Charlotte Gainsbourg

Charlotte Gainsbourg





Die Muse

"Lars von Trier braucht eine Frau, um seinen Werken Seele einzuhauchen. Und er beneidet und hasst sie dafür. Also muss er sie während des Drehs zerstören." Nach den Dreharbeiten zu "Dancer in the Dark" (2000) hatte Hauptdarstellerin Björk nur noch Böses über ihren Regisseur zu sagen. Auch Nicole Kidman war nach "Dogville" (2003) nicht bereit, für den geplanten zweiten Teil des Films zurückzukehren. Der streitbare Regisseur verlangt seinen Leading Ladies viel ab, quält und erniedrigt sie vor der Kamera - meist mehr, als sie ertragen. Und Charlotte Gainsbourg? Ihre Hauptrolle in "Nymphomaniac" (Start: 20.02.) ist schon die dritte für von Trier; die dritte Herausforderung, die dritte Tortur. Freiwillig.

Wie so eine wohl drauf ist? Enigmatisch bestimmt, verschlossen wahrscheinlich, vielleicht sogar ein bisschen unheimlich. Ganz sicher aber schlecht gelaunt - immerhin hat sie schon einen ganzen Tag mit Presse-Interviews hinter sich. Wer dann tatsächlich den Raum betritt: Eine schlanke, ausgeglichene Frau mit Wuschelhaaren und herzlichem Lächeln. In der Hand ein Kanne Tee ("die schleppt sie schon den ganzen Tag mit sich herum", verrät die PR-Dame, die sie begleitet). Noch schnell ein Tässchen eingeschenkt, los kann's gehen.

Also, wie kam es zu diesem ungewöhnlichen dritten Engagement? Gainsbourg zuckt bedauernd die Achseln - eine sauber abgepackte Lösung zu diesem Rätsel kann auch sie nicht liefern: "Es war eine Überraschung für mich. Ich hatte nicht erwartet, dass er mich beim zweiten Mal fragt, und beim dritten Mal erst recht nicht ... Er ist unberechenbar, und ich bin einfach froh, dass ich diese drei Filme machen konnte. Und dass er mich jedes Mal an einen völlig anderen Ort geführt hat." Die Arbeit mit von Trier sei trotzdem nicht immer ganz einfach für sie, obwohl es inzwischen viel leichter sei, sich für ihn zu öffnen. "Ich habe manchmal immer noch Angst, dass er mich verurteilen wird. Selbst wenn er sehr empathisch und liebevoll ist, habe ich immer noch Angst, dass ich nicht in der Lage sein werde zu tun, was er will."

Und was, wenn von Trier sich auch ein viertes Mal bei ihr melden würde? - Gainsbourg denkt gründlich nach und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Eine kleine, aber sehr bestimmte Geste, bei der man unwillkürlich an die Worte ihres "Nymphomaniac"-Kollegen Stellan Skarsgard denken muss: "Man könnte sie den ganzen Tag lang ansehen", hatte er vorhin noch geschwärmt, und es stimmt. "Ich denke, ich würde jeden Film mit ihm machen", befindet sie schließlich mit großer Ernsthaftigkeit im Blick.

Vielleicht kommt die 42-jährige Französin ja auch deshalb so gut mit von Trier zurecht, weil sie als Tochter des verstorbenen Skandalmusikers Serge Gainsbourg einfach bereits einige Erfahrung im Umgang mit streitbaren Künstlern hat. "Da gibt es schon eine Ähnlichkeit. All die Provokationen und die Tatsache, dass diese beiden Menschen ziemlich schüchtern sind oder waren und sich mit sich selbst nicht wohlfühlen. Aber ich glaube, mein Vater war etwas prüder." Ein verschmitztes Lächeln. "Ich weiß, es klingt seltsam nach allem, was er getan hat, aber ich weiß nicht, wie er diesen Film aufgenommen hätte."

Ganz leicht hatte Gainsbourg es aber selbst nicht mit den erotischeren Teilen des Films. Auf die Frage nach den Sexszenen wird sie erstmals im Gespräch ein wenig verlegen, schindet Zeit, indem sie sich Tee nachschenkt, und gibt dann zu: "Ich fühle mich nackt nicht wohl. Ich hatte gerade ein Kind geboren und schämte mich dafür, wie ich aussah. Aber als ich die Rolle übernahm, musste ich gar nicht so viel Nacktheit vorführen. Stacy (Martin, d.Red.) hat das meiste übernommen. All den schönen Sex hat sie, und ich mache das ganze schmutzige Zeug, das später kommt. Dafür musste ich nicht mehr nackt sein." Sie lacht, jetzt doch ein bisschen stolz.

Ihre Schüchternheit hat sie für "Nymphomaniac" überwunden. Und dieser Mut ist es wohl auch, der ihr die Arbeit mit Lars von Trier am ehesten erleichtert. Das Unerwartete sei das Tollste daran: "Wenn man mit einer Szene beginnt, weiß man noch nicht, wohin man letztlich gehen wird. Man muss etwas wagen. Man muss wagen, lächerlich zu sein, schlecht zu sein." Zu Beginn sei das noch ziemlich schwierig, aber von Trier zeige sich stets hilfsbereit: "Es ist wundervoll, wenn sein Geist den eigenen Charakter erforscht, er versteht jedes Blinzeln, das man macht. Es ist wundervoll, sich selbst in eine wirklich schwierige Lage zu bringen, ein wenig zu leiden." Das sei zugleich aufregend und unüblich: "Deshalb liebe ich, was ich tue. Und das meiste habe ich ihm zu verdanken. Jetzt, da ich seine Art zu arbeiten kenne, kann ich das so mit keinem Anderem tun."

Scheint, als haben sich da zwei gefunden. Nun ja - fast, wie sie mit einem Augenzwinkern zugibt: "Die Szene, in der ich meinen Orgasmus wiederfinde, war ziemlich peinlich, und ich wusste nicht, wie ich das darstellen soll. Ein Orgasmus ist ein Orgasmus, aber wenn jemand sagt 'Überrasch mich einfach!'" - sie lacht laut auf - "dann weiß ich wirklich nicht, was ich tun soll."

Quelle: teleschau - der mediendienst