Gerhard Polt

Gerhard Polt





"Bin ich Subjekt? Bin ich Objekt?"

Gerhard Polt ist eine feste Größe der deutschen Bühnen-, Film- und Literaturlandschaft und entzieht sich dabei konsequent der Einordnung in ein Genre. Kabarettist, Satiriker, Komödiant? Der "Darsteller", wie er sich selbst am liebsten beschreibt, beschenkt sein Publikum seit rund 40 Jahren immer wieder mit einzigartigen Charakteren. Pointiert zeigt er, was den Kleingeist in seinem Innersten antreibt - und das bewegt sich nicht selten auf einem schmalen Grat zwischen Einfalt und Wahnwitz. Mit 71 Jahren hat er nun gemeinsam mit dem Regisseur und Drehbuchautor Frederick Baker einen neuen Film fertiggestellt. Die Realsatire "Und Äktschn!" um den Provinzler Hans A. Pospiech, der sein Glück in der Welt des Amateurfilms sucht, startet am 6. Februar in den Kinos. Wir sprachen mit Gerhard Polt über "Und Äktschn!" und was Glück überhaupt ausmacht.

teleschau: Ihr neuer Film ist fertig, viel Arbeit liegt hinter Ihnen. Nun steht der Kinostart an. Verspüren Sie in Momenten wie diesen Glück?

Gerhard Polt: Es ist für mich ein Glückszustand insofern, dass ich mich freue, dass Frederick Baker und ich zusammen Vorstellungen entwickelt haben, die sich dann auch realisieren ließen. Wir mussten keine Abstriche machen. Das ist schon einmal sehr viel wert.

teleschau: Ist das Glück? Oder eher Erleichterung?

Polt: Beides. Wenn man erleichtert ist, ist das ja auch ein Glücksmoment. Beim Film muss viel zusammenkommen, damit sich dieses ganze Uhrwerk dreht: Dir müssen zum richtigen Zeitpunkt die Schauspieler zur Verfügung stehen. Dazu muss die Finanzierung klappen. Das alles ist wesentlich komplizierter als beim Schreiben eines Buches. Da bin ich allein, schreibe die Seiten, und dann kann man sie drucken.

teleschau: Eine Filmfinanzierung auf die Beine zu stellen, ist demnach eine besondere Herausforderung ...

Polt: Das ist eine Kunst, die wenige können. In der Vergangenheit wurde ich einige Male gefragt, warum ich nicht wieder mal einen Film mache. Sag ich: "Sie, ich mach ja nicht einfach einen Film!". Ein Film macht sich auch nicht von allein. Da brauche ich Leute, die ihn ermöglichen. Ganze Konzepte wollen die dann. Dazu kommt, dass ich ja über 70 Jahre alt bin. Da heißt es oft: "Warum kriegt der alte Dackel überhaupt noch Geld?". Stimmt ja auch, es gibt schließlich auch junge Leute, die einen Film machen wollen.

teleschau: Fragen Sie sich manchmal, ob die Figuren, die Sie darstellen, glücklich sind?

Polt: Die sind oft glücklich - wenn auch auf einer abenteuerlichen Grundlage. Das ist es, was mir an diesen Figuren gefällt und es ist einer der Gründe, warum ich sie darstelle. Sie kommen mit ihrer Meinung durch, weil ihnen keiner widerspricht. Sie ruhen in sich und sind nicht von Selbstzweifeln geplagt. Sie werden unterstützt. Und sie sind eigentlich sympathisch, obwohl es aus der Sicht des Betrachters zum Teil ungeheuerlich ist, was sie sagen und tun. Aber sie selbst sind relativ intakte Persönlichkeiten.

teleschau: Spielt eine gewisse Oberflächlichkeit eine Rolle?

Polt: Oberflächlichkeit ist unter Umständen ein sehr gutes Mittel, um glücklich zu sein. Denken Sie an den berühmten Sonnyboy, der quietschend und pfeifend durch die Gegend geht und sich einen Dreck kümmert. Der will sich nicht belasten. Der ist glücklich, aber halt oberflächlich. Für manche Leute ist das vielleicht ganz gut, um über die Runden zu kommen.

teleschau: In Hans A. Pospiech, dem Protagonisten Ihres neuen Films, verbinden sich Mittelmäßigkeit und Selbstüberzeugung auf geradezu unerhörte Weise. Ein Phänomen, das sich allerorten beobachten lässt ...

