Katharina Wackernagel

Katharina Wackernagel





Langzeitstudie zur Liebe

Sie ist eine der Schwerstarbeiterinnen im deutschen TV. Katharina Wackernagel (35) spielt etwa fünf Fernsehhauptrollen im Jahr. Dabei trifft sie meist die richtigen Entscheidungen. Ob im politisch umkämpften Zweiteiler "Contergan", dem Drama "Herbstkind" über das Tabuthema postnatale Depression oder der ZDF-Krimireihe "Stralsund" - die gebürtige Freiburgerin spielt in Filmen, die bei Publikum und Kritik gleichermaßen ankommen. Auf dem Schmonzetten-Sendeplatz der ARD, freitags, 20.15 Uhr, hätte man Katharina Wackernagel bislang jedoch nicht vermutet. Dort findet allerdings gerade ein sanfter "Facelift" in Richtung Qualität statt, was einen leichten, aber sicher nicht dummen Film wie "Immer wieder anders" (21. Februar, 20.15 Uhr) möglich machte.

teleschau: "Immer wieder anders" ist weder Krimi noch Komödie, kein klassischer Problemfilm, aber auch keine Schmonzette. Gibt es einen Namen für dieses Genre?

Katharina Wackernagel: Den Film einzuordnen, fällt in der Tat schwer. Vielleicht trifft es der Begriff "moderner Familienfilm". Er erzählt eine sehr geerdete Geschichte aus dem normalen Leben. Genau das fand ich gut an dem Projekt. Es gefiel mir, dass hier zwei Menschen über eine Strecke von etwa zehn Jahren begleitet werden. Es wird eine Trennung erzählt und ein paar versuchte Neustarts. Schließlich die Idee, dass der Andere doch irgendwie zu einem gehört. Manche behaupten, der Mensch verändere sich zwischen Anfang 30 und Anfang 40 nicht so gravierend - das sehe ich anders. Wir befinden uns in einer fortlaufenden Entwicklung und Veränderung! Gerade auch in dem beschriebenen Lebensalter...

teleschau: Ein wichtiges Thema des Films ist die Ungleichzeitigkeit von Liebe. Man hat ein Haus und zwei Kinder. Doch mal will sich der eine nicht so recht mit diesem Szenario anfreunden, mal die andere. Ein realistisches Beziehungs-Problem?

Katharina Wackernagel: Ich glaube, ja. Man hat sich füreinander entschieden und weiß, dass man einander liebt. Trotzdem gibt es ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Katja, meine Rolle, braucht ihn als festen Partner an ihrer Seite für dieses Familien- und Hausprojekt. Er will zu diesem Zeitpunkt aber jemanden, mit dem er Spaß und ein schönes Leben haben kann. Beides sind legitime Bedürfnisse, aber sie passen nicht zueinander. Deshalb trennt man sich. Ich glaube, dass es diese Asynchronität von Bedürfnissen ganz oft in Liebesbeziehungen gibt, in Filmen aber recht selten davon erzählt wird.

teleschau: Ihr Mann, gespielt von Barnaby Metschurat, ist der große Junge in dieser Geschichte. Katja hingegen gibt mit Lehrerinnen-Job und Eigenheim die stabile Größe. Ist das nicht ein bisschen klischeehaft? Sind Männer tatsächlich so unreif wie im Film beschrieben?

Katharina Wackernagel: Ich denke tatsächlich, dass Frauen oft reifer sind als Männer.

teleschau: Aber was ist Reife?

Katharina Wackernagel: Eine gute Frage! Vielleicht ist es die Fähigkeit, das große Ganze zu sehen. Während Männer ihr Leben mehr Stück für Stück begreifen. Sie haben oft auch gar nicht die Sehnsucht nach dem großen Überblick, während viele Frauen intensiv nach diesem Überbau suchen. Frauen versuchen, alles im Griff zu haben und arbeiten sich stärker an Begriffen wie Familie oder Zukunft ab. Natürlich ist die Reaktion meiner Figur, dass sie gleich die Scheidung einreicht, als sie betrogen wird, nicht besonders reif. Aber da hat sie eben einen wunden Punkt in ihrer Biografie. Ansonsten ist Katja aber tatsächlich sehr kopfgesteuert. Es gibt eine Szene, da baut sie das Modell einer Bank, um daraus später eine richtige Bank zu fertigen. Dieser Wunsch, alles ganz genau zu planen, hat ihren Mann überrollt und in die Flucht geschlagen, denke ich.

teleschau: Ist es realistisch, dass Katja und Jan es mit ihrer gescheiterten Beziehung nach zehn Jahren Trennung noch einmal versuchen?

