Marteria

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"Als Rapper muss man die Fresse aufmachen!"

Marten Laciny alias Marteria hat in den vergangenen Jahren nicht nur die eigene Rap-Karriere, sondern auch den deutschsprachigen HipHop ein Stück weit vorangebracht. Dem gebürtigen Rostocker gelang mit seinem Album "Zum Glück in die Zukunft" (2010) ein erster, mit der Hit-Single "Lila Wolken" (2012) der endgültige Durchbruch. Seitdem sind detailverliebte Produktionen und durchdachte Texte wie seine keine Seltenheit mehr im HipHop-Geschäft. Marteria gilt hierzulande als Vorreiter eines mittlerweile runderneuerten Genres. Jetzt erscheint sein neues Album "Zum Glück in die Zukunft II". Ein Gespräch mit dem 31-Jährigen über persönliches Glück, generelle Missstände in der deutschsprachigen Musik und HipHop als wichtiges politisches Statement.

teleschau: Es heißt, seit der Veröffentlichung Ihres letzten Albums hätten Sie vor allem eines getan: "Länderpunkte" gesammelt. Was ist damit gemeint?

Marteria: Ich spiele seit einiger Zeit ein Spiel mit meinen Freunden, in dem es darum geht, so viele Länder zu bereisen wie möglich. Für jedes Land gibt es einen Punkt. Ich persönlich fahre aber nicht einfach nur in fremde Länder, um Punkte zu sammeln, sondern möchte diese Länder auch kennenlernen, möglichst viel herumreisen und erkunden. Ein sehr lohnenswertes Spiel ist das also.

teleschau: Gibt es Länderpunkte, die Ihnen besonders wichtig sind?

Marteria: Mir ging es immer darum, Eindrücke zu sammeln. Was das angeht, war Afrika besonders wichtig für mich. Aber es gab auch andere Länder, die mich beeindruckten, zum Beispiel Island. Dort wollte ich schon immer mal hin, allein, weil ich ein großer Björk-Fan bin. Und der Himalaya war auch eine unfassbare Erfahrung.

teleschau: Einen Punkt gab es auch für Ihre Reise nach Argentinien, wo Sie mit Campino und den Toten Hosen waren. Campino ist jetzt auch auf Ihrem neuen Album zu hören. Was verbindet Sie und ihn?

Marteria: In erster Linie Fußball (lacht). Nein, natürlich auch viele andere Dinge. Es besteht eine große Freundschaft zwischen uns. Und dann ist da ja auch noch der Generationenunterschied: Ich kann viel von ihm lernen. Und er auch von mir.

teleschau: Was lernten Sie von Campino?

Marteria: Im vergangenen Jahr feierten die Hosen ja ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum, und da konnte ich mal das ganze Umfeld der Band kennenlernen. Wie gut diese Menschen nach so vielen Jahren miteinander umgehen, fand ich wirklich toll. Alle sind total nett zueinander, total unaufgeregt, niemand von denen ist arrogant oder irgendwie abgehoben.

teleschau: Vielleicht ist es auch eine gewisse musikalische Attitüde, die Sie und Campino zusammenschweißt. Sie gelten schließlich als Punk Ihres Genres ...

Marteria: ... was ich auch gut finde, auch wenn ich mir mit solchen Begriffen etwas schwer tue. Ich persönlich finde einfach, dass vieles in der deutschsprachigen Musik sehr monoton klingt, irgendwie langweilig und belanglos. Und das nicht nur im HipHop, sondern auch in der Popmusik und im Indie-Rock. Es klingt einfach sehr viel sehr gleich. Und da möchte ich nicht mitmachen.

teleschau: Fehlt Ihnen sonst noch etwas in der deutschsprachigen Musiklandschaft?

Marteria: Ja, mir fehlt, dass erfolgreiche Künstler auch mal was Politisches sagen. Gerade, wenn man Erfolg hat, sollte man das ab und zu tun. Das wäre dann tatsächlich auch mal ein bisschen Punk.

teleschau: Sie kritisieren immer wieder die frauen- und schwulenfeindlichen Texte im HipHop. Nehmen Ihnen einige Kollegen diese Art von Politik womöglich übel?

