Christian Rach

Christian Rach





Der öffentlich-rechtliche Rach

War er nicht schon immer ein bisschen öffentlich-rechtlich? Christian Rach, der seit 2005 bei RTL unter dem stets irreführenden Titel "Der Restauranttester" firmierte und erstaunliche Quotenerfolge feierte - obwohl er doch eigentlich als kluger Sozialarbeiter und Küchen-Psychotherapeut arbeitete. Nach acht Jahren beim Privatfernsehen, wo er in zwei Staffeln auch das soziale Gastro-Experiment "Rachs Restaurantschule" anstieß, wechselt der 56 Jahre alte Hamburger Koch nun zum ZDF. Nur kochen, das wird er auch in der Sendung "Racht tischt auf!" (Donnerstag, 20. Februar, 20.15 Uhr) nicht.

teleschau: "Rach tischt auf!" ist Ihre erste Sendung fürs ZDF. Worum geht es?

Christian Rach: Wir wollen Fragen rund ums Essen und Ernährung beantworten, die uns Zuschauer gestellt haben. Vor der Sendung gab es einen großen Aufruf, uns solche Fragen zu schicken. Wir bezeichnen das Ganze deshalb als Infotainment-Show, bei der wir keine pädagogisch-moralische Soße mit erhobenem Zeigefinger über dem Zuschauer auskippen wollen. Es ist eine Unterhaltungssendung, die wir live vor Publikum aufzeichnen. In der Hamburger Fischauktionshalle - das war mein ganz persönlicher Wunsch. Weil ich diese großen Studios mit viel Pappmaché und Diskobeleuchtung nicht leiden kann. Ich mag reale Orte, die das Leben atmen.

teleschau: Auf welche Weise wollen Sie Ihr Publikum unterhalten?

Rach: Zum Beispiel durch viele kleine Experimente, die ich auf der Bühne mache. Auch dadurch, dass ich ergebnisoffen an die Fragen der Leute herangehe. Es gibt also keine Redaktions- oder Fachmeinung, die ich einfach zu belegen suche, sondern ich probiere die Dinge tatsächlich aus.

teleschau: Geben Sie doch mal ein Beispiel für ein solches Experiment ...

Rach: Also - es geht nicht darum, wie Ranga Yogeshwar physikalisch zu experimentieren. Was ich mache, ist zum Beispiel in eine Aquakultur zu gehen, um zu überprüfen, ob deren schlechter Ruf gerechtfertigt ist. Ist der Fisch, der von dort kommt, tatsächlich weniger gesund oder schmackhaft? Bei diesen Reisen und Experimenten habe ich viele Dinge gelernt, die für mich selbst sehr überraschend waren. Und die ich vor allem noch nicht im Fernsehen gesehen habe ...

teleschau: Sie zeigen also Filmbeiträge, beziehen aber auch das Publikum in die Show mit ein?

Rach: Ich werde mit dem Publikum in Kontakt treten, andererseits bin ich kein Showmeister. Ich will das übrigens auch nicht werden. Es wird keine Drehtür geben, durch die ich gehe und auch keinen rosa glänzenden Anzug. Was ich kann: offen und ungekünstelt auf die Menschen zugehen. Ich werde auch beim ZDF so sein, wie Sie mich von anderen Sendungen kennen. Es gibt kein Casting, kein Drehbuch und keine Aufgabe, die ich im Sinne des Formats zu erfüllen habe. So habe ich es immer gehalten, und dabei bleibt es auch.

teleschau: In den letzten Jahren gab es sehr viele Sendungen im deutschen Fernsehen, die sich mit Ernährung beschäftigten. Fast müsste man meinen, dass längst alle Fragen um dieses Thema beantwortet sind ...

