte Dramen mit Kindern im Mittelpunkt der Geschichte sind fraglos eine besondere Herausforderung. Zum einen geraten sie nicht selten in die Klischeefalle, indem sie schlicht an simple Mitleidsinstinkte appellieren, ohne thematisch in die Tiefe zu gehen. Zum anderen sind hierzulande, anders als zum Beispiel in den USA, talentierte Kinderschauspieler rar. Bei "Jack" von Regisseur Edward Berger und seiner Co-Autorin Nele Mueller-Stöfen ist das anders. Mit dem jungen Ivo Pietzcker in der Rolle der zehnjährigen Berliner Titelfigur wurde ein glänzende Besetzung gefunden. Ausdrucksstark, nicht überzogen und glaubwürdig spielt er den Heim-Jungen, der sich gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Manuel (Georg Arms) in der Großstadt auf die Suche nach seiner spurlos verschwundenen Mutter macht. Fraglos bewegt sich der Film über weite Strecken auf bekanntem Terrain: Es geht um das soziale Gefälle um Deutschland, ums arrogante Wegsehen der Reichen, um die Verzweiflung der Armen. Dennoch ist "Jack" zu keinem Zeitpunkt ein überflüssiger Film geworden, bleibt er doch durchgehend berührend. Zudem ergibt sich hier ein interessantes Berlin-Porträt, das die Stadt zeigt, wie sie ist: gnadenlos. Ein Starttermin in den Kinos ist noch nicht bekannt.

"Kreuzweg": Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann darf für sich in Anspruch nehmen, den extremsten und ungewöhnlichsten deutschen Wettbewerbsfilm in diesem Jahr zu verantworten. Die Hamburger Nachwuchsschauspielerin Lea van Acken spielt die 14-jährige Maria, die einerseits eine normale Teenagerin ist, sich andererseits aber strengen religiösen Vorgaben unterwirft und den Lehren einer Priesterbruderschaft folgt. Auch weil - diesen Zusammenhang muss man als Zuschauer erst einmal begreifen - ihr kleiner Bruder noch immer kein Wort spricht. Gnadenlos führt der Film durch die vielen Konflikte des jungen Mädchens und verlangt seinem Publikum viel, manchmal etwas zu viel ab. Das ist anstrengendes, forderndes Kino, das sich des im Wettbewerb überraschend doch recht kurz gekommenen Themas "Religion" auf extremste Weise annimmt. "Kreuzweg" startet am 20. März in den deutschen Kinos.

"Die geliebten Schwestern": Berlin, Samstagmorgen, 8.30 Uhr ... im Berlinale-Palast es stehen an: 170 Minuten Historienfilm von Regisseur Dominik Graf über das Liebesleben von Friedrich Schiller. Manchem im Fachpublikum war da der Respekt im Vorfeld durchaus ins Gesicht geschrieben. Aber, und das ist zunächst mit das Beste, was man über Beinahe-Dreistünder sagen kann: So lange fühlt sich der Film, der am 31. Juli wohl gekürzt in die Kinos kommt, gar nicht an. Im Mittelpunkt stehen zwei Schwestern: die unglücklich verheiratete Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung) und Charlotte von Lengfeld (Henriette Confurius). Letztere ist eigentlich einem Briten versprochen, doch dann taucht unter ihrem Fenster der ungemein charmante, zu diesem Zeitpunkt aber noch recht unbekannte Dichter Friedrich Schiller (Florian Stetter) auf. Sie wird sich in ihn verlieben. Und ihrer Schwester ergeht das nicht anders. Zunächst schätzen alle Beteiligten die ungewöhnliche Dreierbeziehung. Doch ewig wird das, man ahnt es bald, nicht funktionieren. Dominik Graf, der diesmal sowohl dramaturgisch als auch visuell eher konventionell blieb, schuf einen Film mit einer wunderbaren Dialogsprache, mit emotionalen Momenten und starken Darstellern. Indes mangelt es bisweilen an Opulenz und Größe. Und: Es stellt sich schon die Frage nach der Relevanz dieses Themas, zumal kaum Brücken von der privaten Seite Schillers hin zu seinem Werk geschlagen werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst