Judith Holofernes

Judith Holofernes





Nur ein bisschen Quatsch

Judith Holofernes (37) entschuldigt sich vorsorglich. Sie hofft, sie sei nicht "sediert", aber sie komme gerade von der Massage, sagt sie zur Begrüßung. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Interview in einem Münchner Hotel allerdings gar nicht. Sie ist redefreudig, kiekst vor Lachen und wirkt vor allem: entspannt. Dabei wurde so viel geschrieben, vieles ihr angedichtet. Über die gleichberechtigt entscheidende Band Wir sind Helden, der sie dennoch als Sängerin und Texterin irgendwie vorstand. Über die Belastung als Popstar und zweifache Mutter. Über sie als musikalisches Vorbild im deutschen Pop, Vorzeige-Berlinerin und Verweigerungsprophetin. Doch wenn sie jetzt über das vorläufige (?) Ende der Band, ihr erstes Soloalbum "Ein leichtes Schwert", ihr Leben in Kreuzberg und ihre eigenen Vorbilder spricht, gewinnt man den Eindruck: alles halb so wild. Judith Holofernes ist gekommen, um zu bleiben - und einfach Spaß an der Musik zu haben.

teleschau: Bei Wir sind Helden mussten alle Entscheidungen von allen Bandmitgliedern gleichberechtigt getroffen werden. Jetzt, da Sie alleine das Sagen haben, können Sie es doch zugeben: Diese Art von Basisdemokratie ist Blödsinn, oder?

Judith Holofernes: (lacht) Naja, das Ganze hatte zwei Seiten. Auf der einen Seite war das - vor allem als wir sehr jung waren - für uns als Band ein Schutz. Das hatte schon seine Berechtigung. Einfach weil es uns so träge machte, dass man uns als Apparat nicht überrennen und überrollen konnte. Denn man gab irgendwas in diese Band rein, und die Antwort kam drei Wochen später raus. Die Leute verzweifelten wirklich an uns. Und ich glaube, dass wir die ein oder andere blöde Entscheidung dadurch auch nicht fällten. Es war definitiv ein ehrbares, aber auch mühsames Konzept. Das würde inzwischen auch jeder von uns sagen.

teleschau: Was ist jetzt anders?

Holofernes: Ich merke jetzt, wo ich alleine bin, wie schnell ein Meeting mit meinem Management vorbeigeht. Das geht: Nein, nein, nein, ja, ja, ja, frag mich morgen noch mal. Meeting fertig. (lacht)

teleschau: Gab es denn früher Momente, in denen Sie mal auf den Tisch hauen mussten?

Holofernes: Es gab einen Bis-hierhin-und-nicht-weiter-Moment, den mussten wir relativ früh ausfechten. Da ging es darum, dass ich sagte, dass die Texte mein Bereich sind, in den mir keiner reinredet. Dabei gab es am Anfang das sehr verständliche Ansinnen, dass jemand anders mal einen Text schreiben wollte. Aber so sehr ich jemand bin, der will, dass alle anderen glücklich sind, sagte ich immer: Wenn ihr etwas schreibt, dann müsst ihr es auch singen. Das wollte dann keiner! (lacht)

teleschau: Mit Ihrer Entscheidung, die Band pausieren zu lassen, stellten Sie die anderen Helden aber auch vor vollendete Tatsachen ...

Holofernes: Nun, das kam ja nicht überraschend für die anderen, sie waren ja dabei und hätten sich wahrscheinlich fünf Jahre vorher schon nicht darüber gewundert. Außerdem kam der Impuls zu relativ gleichen Teilen von Pola und mir. Und das hatte nichts mit der Tatsache zu tun, dass wir verheiratet sind. Das geht jetzt manchmal ein bisschen unter. Klar, ich war sehr erschöpft. Aber Pola hing auch an der Band, war aber eben derjenige, der sagte, dass man manche Sachen in diesem Konstrukt nicht machen kann. Pola hat die Band gesprengt! (lacht laut)

teleschau: Das alles klingt recht unbeschwert, dabei stand zu lesen, dass Sie schon eine Art "Seelenkrise" durchgemacht hätten ...

Holofernes: Das habe ich wahrscheinlich nie gesagt. Ich muss dazu sagen, dass ich meine Interviews nicht mehr selbst gegenlese, auch aus Seelenschutz. Deswegen taucht jetzt vielleicht ein bisschen mehr Blödsinn in Interviews auf als in der Vergangenheit. Aber das ist es mir wert.

teleschau: Viele wollten ja im Titel des letzten Helden-Albums "Bring mich nach Hause" schon eine Art bevorstehenden Burnout erkannt haben ...

