Rosalie Thomass

Rosalie Thomass





Bloß nicht erwachsen werden

Rosalie Thomass gehört zu den aufregendsten Jungschauspielerinnen Deutschlands. Mit ihren 26 Jahren stand sie bereits neben Götz George, Christoph Maria Herbst und Jürgen Vogel vor der Kamera. Am Mittwoch, 19. Februar, 20.15 Uhr, übernimmt sie im ARD-Fernsehfilm "Weiter als der Ozean" die Hauptrolle und schlüpft dazu in die Haut einer Kindertherapeutin namens Judith. Was die Grimme-Preisträgerin bei den Dreharbeiten über sich und ihre Generation der "um die 30-Jährigen" gelernt hat und warum sie nicht erwachsen werden möchte, verrät sie im Interview.

teleschau: Was hat Sie an Judiths Charakter interessiert?

Rosalie Thomass: Mich faszinierte die Lebenswelt einer Psychologin, aber auch der Umstand, dass sie sich mit Kindern beschäftigt, da ich selbst noch keine habe und im Alltag wenig mit Kindern in Kontakt komme. Ich mag den Idealismus, das Kämpferische, aber auch das Naive an Judith. Sie will ja eigentlich, dass es ihr gut geht, nach vorne schauen und sich das auch dadurch nicht kaputt machen lassen, dass ihr Freund nicht mit nach Berlin kommt.

teleschau: Setzten Sie sich im Vorfeld mit Psychologie auseinander?

Thomass: Ich traf mich mit einer Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, die bereits der Drehbuchautorin Beate Langmaack zur Seite stand. Diese Gespräche waren sehr wertvoll, um mich auf die Rolle vorzubereiten.

teleschau: Judith ist, genau wie Sie, aus beruflichen Gründen nach Berlin gezogen. Können Sie sich mit ihrer Situation identifizieren?

Thomass: Mit meiner eigenen Welt hat das wenig zu tun, ich arbeite mittlerweile schon seit zehn Jahren als Schauspielerin und ich bin aus privaten Gründen nach Berlin gekommen. Zwar versuche ich auch, mir das Arglose und Unbekümmerte zu bewahren, doch fühle ich mich nicht so verloren wie Judith. Ich beobachte das in meinem Freundeskreis, dass die Entscheidungen, die man mit Mitte- bis Ende 20 trifft, viel wichtiger und größer geworden sind und dass eine gewisse Orientierungslosigkeit vorhanden ist.

teleschau: Wie äußert sich das?

Thomass: Meiner Generation geht es eigentlich sehr gut, dennoch existiert eine große Verunsicherung: Wie möchte man leben und wo, geht man eine Partnerschaft ein, kriegt man das alles überhaupt hin, ist man für Kinder bereit, wie läuft es finanziell, hat man überhaupt den richtigen Beruf gewählt? Diese Phase des Lebens ist so viel spannender und schwieriger als die Pubertät, von der sonst immer behauptet wird, sie sei der schwierigste Moment in der Entwicklung.

teleschau: Judith hat damit zu kämpfen, dass ältere Menschen sie als Berufsanfängerin nicht ganz ernst nehmen. Werden Sie auch noch als Jugendliche wahrgenommen?

Thomass: Je älter ich werde, desto ernster werde ich genommen. Andererseits ist es mir relativ egal, ob die Leute mich für voll nehmen, da das ja immer im Auge des Betrachters liegt. Mir ist es wichtig, dass man auch in der Jugend Meinung und Haltung haben darf, die sich aber auch verändern können. Es ist schade, wenn einem gesagt wird, dass man aufgrund seiner Jugend überhaupt noch nicht wissen könne, wie die Welt funktioniert.

teleschau: Haben Sie keine Sorgen, dass Sie in 30 Jahren selbst auf der Seite derer stehen, die über die Jugend wettert?

Thomass: Na ja, in 30 Jahren weiß ich ja auch nicht, wie die junge Generation funktioniert. Aber ich kann zumindest nachfragen und mir selbst ein Bild von den jungen Menschen machen.

teleschau: Liegt darin das Problem, dass die Generationen sich gegenseitig zu wenig zuhören?