Polt: Ja, die Kraft der Banalität. Es geht um die Leute, die eigentlich Banales machen, Banales wollen, aber das als großartig hochspielen und glauben, sie haben das Wasser neu erfunden. Leute, die mit ihrer Mediokrität voll zufrieden sind. Da gibt's doch das schöne Beispiel von dem Mann, der auszog, das Fürchten zu lernen. Diese Leute ziehen aus, aber sie lernen's nie. Die scheuen vor nichts zurück. Alles ist machbar, alles ist möglich.

teleschau: Den Pospiech erträgt man ja nur, weil er so überzeichnet und humorig dargestellt ist.

Polt: Sonst wär's ja fürchterlich ...

teleschau: ... aber andererseits ist er auch liebenswert.

Polt: So ist es. Aber alles, was er macht, ist Pfusch, Blödsinn, eine Kette von Unsäglichkeiten.

teleschau: Und das bekommt auch seine Frau zu spüren. "Ich habe 30 Jahre eine Ehe aufrechterhalten", sagt er, aber letztlich hat er sich für den Amateurfilm entschieden.

Polt: Genau so sieht der das. Für ihn ist die Frau abgeschrieben. Manchmal ist sie noch lästig, irgendwo am Rande. Aber eigentlich will er sie wegkriegen.

teleschau: Sie selbst sind seit 42 Jahren verheiratet. Was braucht es, um so lange miteinander glücklich zu sein?

Polt: Es braucht zwei! Zwei, die immer bereit sind, in ihrem Ego und ihren Zielsetzungen flexibel nachzugeben. Oder auch nicht nachzugeben - und dann gibt eben der andere nach. Es gibt einen schönen bayerischen Spruch: "Da oane draht, da andere schleift". Im Grunde geht es darum, durch ein tiefes Sich-mögen eine Gemeinsamkeit aufrechtzuerhalten, indem man sich selbst nicht über den anderen stellt. Dazu gehört auch, den anderen zu nehmen, wie er ist. Ich bin da schon fast religiös, aber es ist so, wie sie's in der Kirche immer sagen: Es geht darum, dass man nicht die Schwächen des anderen ausnutzt, sondern ihm die Chance gibt, seine Schwächen auszugleichen. Und dass man ihm hilft, seine Wünsche zu erfüllen.

teleschau: Das setzt voraus, dass man sich gegenseitig liebevoll annimmt, wie man ist.

Polt: Das ist das klassische Geheimnis, das man Liebe nennt. Eine tiefe Zuneigung zum anderen.

teleschau: Sie haben auch einen Sohn, der schon lange erwachsen ist. Worin liegt für Sie das Glück von Elternschaft?

Polt: Wenn Sie ein gesundes Kind haben, mit ihm Zeit verbringen und einen Großteil seines Werdens beobachten können, dann ist das wunderbar. Es gibt ja Leute, die ihre Kinder abgeben müssen und sie kaum sehen, weil sie immer arbeiten müssen. Für uns war es sehr schön, dass wir für unser Kind relativ viel Zeit hatten. Das war eine wichtige Geschichte.

teleschau: Worin liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit?

Polt: Zufriedenheit hat mit den eigenen Charakterzügen zu tun. Wann begnügen Sie sich, wann sind Sie zufrieden, womit sind Sie zufrieden? Glück hingegen liegt nicht allein in der eigenen Hand. Es ist etwas, das von außen kommt, von der Gesellschaft, von der Umgebung. Glück ermöglicht Ihnen, die Eigenschaften, die Sie haben, auch zu zünden. Sie haben vielleicht gewisse Anlagen, aber es braucht die richtigen Umstände, um die überhaupt erst zum Brennen zu bringen.

teleschau: Lässt sich Glück nicht auch erarbeiten?

Polt: Vielleicht kann man das Bewusstsein für Glück verstärken. Bei den klassischen Philosophen hat das auch mit einer gewissen Demut zu tun. Dass man eben nicht sagt: "Jetzt mach ich Glück". Sondern stattdessen: "Ich erhalte Glück". Ich erkenne das Glück und lasse es nicht vorbeiziehen, weil ich blind bin.

teleschau: Und worin liegt für Sie persönlich Glück?