Holofernes: Ja, die "Bring mich nach Hause"-Sehnsucht ging tief. Da ging es tatsächlich nicht nur darum, endlich mal wieder Zeit daheim verbringen. Ich fühlte mich tatsächlich zu weit draußen. Zu weit weg von mir selbst.

teleschau: Ihnen wurden im Laufe der Zeit viele Etiketten aufgedrückt, "Klassensprecherin der Nation" und "moderne Übermutter" etwa. Sie selbst äußerten allerdings das Bedürfnis, einfach mal nichts zu sein. Geht das überhaupt?

Holofernes: Nein, als Popstar geht das eben nicht. Das ist für mich schon schwierig. Ich bin ja auch Buddhistin und setze mich viel mit Identifikationsfragen auseinander. Mir ist das einfach sehr klar, was für eine ungesunde Kraft das ist, wenn man sich zu sehr damit identifiziert, wer man so ist oder wie sehr man anders ist. Und mein Beruf zielt natürlich genau darauf ab. Schließlich ist es ein Spiegelkabinett, in dem alles rückgespiegelt wird. Bist du nicht so? Oder so? Oder so? Viele Interviews laufen auch so ab, dass jemand dir gegenübersitzt und möchte, dass du ihm erklärst, wer du so bist. Ich fühle mich da total unqualifiziert. Das in Kombination mit allgemeiner Erschöpfung und einer Introvertiertheit, die auch daher rührte, dass man kleine Kinder hat und sich nicht so entblößen will, schlug schon ziemliche Kerben.

teleschau: Und die Pause half diesbezüglich?

Holofernes: Ja, das ging total auf. Ich hatte das Gefühl - und das liegt schätzungsweise an der Meditationspraxis und der Auseinandersetzung mit dem Thema - dass ich total schnell raus war. Die Bremsen quietschten noch ein wenig, denn der Geist wird unruhig, fängt an zu greifen nach diesen Identifikationen: Wer bin ich denn, wenn ich das nicht bin? Und dann kriegt man Angst. Aber das Schöne ist: Wenn man darauf vorbereitet ist, dann kann man dem einfach nur zugucken. Und dann ist es vorbei (lacht).

teleschau: Hatten Sie bei allen Rückzugsgedanken auch den Wunsch, mal wegzukommen? Vielleicht auch aus Deutschland?

Holofernes: Naja, man darf nicht unterschätzen, wie aufwendig Urlaub mit kleinen Kindern ist. (lacht) Da sind die ein oder anderen Fernwehfantasien schnell entlarvt oder kriegen einen ordentlichen Reality Check. Außerdem bin ich sehr gerne zu Hause in Kreuzberg und mag mein Leben da sehr, verbringe gerne Zeit mit meinen Freunden. Und auch wenn die Leute jetzt immer gegen die Touristen wettern, was ich sowieso total asozial finde: Mir geht es oft so, dass ich mich in Kreuzberg wie im Urlaub fühle, weil so viele Leute da sind, die dort Urlaub machen. Das ist ansteckend. Wenn du von deinem Balkon guckst und unten flanieren beseelte Italiener-Horden, die deine Stadt angucken mit einem Blick, der die total glorifiziert, dann ist das ganz schön! (lacht)

teleschau: Wie war es, als Sie erkannten, dass neben den Tiergedichten und Blogeinträgen, die Sie während der Pause veröffentlichten, doch auch noch Musik in Ihnen steckt?

Holofernes: Der Moment war total schön. Ich verbringe ja sehr viel Zeit mit mir seit ich geboren bin (lacht). Es rührte mich zu sehen, dass diese Kräfte noch da sind. Zu merken: Ach guck, jetzt macht sie doch wieder Musik. Zu sehen, dass das immer noch das Wichtigste ist und alles andere links überholt, das freute mich.

teleschau: Hatten Sie jemals Zweifel, ob die Entscheidung, wieder Musik zu machen, die richtige ist?

Holofernes: Es gab tatsächlich eine kurze Welle von Angst. Denn es ging mir in den letzten Jahren ja nicht immer gut damit. Da fragte ich mich dann: Will ich alles, was da dran hängen könnte, wieder in Kauf nehmen? Ich bin das dann aber sehr proaktiv angegangen, überlegte mir, was man anders machen könnte.

teleschau: Und was machen Sie anders?

Holofernes: Die wichtigste Entscheidung, die das Ganze nicht zu einem Panik auslösenden, sondern zu einem erfreulichen Lebenskonzept macht, war, dass Pola nicht mit auf Tour kommt. Wir dachten: Wenn wir das wieder machen, dann können wir uns echt mit dem Baseballschläger auf den Kopf hauen! Freiwillig! (lacht)

teleschau: Sind Sie freiwillig gern alleine?