Thomass: Ich versuche ganz viel zuzuhören, das bringt auch mein Beruf mit sich. Viele der Menschen in meinem beruflichen Umfeld sind - noch - älter als ich. Ich bin ganz viel am Gucken, Staunen und Lernen.

teleschau: Hörten Ihnen am Set von "Weiter als der Ozean" die Kinderdarsteller eigentlich zu und wollten von Ihnen lernen?

Thomass: Es gibt viele Geschichten, dass es schwer sei, mit Kindern zu drehen. Aber ich genoss es sehr, was vielleicht auch mit meiner Rolle zusammenhängen könnte. Berufsbedingt hört Judith den Kindern zu und gibt ihnen den Raum, den sie brauchen, um sich zu entfalten. Schauspielerisch war das eine ganz besonders schöne Aufgabe, da ich weniger auf mich selbst achtete, sondern mich ganz auf den kleinen Menschen vor mir einließ. Mit erwachsenen Schauspielern ist das oft komplizierter.

teleschau: Worin besteht der Unterschied zwischen dem Spiel mit Erwachsenen und Kindern?

Thomass: Erwachsene sind eigentlich recht albern, da sie sich immer erzwungen Mühe geben, ihre eigentlichen Intentionen und Gefühle zu verstecken. Kinder sind da erfrischend, weil sie eben sind, wie sie sind. Ich schaute ihnen zu, reagierte dementsprechend und nahm sie so, wie sie mit mir umzugehen gedachten.

teleschau: Luis August Kurecki war mit seinen knapp sieben Jahren der Jüngste am Set. Auf Regieanweisungen wird er noch wenig geben ...

Thomass: Wir hatten immer zwei Kameras vor Ort, die bei seinen Szenen durchliefen. War er kurz abgelenkt, konnte ich dann einfach irgendwann wieder mit meinem Text einsteigen und versuchen, mit ihm weiterzuspielen. Mit Kindern am Set herrscht automatisch eine enorme Ruhe und Konzentration, wovon auch ich profitierte.

teleschau: Gibt es etwas, für das Sie sich mittlerweile zu alt halten?

Thomass: Zu alt? Himmel, nein (lacht).

teleschau: Umkehrfrage: Für was fühlen Sie sich zu jung?

Thomass: Alter ist ein komischer Begriff, der unglaublich relativ aufgefasst wird. Die Bilder in der Gesellschaft, die einem sagen, was für das eigene Alter "angemessen" sei, die bringen einen durcheinander. Mal fühle ich mich eben alt, und mal ganz jung. Das schwankt.

teleschau: Was bedeutet erwachsen zu sein?

Thomass: Weiß ich nicht, ich bin nicht erwachsen (lacht). Ich kann zwar selbst entscheiden und die Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehmen, aber das ist doch auch Fluch und Segen zugleich.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Thomass: Es ist großartig, das Leben in der eigenen Hand zu halten und überlegen zu können, wie ich es gestalte und was ich dafür tun muss, damit es mir und meinem Umfeld gutgeht. Diese Entscheidungsfreiheit kann einen durchaus auch mal überfordern. Ich weiß gar nicht, ob das Erwachsensein als Zustand erstrebenswert ist oder ob man nicht viel lieber im permanenten Wachstum bleiben sollte.

teleschau: Setzen Sie sich selbst unter Druck?

Thomass: Ja, das schon, aber auch das ist meine Eigenverantwortung und nicht durch außen beeinflusst. Die Gesellschaft sagte mir bis jetzt noch nicht, was ich zu erreichen habe. Das war schon immer ich selbst. Ich erwarte von mir sehr viel.

teleschau: Hatten Sie am Anfang Ihrer Karriere einen Mentor, der Sie an die Hand nahm?

Thomass: Ich hatte viele Menschen, die mich auf meinem Weg begleiteten - sei es Castingagenten, Regisseure, andere Schauspieler und Theatergruppenleiter - und mir ihre Erfahrungen mitgaben.

teleschau: Sind Sie vielleicht selbst schon für jemanden eine Mentorin?

Thomass: Das wäre mir zu vermessen, mich selbst als Mentorin für jemanden zu bezeichnen. Ich fühle mich selbst eher noch so, dass ich nicht alles weiß und selbst viel lernen muss.

Quelle: teleschau - der mediendienst