Rach: Das würde ich nicht sagen. Die Menschen beschäftigen sich heute mit ziemlich komplexen Fragen, wenn es um Ernährung geht. Früher gab es ein paar einfache Regeln und viel Nichtwissen. Mit der zunehmenden Fähigkeit der Menschen, sich zu informieren, steigt der Anspruch. Viele Verbraucher sind im positiven Sinne kritisch. Vor Kurzem las ich den neuen Fleischreport für das Jahr 2013. Es ist unglaublich, was in Deutschland an Tieren geschlachtet wird und wie viel Fleisch wir essen. Da stelle ich die Frage: Gibt es Alternativen, und wie sehen sie aus? Oder nehmen Sie das Thema Zucker, worüber neulich auch bei Plasberg diskutiert wurde. Soll man vor Zucker warnen mit großen Schriften auf der Verpackung, so wie man es bei Zigaretten macht? Ich bin übrigens nicht dafür. Beim Thema Ernährung geht es um viele hochkomplexe, wichtige gesellschaftliche Fragen. Dazu kommt: Die Materie ist ständig im Fluss. Deshalb denke ich, dass wir keineswegs zu viel über Ernährung im Fernsehen reden.

teleschau: Aber müsste man die Lebensmittelindustrie nicht aggressiver angehen, da sie ja - zum Beispiel beim versteckten Zucker im Essen - den Verbraucher mutwillig hinters Licht führt?

Rach: Ich halte nichts vom Industrie-Bashing, weil es meiner Meinung nach nicht zu dem Ziel führt, gesündere Lebensmittel herzustellen. Besser finde ich es, wenn wir versuchen, Zusammenhänge zu verstehen und herausfinden, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Auf dieser Basis hat man einfach mehr Handlungsmöglichkeiten. Ich frage mich beispielsweise, warum so unglaublich viel Brot hergestellt wird, das keiner isst und das am Ende des Tages weggeworfen wird. Hängt das an den Mietverträgen der Bäcker? Daran, dass die verpflichtet sind, bis kurz vor Ladenschluss ein breites Angebot vorzuweisen? Man muss solche Zusammenhänge verstehen, um Lösungen zu finden.

teleschau: Sie beschäftigen sich in der Sendung auch mit dem Einkaufsverhalten von Kindern. Was hat Sie daran interessiert?

Rach: An dieser Geschichte sind wir gerade dran, das Thema ist also noch nicht abgeschlossen. Uns interessiert vor allem dieser Wendepunkt, wenn Kinder das vorgelebte Einkaufsverhalten der Eltern ablegen und selbst Entscheidungen treffen. Was passiert da genau, auf welche Reize reagieren Kinder? Ich bin selbst gespannt, was wir dabei noch herausfinden werden.

teleschau: Welche Themen sind für die Deutschen derzeit am wichtigsten, wenn es um Ernährung geht?

Rach: Am wichtigsten ist Transparenz. Die Leute wollen die Dinge verstehen. Was ich feststelle: Viele Firmen haben Schwierigkeiten, mit der Geschwindigkeit des Informationsflusses mitzuhalten. Die Hersteller können Ihre Produkte gar nicht so schnell verändern, wie die Menschen sie zu Hause beispielsweise übers Internet verstehen und zu kritisieren lernen. Es wird auch weiterhin eine Lebensmittelindustrie geben. Wir können nicht 80 Millionen Deutsche aus dem Vorgarten heraus ernähren. Wir brauchen also eine vernünftige Lebensmittelindustrie und die haben wir eigentlich auch, denn es gibt ja alles bei uns. Nur die Transparenz fehlt eben. Der Verbraucher muss wissen: Was ist im Essen drin, wo kommt es her, und was passiert damit, wenn es nicht gegessen wird? An der Beantwortung dieser Fragen müssen wir arbeiten. Am besten mit der Industrie zusammen, natürlich aber auch durch journalistische Aufklärung.

teleschau: Gibt es eine Schieflage zwischen der Informiertheit des Verbrauchers und der Bereitschaft, das eigene Verhalten zu ändern?