Holofernes: Ja, ich bin zwar sehr gesellig und außerordentlich anschlussmotiviert. Ich bin jemand, der etwa im Tourbus gerne zu lange wachbleibt, weil ich, so lange irgendjemand noch was Lustiges macht, nicht ins Bett gehen kann. Aber ich kann auf der anderen Seite auch sehr gut alleine sein. Ich bin auch ein ziemlicher Telefonmuffel. Gott sei Dank verstehen das alle meine Freunde. Ich warte dann lieber, bis man sich trifft. Ich machte auch immer wieder mal in meinem Leben alleine Urlaub und saß auch jetzt in den Schreibphasen - im Verlauf von eineinhalb Jahren - zwei Mal drei Tage alleine im Wald.

teleschau: Nachdem die Band ja wegfiel, konnten Sie beim Schreiben Kritik annehmen?

Holofernes: Ja, ich bin freigiebig mit meinen Ideen. Klar, es ist auch wichtig, dass man Songs nicht zu früh an die falschen Leute rausgibt. Da muss man schon sehr überzeugt sein, sonst kann das Songs schon im frühen Embryo-Stadium abtreiben. Aber es gibt schon drei, vier Leute, die sich auch mit Kunst auskennen. Pola zeige ich Sachen sehr früh. Und meiner Mutter.

teleschau: Tatsächlich?

Holofernes: Ja, sie ist meine Referenz, wenn ich mir mal nicht sicher bin, ob man etwas so sagen kann. Sie ist ja Übersetzerin, firm in Sprachfragen und hat viel Humor.

teleschau: Eine Qualität, die man Ihrem neuen Album auch anmerkt. Vieles ist einfach nur Quatsch ...

Holofernes: (lacht) Das darf man so sagen. Ich bin dem Quatsch sehr zugetan, schon immer. Ich bin semi-professionelle Konsumentin von Comedy und anderer Leute Blödsinn.

teleschau: Haben Sie spezielle Vorlieben?

Holofernes: Ich mag Black Books, The Office, 30 Rock. Tina Fey. Ihr Buch, "Bossy Pants" ist extrem lustig. Und mit acht Jahren vertiefte ich mich in das Oeuvre von Otto Waalkes. Und meine Mutter war so schlau, mir irgendwann zu stecken, dass die Sachen von ihm, die ich richtig toll finde, alle von Robert Gernhardt sind. Und irgendwann spielte sie mir - glaube ich aus Selbstschutz, damit ich aufhöre, Otto zu rezitieren - ihre Morgenstern- und Gernhardt-Gedichte zu. Das prägte meinen Humor.

teleschau: Und musikalisch?

Holofernes: Lustigerweise höre ich ganz viel wilde, kaputte Männer Mitte 50, denen die Zähne ausfallen und die dann leider sterben. Meine weiblichen Gesangsvorbilder sind aber alles Frauen, die so eher eine gewisse Unschuld haben, Edie Brickell, Rickie Lee Jones ... Ich mag Sachen, die frei und unaffektiert herausgesungen werden, aber trotzdem Tiefe und Wumms haben.

teleschau: Dolly Parton, die Sie auch als Vorbild nannten, passt in diese Reihe aber nicht rein, oder?

Holofernes: Naja, sie hat ja auch diese Unschuld in der Stimme. Ich finde sie sowieso eine fantastische Sängerin, auch wenn mir klar ist, dass sich an ihr die Geister scheiden. Sie ist in Deutschland unterschätzt. Hier reagieren die meisten eben nur auf die Oberfläche, von wegen Horror-Barbie. Und es stimmt ja auch. Sie sieht inzwischen schon furchteinflößend aus. Aber als sie jung war, war sie sehr hübsch! Und für ihre Hupen kann sie ja nichts, die sind ja echt! Das ist wahrscheinlich auch das Einzige ... (lacht) Aber sie ist für jede Frau im Pop ein Vorbild, weil sie selbstironisch und klug ist, und sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Und sie hat einfach einige der besten Popsongs aller Zeiten geschrieben.

teleschau: "I Will Always Love You" stammt aus Partons Feder ...

Holofernes: Ja, ich finde ihre Version auch viel schöner als die von Whitney. Aber mit meiner Leidenschaft für sie stand ich auch innerhalb der Band alleine da. Aber mir macht es so gute Laune, wenn ich eine Dolly-Parton-Platte höre. Wenn ich da morgens mitsinge, ist der Tag gerettet!

Judith Holofernes auf Deutschland-Tournee:

02.04., Bremen, Schlachthof

03.04., Dortmund, FZW

04.04., Hannover, Capitol

06.04., Dresden, Beatpol

07.04., Leipzig, Werk2

11.04., München, Theaterfabrik

12.04., Heidelberg, Halle02

14.04., Stuttgart, Theaterhaus

15.04., Frankfurt, Batschkapp

16.04., Bielefeld, Ringlokschuppen

17.04., Köln, Gloria

19.04., Hamburg, Dock's

20.04., Berlin, Astra

Quelle: teleschau - der mediendienst