Christoph Maria Herbst

Christoph Maria Herbst





"Die Realität ist schonungsloser"

Comedian Christoph Maria Herbst verwandelt sich wieder in "den Papa", in Bernd Stromberg - und erobert mit der Serienfigur in "Stromberg - Der Film" ab 20. Februar das Kino. Zehn Jahre begleiteten seine Fans die Figur des Schadensregulierers der fiktiven Capitol-Versicherung durch fünf Serien-Staffeln bei ProSieben. Nun, mit dem besagtem Kinofilm, findet die Geschichte ihr Ende, wie Herbst (48) im Interview erklärt.

teleschau: Welche Bedeutung hat Stromberg für Sie?

Christoph Maria Herbst: Für mich ist Stromberg eine Figur wie jede andere - wenn auch eine, die als Serie daherkam, was den Zuschauer ganz anders bindet. Er ist so markant, weil ich ihn so markant gespielt habe. Stromberg hat mir eine Menge zu verdanken, ich ihm auch. Das ist bei Serien immer Fluch und Segen.

teleschau: Ein solcher Erfolg war nicht zu erwarten, oder?

Herbst: Dass wir mal fünf Staffeln machen und ich heute über einen Kinofilm reden darf, ist ein Geschenk. Vom Klagelied bin ich weit entfernt. Wir haben alles richtig gemacht: Wir drehten etwa alle zwei Jahre eine Staffel, haben nie inflationiert und die Leute zu Tode penetriert. Nie hat jemand gesagt: "Schon wieder Stromberg! Ich kann das nicht mehr sehen" In meiner Wahrnehmung haben sich immer alle auf die neuen Staffeln gefreut. Das habe ich im Feuilleton gespiegelt gesehen, genau wie in den Boulevardblättern. Der Fan freute sich, und auch in meinem Freundeskreis war die Freude auf "den Papa" groß.

teleschau: Gab es tatsächlich Menschen, die sich schwer taten, Realität und Fiktion zu unterscheiden?

Herbst: In einer Fußgängerzone wurden mir zu Zeiten der ersten Staffel mal Prügel angeboten, was ich dankend ablehnte. Die sagten mir, dass man so nicht mit seinen Angestellten umgeht. Das speicherte ich als zweifelhaftes Kompliment ab, denn offensichtlich ist mir in meinem Beruf die Umsetzung einer Rolle überzeugend gelungen.

teleschau: Setzte zuletzt beim Spielen der Figur schon eine Art Automatismus ein?

Herbst: Ich muss mich immer wieder reinfinden. Die Metamorphose geht von außen nach innen. Ich muss für diesen Haarkranz sorgen und für diesen Bart. Für den Bart brauche ich mittlerweile nur noch drei Wochen, das dauerte früher länger. Mein Körper hat einen Memory-Effekt. Der drückt die Haare dann an den richtigen Stellen aus meinem Kopf. Außerdem ist Stromberg keine Stand-Up-Figur. Er lebt von den anderen, diesem handverlesenen Ensemble, mit dem er zusammen ist.

teleschau: Stromberg gilt als typisch deutsch. Für die, die ihn erst durch den Kinofilm kennenlernen: Was macht ihn so typisch deutsch?

Herbst: Nicht mal das Äußere ist typisch deutsch. Ich könnte sagen, was Stromberg auszeichnet, hoffe aber, dass das nicht typisch deutsch ist: Er ist verlogen, latent rassistisch, chauvinistisch, er tut reuselig, ist aber doch nur darauf bedacht, einen eigenen überdachten Parkplatz zu haben.

teleschau: Sagt Stromberg, was andere nur denken?

Herbst: Er ist ein Ventil für viele Menschen, die - wie bei einem Schnellkochtopf - Dampf ablassen. Jüngere Menschen freuen sich an den Sprüchen und gehen damit in den Schulhof. "Man sollte den Arsch nie höher hängen, als man scheißen kann." "Das Leben ist kein Ponyhof." All diese schönen Sätze. Wenn ich die Drehbücher nach Hause bekomme, schmeiße ich mich immer erstmal weg.

teleschau: Haben Sie weibliche Fans?

Herbst: Ja, als Stromberg bekam ich schon Heiratsanträge. Da wanzte sich die ein oder andere mit einem Vaterkomplex behaftete, junge Dame, schon an Stromberg heran. Mir macht es besonders viel Spaß, mit Frauen über Stromberg zu reden ...

teleschau: Stromberg wird im Film auch weicher als in der Serie. Sogar die Liebe wird zum Thema ...

Herbst: Durchaus. Im Kinofilm gibt es menschelnde Momente, die rührend sind. Wer hätte das bei einer Bürocomedy gedacht? Überhaupt hat Ralf Husmann (Stromberg-Erfinder, Anm. d. Red.) wieder grandiose Situationen und Sätze gezaubert. Wenn die tolle Milena Dreißig als Jennifer sagt: "Ich habe eine Erwartung ans Leben, eine Lebenserwartung ... Da draußen ist alles voller Welt" - das sind doch geile Sätze. Die kommen aus einer deutschen Feder.

teleschau: Am Schluss steigt Stromberg zum Volkshelden auf ...

Herbst: Zum Held der Arbeit. Und das, obwohl wir ihn nie arbeiten gesehen haben. Das kriegt nur Stromberg hin. Mein Wunsch ist, dass die Leute mit einem Lächeln aus dem Kino gehen und auf den Lippen ein "Lass das mal den Papa machen" zur Melodie der Internationalen trällern. Wir gehen mit postsozialistischem Gedankengut aus dem Film. Da muss man den Finger noch einmal auf die Wunde der heutigen Zeit legen.

teleschau: Sollte der Film politischer als die Serie sein?

Herbst: Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat uns nicht angerufen und gesagt, dass er so gerne mal mitspielen würde. Auf den Gedanken sind wir gekommen. Wir wollten das eigentlich mit der FDP machen, haben aber alles richtig gemacht, indem wir die Bundestagswahl abgewartet haben. Wir dachten: Die gibt's vielleicht dann nicht mehr - und genau so ist es gekommen.

teleschau: Wie fand Steinmeier die Serie?

Herbst: Das weiß ich nicht, aber am Set war er sehr nett. Grundentspannt. Wir hatten eine halbe Stunde mit ihm. Das, was er sagt, war seine Idee. Wir haben ihm nix geschrieben. Wir brauchten jemand mit Wiedererkennungswert, jemand, der was hermacht.

teleschau: In der Szene im Willy-Brandt-Haus fällt auch ein Schlusssatz, wie in Stein gemeißelt: "Geschafft. Nur noch Gott über mir."

Herbst: Das war meine Idee! Die klassische Strombergsche Hybris. Wie ein afrikanischer Staatsführer.

teleschau: Können Sie sich vorstellen, dass das nun das Ende sein soll?

Herbst: Ich habe das Ende nie als Cliffhanger gelesen, aber wer genau hinguckt, kann es so verstehen. Ich bin mir unsicher, ob man erzählen soll, wie er in der Parteipolitik Fuß fasst. Ich finde es erst einmal dufte, die Kopfkinomonitore der Menschen anzuschmeißen. Kann nur jemand wie Stromberg Karriere machen? Ich glaube, die charakterliche Grunddisposition bringt er mit. Er kann über Leichen gehen, ist nicht charismabefreit, kann reden wie ein Wasserfall und hat kein Fachwissen, das ihm im Weg stünde. Insofern: Gebrauchtwagenverkäufer oder in die Bundespolitik. Schlimm, aber denkbar.

teleschau: Eine Besonderheit an der Historie "Strombergs" ist der Einfluss der Fans.

Herbst: Nach der ersten Staffel gab es die Initiative "Stromberg darf nicht sterben", die die Serie, die bei Erstausstrahlung noch kein Überflieger war, rettete. Und letztendlich haben die Fans durch ihr Engagement den Film erst ermöglicht - das ist geradezu rührend und eine Motivationsvorlage. Das Zeitfenster für dieses Crowdinvesting war für drei Monate geöffnet und innerhalb von nur sechs Tagen war die Million zusammen. Da fiel selbst dem eloquenten Ralf Husmann für einen kurzen Moment nix weiter ein, als "Danke" zu stammeln. Damit ist Stromberg eine unfassbar demokratische Serie. Es gibt nichts Basisdemokratischeres, als die Menschen in eine Finanzierung einzubinden.

teleschau: Worin besteht der Unterschied zum Crowdfunding?

Herbst: Beim Crowdinvest besteht die reale Möglichkeit, nicht nur seine Einlage zurückzubekommen, sondern auch eine Rendite - der Break-Even liegt bei einer Million verkaufter Karten. Das bekommt man heute nicht mal mehr bei der Bank. Diese fantastische Beteiligung der Fans hat uns eine Menge Freiheit beschert. Wäre das Geld von Fonds gekommen, wäre man mit Begehrlichkeiten konfrontiert. Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt, was gespielt wird. Der Fan aber sagte: Ihr habt uns fünf Staffeln lang prachtvoll unterhalten, nun nehmt die Million und macht mal. Wir vertrauen euch!

teleschau: Haben Sie jemals in einem Büro gearbeitet?

Herbst: Ich machte in den 80er-Jahren eine Ausbildung bei einer großen deutschen Bank - auf Druck meiner Eltern, die mich aufforderten, was Vernünftiges zu tun. Meine Eltern waren wegen der Schauspielerei immer skeptisch. Und jetzt sitze ich hier und spreche über einen Kinofilm, während ich sonst vielleicht auf der Straße stünde.

teleschau: Im Film haben Sie dieses Büro quasi komplett verlassen ...

Herbst: In fünf Staffeln schrieb Husmann sowohl in der Horizontalen als auch in der in der Vertikalen alles weg, was man erzählen kann. Deshalb ist das jetzt auch zu Ende. Die Idee mit Stromberg und der Mannschaft raus zu gehen, hat den Horizont noch einmal geweitet. Er konfrontierte die Stromberg-Welt mit den Leuten aus der Zentrale. Das sind doch alles Stromberger.

teleschau: Das ist wahrscheinlich Realität ...

Herbst: Die Realität ist immer schonungsloser und irrealer. Ich habe Mails von Leuten aus Versicherungen bekommen, die schrieben: Wenn Sie glauben, Sie machen Comedy, dann kommen Sie mal zu uns! Da tut sich ein Abgrund auf.

teleschau: Constantin Film verfilmt "Er ist wieder da". Hat mit Ihnen jemand gesprochen?

Herbst: Nein, ich bin nie angefragt worden und bringe mich da auch nicht ins Spiel.

teleschau: Was hindert Sie?

Herbst: Ich halte das Buch nicht für verfilmbar. Es lebt davon, dass wir alle durch Hitlers Brille sehen, durch seine Augen und seine Kommentare. Davon, wie die Leute auf ihn reagieren. Einer der Hauptkonflikte ist ja der, dass alle Leute glauben, er sei ein Comedian, der sich dir Rolle besonders gut draufgeschafft hat und die nicht mehr raus kriegt.

Quelle: teleschau - der mediendienst