Kai Wiesinger

Kai Wiesinger





Das übermächtige Amt

Kai Wiesinger ist Christian Wulff. Vielleicht käme man auf den ersten Blick nicht drauf. Andererseits - welcher deutsche Schauspieler sieht schon so farblos aus, dass er mit dem ehemaligen Bundespräsident mithalten könnte? Kai Wiesinger also - und das mit Nachdruck - denn er spielt seine Rolle brillant, ohne Wulff zu kopieren. Mit dem gescheiterten Politiker hat der 47-jährige Schauspieler und jetzt auch offizielle Lebenspartner von Kollegin Bettina Zimmermann immerhin einiges gemein. Für beide ist Hannover so etwas wie Heimat. Der eine ist dort geboren und aufgewachsen, der andere hat dort als Politiker Karriere gemacht. Anfang der 90er-Jahre begann ihr Aufstieg. Sowohl der von Kai Wiesinger als Schauspieler ("Kleine Haie", 1992) als auch der von Christian Wulff als Politiker (1994 wurde er Landesvorsitzender der CDU in Niedersachsen). Nun spielt der eine Niedersachse den anderen so eindringlich, dass der Zuschauer glaubt, er wäre während der letzten 68 Tage Wulffs als Bundespräsident dabei gewesen. Ein Gespräch über Politiker und Schauspieler sowie das, was die beiden Berufe so unterschiedliche macht. SAT.1 zeigt das Dokudrama "Der Rücktritt" am Dienstag, 25. Februar, um 20.15 Uhr.

teleschau: Wie haben Sie jene letzten 68 Tage von Christian Wulff als Bundespräsident erlebt?

Kai Wiesinger: Es herrschte damals eine komische Stimmung in der Bevölkerung. Man erlebte einen Countdown. Etwas stürzte scheinbar unaufhaltbar in sich zusammen. Ein paar Momente kamen, da dachte ich, das Ganze würde sich beruhigen. Die waren aber nur kurz. Meistens fragte ich mich: Wie lange geht diese Show noch? Ich habe es als extrem entwürdigend wahrgenommen - in jeder Hinsicht. Wir gaben kein gutes Bild ab - in der Hinsicht, wie die Menschen in diesem Land miteinander umgehen. In einem Land, in dem es uns doch eigentlich gut geht. Dass die Würde so verramscht wird. Dass die Leute zugunsten einer guten Story, angeblich im Dienste der Moral, den Spiegel zu Hause nicht mehr betrachten.

teleschau: Sie hatten also Mitleid mit Christian Wulff?

Wiesinger: Ob Mitleid angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Man muss schauen: Wer wird Politiker und warum? Ich sehe fast nur Politiker, die einen enormen Drang zur Macht haben. Die selbst dann an ihren Jobs festhalten, wenn sie keiner mehr haben will. Für mich ist das eine Eigenschaft, die ich kaum nachvollziehbar finde. Ich fand auch das Aussitzen von Helmut Kohl früher zum In-Grund-und-Boden-Schämen.

teleschau: Glauben Sie, dass das politische Amt den Charakter verdirbt? Oder suchen sich nur moralisch schmerzfreie Charaktere diesen Beruf aus?

Wiesinger: Ich glaube, man muss eine gewisse Disposition mitbringen. Der Politiker weiß, mit welchen Mitteln er arbeitet, auf welches Verhalten er zusteuert. Dieses Verhalten, das es ja in vielen Berufen und bei vielen Menschen gibt, liegt mir völlig fern. Ich glaube, es kommt darauf an, mit welcher Art Gewissen man aufwächst. Wie viel Verantwortung man für sein Tun übernimmt und wie viel man glaubt, abgeben zu können. Auch darauf, wie viel Respekt man anderen Menschen entgegenbringt. Oft muss man sich entscheiden zwischen dem Respekt anderen Menschen gegenüber und einem bedingungslosen Verfolgen der eigenen Karriere. Diese Entscheidung fällt jeder unterschiedlich, sonst würden manche Menschen bestimmte Berufe nicht ergreifen können. Ich glaube, Künstler setzen sich in erster Linie damit auseinander, wie sie ihr Leben auf eine Art verstehen können, die uns als Gesellschaft interessiert. Ich versuche durch meine Arbeit, unser Zusammenleben auf irgendeine kreative Art besser statt schlechter werden zu lassen. Menschen, die so ticken wie ich, versuchen Dinge zu schaffen und nicht Geld zu mehren.

teleschau: Es gibt dennoch eine Gemeinsamkeit zwischen dem Job des Politikers und dem des Schauspielers - die Menschen schauen beiden sehr genau dabei zu, was sie tun. Sitzt man dadurch nicht ein bisschen im selben Boot?