Rach: Ich glaube schon, ja. Drastische Bilder aus einem Schweinestall abends im Fernsehen führen kaum dazu, dass am nächsten Tag weniger Fleisch gekauft wird. Qualitativ gutes Essen hat eben seinen Preis. Die Deutschen sind zwar über die Medien über solche Zusammenhänge informiert, im Supermarkt entscheidet dann aber doch der Geldbeutel. Die Deutschen verbrauchen nur etwa elf Prozent ihres verfügbaren Nettoeinkommens für Lebensmittel, bei den Franzosen sind es über 30 Prozent.

teleschau: Sind die Deutschen in puncto Ernährung vor allem gute Verdränger?

Rach: So könnte man es zusammenfassen. Deshalb glaube ich, dass man diese Zusammenhänge auch am besten über Unterhaltung in den Köpfen verankert. Das scheint mir effizienter, als nur auf die Strahlkraft von Nachrichten zu setzen oder an das schlechte Gewissen zu appellieren.

teleschau: Haben die vielen Sendungen über Ernährung in den letzten Jahren denn gar nichts gebracht, wenn wir über Verhaltensänderung sprechen?

Rach: Ich denke schon, dass eine Menge wichtiger Fragen rund um Ernährung mittlerweile in den Köpfen umherschwirren, die aber noch weiter geformt und verankert werden müssen. Wir haben uns ja seit ein, zwei Generationen gar nicht mehr mit Lebensmitteln beschäftigt. Das Wissen über unser Essen war lange Zeit gleich null. Unsere Mütter oder Großmütter hatten noch Hauswirtschaftlehre als Unterrichtsfach in der Schule - da hat man sich auch mit Lebensmitteln und dem Kochen beschäftigt. Heute leben wir im Zeitalter der Emanzipation, was richtig und wichtig ist. Trotzdem ist durch die Abschaffung solch konservativ klingender Unterrichtsinhalte wie Hauswirtschaftslehre viel tradiertes Wissen verloren gegangen. Wir glauben heute, alle Nahrungsmittel sofort verfügbar haben zu müssen, sind aber nicht mehr in der Lage, diese Lebensmittel selbst herzustellen. Das Bewusstsein für das Produkt ist verloren gegangen, da müssen wir die Menschen erst langsam wieder heranführen.

teleschau: Vermissen Sie Ihre alte Sendung "Rach, der Restauranttester", die Sie sehr lange gemacht haben?

Rach: Ja, es waren acht Jahre. Und: Nein, ich vermisse das überhaupt nicht. Wir haben in der Sendung weit über 60 Fälle gezeigt und viele dieser Restaurants sind heute noch am Markt. Mit einigen Betreibern bin ich noch privat in gutem Kontakt. Trotzdem muss man jedes Format irgendwann beenden. Unser Fernsehen leidet ohnehin darunter, dass man zu lange an den Dingen festhält, anstatt schneller etwas Neues zu erfinden.

teleschau: Was werden Sie nach "Rach tischt auf!" beim ZDF machen?

Rach: Meine Stärke ist der Umgang mit Menschen. Wir entwickeln gerade neue Formate für den Sommer. Vielleicht kann ich Ende Februar schon mehr sagen. Es wird jedoch keine Rach-Flut beim ZDF geben, ich werde sicher nicht jede Woche auf Sendung sein.

teleschau: Wird man Sie auch mal kochen sehen?

Rach: Ich war noch nie in meiner Karriere in einer Fernsehkochsendung. Dabei wird es auch bleiben. Wenn Sie mich im Fernsehen kochen gesehen haben, waren das höchstens mal zwei oder drei Minuten im Rahmen einer Sendung, um zu demonstrieren, wie man etwas anders und besser machen kann. Es gibt genügend Kollegen, die das mit dem Kochen im TV hervorragend machen, da muss ich nicht die Nummer 27 werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst