Jack Ryan: Shadow Recruit

Jack Ryan: Shadow Recruit





Der Apfel fällt weit vom Stamm

Ungläubig und zögernd betritt CIA-Agent Jack Ryan (Chris Pine) sein Moskauer Hotelzimmer. Die elegante, im Art Deco-Stil gehaltene Hotelsuite ist nicht wiederzuerkennen. Die Einschusslöcher? Verschwunden. Die beim heftigen Zweikampf zerstörten Tischlampen? Offenbar ersetzt. Der Killer, den Ryan erwürgte? Die Badewanne glänzt, als hätte weder ein Toter noch sonst jemand darin gelegen. Während Jack im Park seinen Chef Harper (Kevin Costner) traf, hat das Aufräumteam so gute Arbeit geleistet, dass Jack es nicht fassen kann. Der Bildrahmen zittert leise, wie angesteckt von der Todesangst, die nur langsam in ihm abklingt. Das, man muss es so grausam sagen, ist die beste Szene des Repertoire-Actionreißers "Jack Ryan: Shadow Recruit".

Sicherlich hat das damit zu tun, dass David Koepp, zusammen mit dem noch unbekannten Adam Cozard Autor des Drehbuchs, in Hollywood ein so vielbeschäftigter Mann ist. Koepp schrieb mit an Blockbustern wie "Spider-Man" und "Jurassic Park", vor allem aber an "Mission: Impossible". "Jack Ryan: Shadow Recruit" sieht ganz danach aus, als hätte der Action - und Fantasymeister bloß ein paar alte Manuskripte vom Grund seiner Festplatte gefischt und per Copy- und-Paste-Verfahren neu verknüpft. Und dabei holt er weit aus.

Den Ost-West-Konflikt aufzuwärmen, als wär's ein Mikrowellen-Gericht, ist nicht genug. Es muss mit den 9/11-Anschlägen beginnen. Der säumige Student Jack Ryan meldet sich in einem Anfall von Patriotismus freiwillig zum Einsatz in Afghanistan. Wenn einer seiner Kameraden sich als "Bangles"-Fan outet, wissen wir aber, dass der Hubschrauber, in dem er sitzt, bald von einer Rakete getroffen wird. Dr. Cathy Muller, also die bezaubernde Keira Knightley, begleitet den Schwerverletzten durch den Rekonvaleszenz-Prozess. CIA-Chef Harper lässt Jack danach wichtigtuerisch in die Abteilung Finanzrecherche wechseln. Und siehe da: Jack findet heraus, dass ein fieser Russe einen Anschlag in den USA plant, um die amerikanische Wirtschaft zu zerstören.

Den Bösewicht Victor Cherevin mimt Sir Kenneth Branagh, der auch für die misslungene Regie des Films verantwortlich ist. Seine Auszeit vom Spektakel nimmt sich der Rotbart, wenn er mit Keira Knigthley sehr, sehr lange über tragische Helden der russischen Literatur philosophiert. So hat Jack genug Zeit, sich unter Umgehung sämtlicher elektronischer Sicherheitsmaßnahmen in Cherevins Büro zu begeben und in einem digitalen Rennen gegen die Zeit wichtige Unterlagen über die Anschlagspläne zu kopieren. Den Weg nach draußen schießt ihm netterweise Harper frei, Cherevins Schergen kippen unter den Präzisionsgewehr-Schüssen um wie Pappkameraden.

In "Jack Ryan: Shadow Recruit" fällt der Apfel sehr weit vom Stamm. Über den Agenten aus der Feder von Tom Clancy schuf John McTiernan mit "Jagd auf Roter Oktober" einen Spannungsklassiker von diabolischer Intelligenz. Nach "Die Stunde der Patrioten" legte Philip Noyce mit "Das Kartell" einen Polit-Thriller nach, in dem Harrison Fords verstörtes Gesicht Bände über US-Außenpolitik spricht. Chris Pine tritt nun als der gleichnamige Sohn des Agenten an, den Ford, Alec Baldwin und - in "Der Anschlag" - Ben Affleck verkörperten. Aber weder Pine noch Kenneth Branagh können, außer in der Hotelzimmer-Szene, mit Subtilitäten verstören oder den Adrenalin-Spiegel wesentlich heben.

Quelle: teleschau - der mediendienst