Marteria: Ja, das ist ja klar. Aber mir ist es relativ egal, was andere darüber sagen. Ich versuche nur zu vermitteln, was ich denke, denn nur so kann ich gute Musik machen. Alles andere wäre austauschbar. HipHop war für mich auch nie das große Proll-Ding, sondern in erster Linie eine Möglichkeit, Schwächere zu beschützen, und genau mit dieser Einstellung will ich HipHop auch vertreten. Als Rapper muss man auch mal die Fresse aufmachen!

teleschau: Ein zentraler Begriff Ihres neuen Albums, nicht nur im Titel, lautet: "Glück". Würden Sie sich derzeit selbst als glücklich bezeichnen?

Marteria: Ja, schon, ich bin auf jeden Fall glücklich. Ich kann das machen, was ich machen möchte, und stehe nicht mit einem Fragezeichen vor den nächsten Aufgaben, sondern weiß genau, was ich wie erreichen kann. Und damit meine ich nicht nur Musik.

teleschau: Was haben Sie sonst noch vor?

Marteria: Es gibt viele Projekte, die ich im Kopf habe. Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, eine Fußballschule aufzumachen. Man darf jetzt aber nicht denken, dass bei mir nur und rund um die Uhr Glück angesagt ist. Wie im Leben jedes Menschen gibt es auch bei mir eine Kurve, die aus ganz viel Glück auf der einen und ganz viel Trauer auf der anderen Seite besteht. Es geht immer wieder hoch und runter. Das drückt auch diese Platte aus, auf der es unter anderem auch um Phasen von selbstzerstörerischem Verhalten geht, die es bei mir in den letzten Jahren häufig gab.

teleschau: Wie muss man sich diese Phasen vorstellen?

Marteria: Man belügt sich selbst, achtet nicht mehr auf sich und seinen Körper. Man steht morgens auf und denkt: Diese Woche schaffe ich noch! Dann macht man weiter, immer weiter, und geht abends auch noch feiern. Das ist alles ein großes Sich-selbst-Belügen. Wobei ich das auch nicht nur schlimm finde, denn so was gehört auch dazu. Auch das formt einen Menschen. Solche Erfahrungen sind wichtig.

teleschau: In ihrer Single "Kids" behaupten Sie, dass niemand mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern hätte - stattdessen haben alle Jobs, ziehen aufs Land, essen Salat und machen Urlaub in Schweden. Ist das in Ihren Augen eine positive Entwicklung?

Marteria: Man kann diesen Song ganz unterschiedlich interpretieren, gerade weil es ein Mix aus Ernst und Spaß ist, der ihn bestimmt. Ich meine: Natürlich fahren immer noch viele Leute nach Malle, und natürlich sind viele noch hart am Feiern. Das ist ja auch vollkommen okay. Die Kritik, die ich in diesem Song äußere, ist eher die am Bild, das viele von uns und unserer Gesellschaft in Deutschland haben. Dieses Bild davon, dass tatsächlich alle immer glücklich und stark sind. Das ist nämlich ganz großer Quatsch.

teleschau: Brauchen Sie denn noch die große Party? Brauchen Sie noch das Kiffen, Saufen und Feiern, um glücklich zu sein?

Marteria: Nein, es ist nicht so, dass ich jede Nacht raus muss. Aber ich finde, es gehört dazu, ab und zu auch mal abzufeiern, die Sau raus zu lassen und auf alles zu scheißen.

teleschau: Wann waren Sie denn zum letzten Mal so richtig glücklich?

Marteria: Das war bei der Gold-Verleihung für meine erste Platte. Nachdem ich die nämlich damals abgegeben hatte, hieß es noch: Das ist doch HipHop - davon verkaufst du maximal 15.000 Stück! Wir haben uns dann den Arsch aufgerissen und alles gegeben - und es klappte. Mittlerweile können einige Leute von dem leben, was wir machen. Und dieser Moment, als ich die Goldene bekam, und als ich sie dann später auf der Party meiner Mutter übergab - da flossen schon ein paar Tränen. So krass wird es wahrscheinlich nicht mehr werden.

Marteria auf Deutschland-Tournee:

06.03., Rostock, Stadthalle

07.03., Dresden, Alter Schlachthof

08.03., Magdeburg, Stadthalle

09.03., München, Tonhalle

14.03., Stuttgart, Porsche Arena

15.03., Frankfurt Am Main, Hugenottenhalle

16.03., Köln, Palladium

18.03., Hamburg, Sporthalle

10.04., Erfurt, Stadtgarten

11.04., Hannover, Capitol

12.04., Berlin, Max-Schmeling-Halle

Quelle: teleschau - der mediendienst