Polt: Ganz unphilosophisch gesagt: Wichtig ist, dass es einen nicht zu sehr zwickt. Wenn ich weiß, dass ich einigermaßen gesund bin. Die Tatsache, dass ich da so sitzen kann, dass ich nicht so viele Handicaps habe, ist schon allein ein Glücksfall. Das sind ja keine Dinge, die man sich erwirbt. Die kriegt man, vorsichtig gesagt, unverdientermaßen. Dazu kommt das Glück, dass ich zu vielen Menschen einen sehr guten Kontakt habe, der mich bereichert. Auch die Gnade der späten Geburt, wie Kohl einmal gesagt hat, gehört dazu. Dieter Hildebrandt, der ein Freund von mir war, haben sie mit 15 Jahren in eine Uniform gesteckt. Der musste gegen die Russen schießen. So ein Schicksal ist mir erspart geblieben.

teleschau: Ist man womöglich auch glücklicher, wenn man bescheiden bleibt?

Polt: Könnte sein. Da gibt's den schönen Spruch: "Wunschlos glücklich".

teleschau: An welche glücklichen Momente aus Ihrer Kindheit erinnern Sie sich gerne?

Polt: Wenn uns als Kinder ein Streich gelungen ist und die Leute sich geärgert haben, dann waren wir glücklich. Allerdings folgte darauf die Angst erwischt zu werden. Kam es nicht dazu, hat sich das Glück noch einmal potenziert.

teleschau: Sie haben einmal beschrieben, wie gerne sie "herumschildkröteln" und Zeit verstreichen lassen, indem Sie nichts tun außer mit allen Sinnen aufzunehmen, was gerade um Sie herum geschieht: Die Ameise, die über den Boden krabbelt, den Geruch von Heu, der gerade vorbeizieht, entfernte Kinderstimmen Ist das auch ein Ausgangspunkt von Glück?

Polt: Für mich gehört es zur Würde des Menschen, dass er einen Raum hat, in dem er der Souverän ist und frei entscheiden kann, wie er mit seiner Zeit umgeht. Dass er Momente hat, in denen er mit sich ist und in Ruhe kontemplativ überlegen kann, was ihm gefällt, was er machen möchte, ob er etwas plant oder lieber nicht. Das bedeutet, nicht ständig irgendwie verpflichtet zu sein. Viele Menschen sind ja Getriebene.

teleschau: Zum Beispiel im Beruf ...

Polt: Es ist nicht nur die Arbeitslast, die diese Menschen antreibt. Sie sind auch von Ritualen besetzt, die ihre Souveränität beschränken. Sie sind "addicted", abhängig, zum Beispiel vom ständigen Fernsehen. Es geht um die berühmte alte Frage: "Bin ich Subjekt oder bin ich Objekt?". Und diese Frage sollte man sich stellen. Bin ich eigentlich nur noch Objekt oder kann ich auch Subjekt sein? Und was ist das dann, dieses Subjekt?

teleschau: Es geht also um den Gestaltungsspielraum?

Polt: Genau. Ich sag immer: "Wie wichtig ist der Gedankenstrich? Wie wichtig ist die Pause in der Musik? Wie wichtig ist die Pause für die Dramaturgie im Stück?". Die Pause ist sehr vielsagend. Wer keine Zeit für eine Pause hat, also pausenlos reden, zuhören oder lernen muss, wird zum Objekt gemacht und kann sich nicht fragen, was er eigentlich will. Es ist gnadenlos, ständig Input und Output produzieren zu müssen. Pausen zu haben und damit umgehen zu lernen, das halte ich für sehr wichtig.

teleschau: Sie setzen sich immer wieder für gemeinnützige Projekte ein und treten zur Sammlung von Spendengeldern unentgeltlich vor Publikum auf, zum Beispiel für die Dana-Vávrová-Stiftung und die Roman-Herzog-Krebsstiftung. Was bedeutet Ihnen dieses Engagement?

Polt: Viel. Ich kenne zu viele Leute, die sterbenskrank sind und die ich bald nicht mehr sehen werde. Und schon kommen wir wieder auf das Glück: Wenn's mir gut geht, muss ich auch ein Zeichen setzen. Die alten Griechen haben immer diesen Obolus an die Götter gegeben. Es ist Zeichen der Dankbarkeit, dass ich eine gewisse Leistung bringe. Außerdem macht es den Leuten Freude. Und wenn die sich freuen, freut's ja auch mich.

teleschau: In einem Satz zusammengefasst: Was macht Lebensglück für Sie aus?

Polt: Das ist schwierig, deshalb sag ich jetzt was Banales: Zu meinem Lebensglück gehört, dass ich da bin.

Quelle: teleschau - der mediendienst