Wiesinger: Die Gemeinsamkeit ist rein äußerlich. Schauspieler und Politiker haben kaum etwas miteinander gemein. Politiker sollten für Inhalte stehen, die sie als Mensch zu vertreten haben. Schauspieler stehen für die Kunst. Für Inhalte, die sie sich in der Regel nicht selbst ausgedacht haben. Schauspieler stellen sich in den Dienst einer kulturellen Sache, um Geschichten zu erzählen, auf die wir in der Regel selbst keine Antworten haben. Um Fragen zu stellen, die wir mit dem Publikum vielleicht gemeinsam ergründen möchten. Ein Politiker sollte antreten, um Antworten zu finden. Das sind zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Wir Schauspieler verwandeln uns, unser Leben tritt hinter der Rolle zurück. In der Regel werden wir von einem Regisseur beobachtet, der sagt, was wir zu tun haben. Ein Politiker - die wenigsten tun es - sollte wissen, wovon er spricht. Er sollte seine Meinung, eigene Antworten vertreten und dafür werben. Für mich als Schauspieler reicht es, wenn ich Christian Wulffs Emotionen in jenen letzten 68 Tagen als Präsident nacherlebar und sichtbar mache. Es geht mir nicht um das Aufklären von Geschichte.

teleschau: Spielt man einen Menschen, den fast alle Deutschen gut kennen und von dem sie ein scharfes Bild im Kopf haben, anders als eine fiktive Figur?

Wiesinger: Man hat immer eine andere Verantwortung, wenn man jemanden spielt, den es wirklich gegeben hat oder der sogar noch lebt. Bei diesem Film war es so, dass es nicht unser Ziel war, jemanden zu imitieren. Anja Kling und ich behaupten nicht, wir wären Bettina und Christian Wulff. Es gibt Perücken und Kontaktlinsen, um gewisse Ähnlichkeiten herzustellen, damit für den Zuschauer ein sanfterer Übergang zwischen dokumentarischen und fiktivem Material entsteht. Dennoch war es unsere Aufgabe, diese Figuren zu interpretieren, nicht sie nachzumachen oder zu karikieren. Es ging uns vor allem darum, einer emotionalen Wahrheit nachzuspüren.

teleschau: Haben Sie Christian Wulff trotzdem studiert - als Vorbild für Ihre Arbeit?

Wiesinger: Ich habe mich intensiv mit dem auseinandergesetzt, was passiert ist. Ich habe viel gelesen und eine Menge Interviews mit ihm gesehen. Einfach nur, um ihn kennenzulernen, um zu wissen, dass das, was ich darstelle, eine Mixtur ist aus dem, was ich über ihn erfahren habe und meiner Interpretation davon. Am Ende ist es immer eine Mischung aus mir und einer dargestellten Figur. Trotzdem ist es wichtig, eine solche Figur genau im Kopf zu haben. Allerdings nur als Anleitung dafür, wie ich sie dann spielen möchte. Nicht als Kopiervorlage.

teleschau: Welche Äußerlichkeiten oder Verhaltensweisen haben Sie von Christian Wulff übernommen?

Wiesinger: Absichtlich gar keine. Es gibt einige Bewegungen oder Körperhaltungen von mir in diesem Film, da finde ich eine erstaunliche Ähnlichkeit zu Fotos von Christian Wulff. Sie sind aber aus Zufall, quasi von innen heraus entstanden, weil ich eben viel über ihn weiß. Andererseits habe ich bewusst meine normale Sprache nicht im Geringsten verändert. Ich versuchte weder, sein Sprechen noch seine Körperlichkeit nachzumachen. Gewisse Dinge verselbständigen sich dennoch. So betone ich zum Beispiel in den Szenen, wo der Bundespräsident öffentlich vor einer Menschengruppe spricht, die Worte anders als im Privaten. So etwas kommt sicher vom intensiven Studium dieser dokumentierten Wulff-Szenen. Insgesamt ist alles, was wir im Film zeigen, sehr nah dran am tatsächlichen Geschehen.

teleschau: Können Sie Christian Wulff nach der intensiven Beschäftigung mit ihm besser verstehen?

