"Wir haben Clooney gesehen"

"Wir haben Clooney gesehen"





Berlinale 2014: Eine erste Zwischenbilanz

Wie eigentlich immer lieferte die erste Berlinale-Woche vor allem viel Hollywood-Glamour für große Schlagzeilen und schöne Bilder. Bei überraschend mildem Wetter konnte George Clooney den Blitzlicht-Parcours im Hemd mit großzügigem V-Ausschnitt absolvieren. Dirigiert von Anke Engelke, pfiffen Clooney und seine Co-Stars Matt Damon, Bill Murray, John Goodman und Co. die Titelmelodie des historischen Dramas "Monuments Men". Über den Film sprachen sie trotz aller Clownerie in einer völlig überfüllten Pressekonferenz auch noch ein bisschen.

Für Bill Murray war dies der zweite öffentliche Auftritt. Den ersten hatte er am Eröffnungstag mit Wes Anderson und seiner Groteske "The Grand Budapest Hotel" mit Ralph Fiennes in der Hauptrolle. Die Werbetrommeln für das Gaunerdrama "American Hustle" rührten "Batman" Christian Bale und Bradley Cooper ("Silver Linings"). Ihnen folgten noch Pierce Brosnan mit der dramatischen Komödie "A Long Way Down" und Shia LaBeouf und Christian Slater mit "Nymphomaniac I", dem skandalumwitterten neuen Werk von Lars von Trier. Tilda Swinton und Saoirse Ronan (beide "The Grand Budapest Hotel"), Diane Kruger ("The Better Angels") und Uma Thurman ("Nymphomaniac I") bildeten die weibliche Starriege.

"Mädels, wir haben George Clooney gesehen!", rief eine Schar junger Damen ihren Freundinnen entgegen, nachdem sie über weite Absperrungen um den roten Teppich hinweg einen Blick auf den begehrtesten männlichen Single der Welt geworfen hatten. Werden sie ihren Kindern und Enkelkindern einmal davon erzählen? Bis auf wenige Ausnahmen nehmen die herausragenden (oder auch nur herausgehobenen Filme) der Berlinale unter die Lupe, was einmal gewesen ist, sei es im kleinen Rahmen individueller Erfahrung, im Weltgeschehen oder in beidem.

Als Regisseur und Darsteller will George Clooney im tonal verunglückten "Monuments Men" nachstellen, wie im Zeiten Weltkrieg amerikanische Kunsthistoriker wertvolle Kunstschätze aus den Fängen der Nazis retteten. Nicht anders sieht es im Wettbewerbsteil aus. Gefiltert durch amerikanische Streifen der 1930er- und 1940er-Jahre, entwirft "The Grand Budapest Hotel" ein skurril-imaginäres Porträt der Zeit zwischen den Weltkriegen, mit augenzwinkernden Star-Auftritten und anrührender Melancholie, aber auch Längen und Einfallsarmut. Formal faszinierend und espritgeladen, zeigt Dominik Graf in "Die geliebten Schwestern", wie Vorzeige-Dichter Friedrich Schiller um 1800 genussvoll in einer Dreierbeziehung lebte. Im bis auf das Ende atemberaubenden Polit-Thriller "'71" irrt im hochexplosiven Belfast des besagten Jahres ein junger britischer Soldat nach verpatztem Einsatz zwischen allen Fronten des Nordirland-Konflikts umher.

Wenn es um die unmittelbare Gegenwart geht, fällt die Beurteilung schon schwerer. "Jack" wird überstrahlt von einem hochtalentierten Elfjährigen namens Ivo Pietzcker, der seine Hauptrolle ebenso energisch meisterte wie die anschließende Pressekonferenz. Lässt man den Blick über anderes als die dynamischen Plansequenzen des Films schweifen, in dem ein vernachlässigter Junge zusammen mit dem kleinen Bruder an der Hand seine verschwundene Mutter in Berlin sucht, stößt man auf allzu viele Ungereimtheiten. Man lernt die Ellipse, die Auslassung, zu hassen, die immer mehr zur Entschuldigung zu werden scheint, etwas nicht erzählen zu müssen. Zwiesgespalten lässt einen auch Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg" über ein junges Mädchen mit Glaubenskonflikten zurück. Sind die Handlungen der Figuren überhaupt ausreichend motiviert? Sind die exakt 14 Einstellungen des Films ein großer Kunstbeweis oder nur prahlerische Askese? An dem Bewährungszeit-Krimi "La Voie de 'l'ennemi" macht fassungslos, dass Forest Whitaker und Harvey Keitel mit mittelmäßigem Skript und einer Regie ohne Überblick gestraft werden. Und das bei einem Wettbewerbsbeitrag.

Diskussionen darüber kommen nur schwer in Gang, weil eigentlich alle viel zu beschäftigt sind. Nein, sagen die Regisseure und Produzenten, die man fragt, Filme hätten sie bisher kaum welche gesehen, denn ein Business-Termin jage den anderen. Film ist eben nicht nur Kunst, sondern vor allem auch Geschäft, in dem Netzwerken überlebenswichtig ist. Die Zuschauer, die an allen Verkaufsstellen für lange Schlangen sorgen und bisher 260.000 Tickets gekauft haben, scheint so etwas wie das gegenteilige Problem zu plagen. "Das ist kein Vergnügen hier - das ist Arbeit", meinte eine Dame lachend, als sie vor Beginn des nächsten Films ihre Freundinnen beim Abgleichen der Programmauswahl und dem Durchstöbern zentimeterdicker Ticketsammlungen beobachtete.

Bei so viel Sorgfalt gelingt sicherlich manche spannende Entdeckung, gerade in den Nebenreihen. Bisweilen wird ein Geheimtipp auch sehr früh ausgeplaudert. Jurorin Greta Gerwig bekundete bei der Jury-Pressekonferenz ihre Freude über gleich zwei Filme ihrer jungen amerikanischen Landsfrau Josephine Decker im "Forum". "Thou Wast Mild and Lovely" und "Butter On The Latch" handeln drastisch und experimentierfreudig von weiblicher Verführung. Womit der Bogen zu Lars von Triers außer Konkurrenz laufendem "Nymphomaniac I" geschlagen wäre. Die Beichte einer sexuell Unersättlichen nimmt das Publikum überraschend mit Zärtlichkeit und Witz für sich ein. Aber vielleicht wegen der Vorberichterstattung ist die brillante Sittenkomödie trotz exzessiver Fleischlichkeit nicht (mehr) absolut aufregend. Als mögliche Anwärter auf den Hauptpreis, den "Goldenen Bären" für den besten Wettbewerbsfilm, gelten bisher "Die geliebten Schwestern" oder "'71", doch weil ihnen das letzte Quäntchen Überwältigungskraft fehlt, sind weitere Highlights abzuwarten. Wird man bei Richard Linklaters "Boyhood" oder einem der Asiaten, die noch kommen, endlich aus vollem Herzen sagen können: Der ist es?

Quelle: teleschau - der mediendienst