Katharina Wackernagel: Das wird ja offen gelassen. Natürlich kann keiner sagen, ob sich Jan und Katja nach zehn Jahren - die Kinder sind mittlerweile fast aus dem Haus - in diesem reaktivierten, alten Leben wohlfühlen werden. Aber vielleicht versuchen sie es auch ganz anders - denn beide haben sich verändert. Ich kenne Leute, die sich bis aufs Blut zerstritten und mehrere Jahre aus den Augen verloren haben. Und danach feststellten, dass man sich immer noch total liebt. Dabei spielen auch die gemeinsamen Kinder eine große Rolle. Über die ist man ein Leben lang verbunden. Es wäre Menschen, die Kinder haben, zu wünschen, dass sie sich gegenseitig immer wieder die Chance geben, sich neu zu begegnen. Deshalb muss man nicht zwanghaft an einem Familienidyll festhalten, das manchmal eben einfach nicht funktioniert.

teleschau: Der ARD-Sendeplatz am Freitag verändert sich. Achten Sie darauf, für welchen Sendeplatz ein Film gedreht wird?

Katharina Wackernagel: Inzwischen spielt das bei mir schon eine Rolle. Früher habe ich mich mit solchen Fragen überhaupt nicht beschäftigt. Da habe ich nur das Buch gelesen und gesagt: Ich will das machen. Heute weiß ich, ARD, Freitagabend, 20.15 Uhr - das stand für eine gewisse Seichtheit. Wenn man so denkt, kann man das natürlich nicht machen. Dann brauche ich auch das Buch gar nicht zu lesen. Letzteres ist mir bei der Entscheidung für oder gegen einen Film aber immer noch am wichtigsten. Manchmal wundere ich mich später, wenn ein Film fertig ist: zum Beispiel, was die Musik oder den Schnitt betrifft.

teleschau: Täuscht es oder spielen Sie in den letzten Jahren ungewöhnlich viele Rollen in TV-Filmen?

Katharina Wackernagel: Nein, das täuscht nicht. In den letzten fünf Jahren habe ich tatsächlich viel gedreht.

teleschau: Was ist für Sie viel?

Katharina Wackernagel: Vier bis fünf Filme pro Jahr - mit einer großen Rolle.

teleschau: Haben Sie sich schon mal müde in Ihrem Job gefühlt? So wie ein Hamster in einem Rad?

Katharina Wackernagel: Müde, so wie Sie es meinen, war ich nie. Ich war bei Drehs höchstens ab und zu schläfrig. Weil man so abhängig vom Tageslicht ist und deshalb im Sommer sehr früh am Morgen mit der Arbeit beginnt. Wenn es nach mir ginge, würde ich sowieso nur in Vampirfilmen mitspielen (lacht). Ich bin Nachtmensch! Aber nein, mein Job eröffnet mir ja mit jedem Film wieder neue Möglichkeiten, und in der Abwechslung liegt der Reiz. Ich hätte weder Lust, fünf "Stralsund"-Krimis pro Jahr zu drehen, noch fünf "Contergan"-Dramen, obwohl das eine wahnsinnig tolle Rolle war. Der Wunsch nach Abwechslung ist der Grund, warum ich so viel annehme. Jeder Film kann eine spannende neue Farbe sein, die ich so noch nicht hatte und die mich einfach neugierig macht. Klar könnte man sagen: Lass das mal, mach lieber Urlaub! Aber so ticke ich eben nicht.

teleschau: Hätten Sie Lust, sich als Produzentin oder Regisseurin auszuprobieren?

Katharina Wackernagel: Ich produziere tatsächlich jetzt im Februar einen Film mit meinem Bruder zusammen, der ja Regisseur und Autor ist. Jonas Grosch heißt er.

teleschau: Sie haben viele Jahre zusammen in Berlin gewohnt.

Katharina Wackernagel: Das stimmt, aber unsere gemeinsame WG ist mittlerweile aufgelöst - weil mein Bruder mit seiner Freundin zusammengezogen ist. Unsere Arbeitsgemeinschaft bleibt jedoch bestehen, weil mein Bruder ein Büro in meiner neuen Wohnung hat, die auch direkt um die Ecke seiner Wohnung liegt. Wir bleiben also eng verbunden und darüber freuen wir uns.

teleschau: Und wie war das mit der Regie?

Katharina Wackernagel: Auch das würde mich eines Tages sehr reizen. Aber das braucht noch ein bisschen. Wenn ich mir die vier Filme anschaue, die ich 2013 gedreht habe, muss ich sagen: Ich habe es erfolgreich vermieden, immer die gleiche oder eine ähnliche Rolle zu spielen. Ich bin eben nicht festgelegt auf die Hausfrau und Mutter, den Vamp oder sonst etwas. Das allein ist schon mal ein großer Erfolg, finde ich.

teleschau: Was wünschen Sie sich vom deutschen Fernsehen?

Katharina Wackernagel: Drehbücher, die sich mehr trauen. Unsere Erzählformen sind mir derzeit zu normiert. Vielleicht ist es eine Art vorauseilender Gehorsam, weil die Autoren wissen, was in den letzten Jahren bei Redakteuren und beim Publikum funktioniert hat. Durch die Wiederholung von Erzählweisen glaubt man manchmal, dass man einen neuen Film eigentlich schon mal gesehen hat. Das ist schade, da wünsche ich mir mehr Mut, Dinge anders zu erzählen. Aber sehen Sie, das ist dann auch ein Vorteil, wenn man viel arbeitet: Ich treffe viele Leute, die beim Film Verantwortung tragen und kann mit ihnen über solche Sachen reden!

Quelle: teleschau - der mediendienst