Wiesinger: Insgesamt verstehen kann ich ihn nicht. Nachvollziehen kann ich dennoch vieles, was er in konkreten Situationen gesagt hat, gedacht oder gefühlt haben mag. Ich möchte so ein Amt nicht haben. Ich will mich auch nicht so verhalten müssen, um ein solches Amt zu bekommen. Ich weiß jedoch um die Unterschiedlichkeit von Selbstbildern. Als ich von Hannover nach München ging, um Schauspieler zu werden, fanden das damals viele recht mutig. Niemand in meinem Umfeld war Schauspieler. Ich habe mein Handeln trotzdem nicht im Geringsten als mutig oder gefährlich empfunden - weil es für mich das Normalste von der Welt war, das zu tun, um mein Ziel zu erreichen.

teleschau: Ist Christian Wulff nicht dennoch - selbst innerhalb des "Menschentypus" Politiker - in einer eigenen Kategorie zu sehen? Wulff sieht sich bis heute als Opfer einer Kampagne ...

Wiesinger: Jeder Mensch schafft sich seine Wahrheit selbst. Die spannendere Frage für uns als Gesellschaft ist doch: Brauchen wir so ein Amt wie das des Bundespräsidenten? Da werden Anforderungen an einen Menschen gestellt, die fast unerfüllbar sind. Eine moralische Instanz, die sich keinen Schritt abseits des geraden Weges erlauben darf - wer soll das sein? Wer einen Menschen schätzt, kann seine Augen zudrücken und die Fehler des anderen in Kauf nehmen. Jeder hat aber irgendwelche Fehler und verhält sich eben auch hin und wieder falsch. Dazu kommt: Moral wird von Menschen unterschiedlich erschaffen - im Gegensatz zur Ethik. Was hierzulande moralisch zu verurteilen ist, könnte im Nachbarland völlig okay sein. Wer will das beurteilen? Natürlich müssen wir aufpassen, dass Politiker nicht korrumpierbar sind. Aber wo fängt man an, und wo werden die Dinge lächerlich?

teleschau: Wie empfanden Sie das bei Wulff?

Wiesinger: Christian Wulff hat im Amt die Messlatte an andere recht hoch angesetzt. Im Vergleich dazu hat er sich schlecht verhalten, sich dazu unter Druck ein paarmal ungeschickt geäußert. Das war sein Vergehen, das hat ihm das Genick gebrochen. Etwas wirklich Schlimmes hat er nicht getan. Insofern ist er in einen Strudel geraten, der bodenlos war. Es herrschte eine solche Anti-Wulff-Euphorie, eine mediale Treibjagd, dass eine Wahrheit geschaffen wurde, die weit über die empfundene Realität der Bevölkerung hinausging.

teleschau: Trotz der Medienkampagne hat das Thema die Bevölkerung aber tatsächlich bewegt. Viele Leute beschäftigten sich leidenschaftlich damit, selbst die ansonsten eher unpolitischen. Warum hat die Causa Wulff derart elektrisiert?

Wiesinger: Ich fand dies auch erschreckend und wollte meine Aussagen nicht als reine Medienschelte verstanden wissen. Der Film erzählt eine Parabel auf den Zustand unserer Gesellschaft, in der so etwas einfach ziemlich schnell passieren kann. Wo eine Skandalisierung plötzlich zum Allgemeingut wird. Jeder wurde auf einmal zum Moralisten. Dies wurde aber nur möglich, weil es dieses merkwürdige Amt gibt. Wir müssen generell darüber nachdenken, wie wir zusammenleben wollen. Dieses ständige Sich-auf-die-Finger-schauen und dass man immer das Schlechte beim anderen sucht - da hat sich etwas ergeben, das nicht gesund ist. Wir sollten alle liebevoller und deutlich toleranter miteinander umgehen. Natürlich ist das ein etwas merkwürdiger Aufruf in manchen Bereichen, wenn wir zum Beispiel über Steuergesetze reden (lacht). Trotzdem herrscht bei uns ein Geist piefiger Kleinlichkeit, den ich nicht mag und der uns allen nicht gut tut.

teleschau: Sie streiten Gemeinsamkeiten zwischen Politikern und Schauspielern ab. Haben beide Berufe nicht zumindest den Star-Faktor gemeinsam? Dieses Gläserne im eigenen Leben, zu dem man sich ja irgendwie verhalten muss...

Wiesinger: Natürlich gibt es diese Parallele. Alle Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen sich überlegen, wie sie mit den Medien umgehen. Vor allem dann, wenn sie einen nicht in Ruhe lassen. Ich habe für mich die Strategie gefunden, gar nicht mehr über mein Privatleben zu reden.

Quelle: teleschau - der mediendienst